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Die Stärke einer
politischen Bewegung liegt nicht nur in ihrer Fähigkeit,
ein konkretes Ziel zu erreichen. Erfolge dieser Art hängen
hauptsächlich von der Konjunktur der Kräfteverhältnisse
ab. Die Stärke einer Bewegung zeigt sich vielmehr in
ihrem Potenzial, neue Fragen aufzuwerfen und neue
Antworten zu ge'ben. Und soviel ist sicher: Die Kämpfe
der prekär beschäftigten französischen
KulturarbeiterInnen haben neue Fragen gestellt, die neue
Antworten erfordern.
Seit dem 1. Januar
2004 ist in Frankreich eine neue Regelung in Kraft.
Diese Vereinbarung sieht für hun'derttausende
Arbeitslose den Wegfall oder die Verringerung ihrer
Ansprüche vor. Betroffen sind die so genannten intermittents
du spectacle, "frei" arbeitende
Kulturschaffende. Für diese galt bislang eine ei'gene
Regelung: die so genannte "kulturelle
Ausnahme". Danach wurden KulturarbeiterInnen,
sofern sie zwischen zwei Produktionen keine Einnahmen
hatten, aus der Arbeitslosenkasse bezahlt – unter der
(für viele bereits kaum zu erfüllenden) Bedingung,
dass sie für insgesamt zwölf Monate 507 Stunden Arbeit
nachweisen konnten. Daraus ergab sich ein zwölfmonatiger
Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Nachdem jedoch
Unternehmen und drei Gewerkschaften im Sommer letzten
Jahres das "Protokoll Unedic" zur Neuregelung
der Arbeitslosenversicherung unterzeichneten, gilt diese
Regelung seit diesem Jahr nicht mehr. Nun muss die
gleiche Anzahl an Stunden in elf Monaten nachgewiesen
werden, und Arbeitslosen'unterstützung gibt’s nur
noch für acht Monate. Dadurch fallen 35% der zuvor
Anspruchsberechtigten aus dem Leistungsbezug heraus.
"Wir
sind Darsteller, Interpreten, Techniker. Wir beteiligen
uns an der Produktion von Theaterstücken, Tanz- und
Zirkusschauspielen, Konzerten, Schallplatten,
Dokumentar- und Spielfilmen, Fernsehshows, Reality-TV,
Abendnachrichten und der Werbung. Wir stehen vor und
hinter der Kamera, auf der Bühne und in den Kulissen,
wir sind auf der Straße, in den Klassenzimmern, den Gefängnissen,
den Kranken'häusern. Die Strukturen, in denen wir
beschäftigt sind, reichen von Non-Profit-Projekten bis
zu börsen'notierten Unterhaltungskonzernen. Als
Beteiligte sowohl an der Kunst wie auch an der Industrie
sind wir einer doppelten Flexibilität unterworfen:
flexible Arbeitszeit und flexible Entlohnung. Die
Regelung zur Versicherung und zur Arbeitslosigkeit der
Intermittents du spectacle ist ursprünglich aus dem Bedürfnis
entstanden, ein kontinuierliches Einkommen zu sichern,
das die Diskontinuität von Beschäftigungsver'hältnissen
abfedert. Die Regelung ermöglicht es, die Produktion
flexibel zu gestalten und die Mobilität der Lohnabhängigen
zwischen verschiedenen Projekten, Sektoren und Beschäftigungen
sicherzustellen."
And.... action!
Mit
Demonstrationen und spektakulären Besetzungs- und Streikaktionen
haben die Intermittents den ganzen Sommer 2003 lang
Widerstand geleistet. Zahlreiche Kulturveranstaltungen
mussten abgesagt werden oder wurden in Diskussionsforen
umgewandelt; eines Abends gelang es AktivistenInnne
sogar, die Übertragung der Abendnachrichten des öffentlichen
Fernsehkanals France 2 zu unterbrechen. Organi'siert
in lokalen, landesweit vernetzten Koordinationen werfen
die Intermittents die Frage der prekären Arbeit auf;
auch über den Bereich der Kulturproduktion hinaus. In
ihren Kämpfen geht es um mehr als bloße "Gehalts"forderungen.
Sie attackieren nicht nur ein juristisches oder ökonomisches
Unterordnungs'verhältnis gegenüber einem öffentlichen
oder privaten Arbeitgeber. Sie zeigen uns vielmehr,
dass es darum geht, die Grundlagen der Produktion öffentlicher
Güter wie Bildung und Kultur anzugreifen – samt der
zugehörigen institutionellen Verfahren und Verwertungstechnologien:
der Finanzierung von Kultur, der Verteilung von Zugangsrechten
und schließlich der Produktion von KonsumentInnen-Subjektivitäten
durch Schulen, Kulturindustrie und Medien.
"Dieser
Konflikt hat bei uns zu einer vertieften Reflexion über
unsere Berufe geführt. In einer Epoche, in der die
Verwertung der Arbeit mehr und mehr darauf beruht, dass
die Individuen sich mit all ihren sub'jektiven
Ressourcen in ihre Beschäftigung einbringen, und in
welcher der dieser Subjektivität zugestan'dene Raum
immer mehr eingeschränkt und formatiert wird, stellt
dieser Kampf einen Akt des Wider'stands dar: Es geht
darum, dass wir uns den Sinn unserer Arbeit auf persönlicher
und kollektiver Ebene wieder aneignen."
Kultur- und
Kommunikationsindustrie sind nicht einfach neue Felder
der kapitalistischen Akkumulation sondern produzieren
darüber hinaus Begehren, Glauben und Affekte in den
Kontrollgesellschaften. Die Intermittents besetzen dabei
eine Schnittstelle zwischen diesen Industrien, der
Produktion von Öffent'lichkeit und den KonsumentInnen
der verschiedenen Kulturindustrien. Im Grunde kann schon
längst nicht mehr von einer "Sonderstellung der
Kultur" gesprochen werden: Erstens, weil kulturelle
Praktiken längst integraler Bestandteil der
kapitalistischen Produktion sind. Und zweitens, weil die
Produktion von Affekten der materiellen Produktion
vorausgeht. Die durch Marketing, Werbung,
Kommunikationspolitik und künstlerische Praxis
produzierte KonsumentInnen-Subjektivität ist
grundlegende Voraussetzung von Kul'turindustrie und
doch auf ihre kulturindustrielle Verwertung nicht zu
begrenzen. Die Arbeitslosen-"Reform" mit ihrer
impliziten Förderung von Konzernkunst beschleunigt die
Standardisierung und Nor'mierung dieser
Verallgemeinerung kultureller Produktion und Konsumtion.
"Die
neue Regelung schont nur eine Kategorie von Lohnabhängigen,
nämlich die Gruppe mit regelmäßi'gen Verträgen. Ursprünglich
sollte es darum gehen, in Bereichen, in denen die Profitlogik
nicht an erster Stelle steht, eine Kontinuität des Einkommens
zu sichern. Nunmehr werden allein die rentabelsten Unter'nehmen
– insbesondere die der audiovisuellen Industrie – weiterhin
aus Arbeitskräften Profit ziehen, die mehr als je zuvor
gezwungen sind, den ,Inhalt’ und die Arbeitsbedingungen
der vorgeschlagenen Be'schäftigungen zu akzeptieren."
Die Intermittents
als Akteure und Betroffene dieser Situation stellen die
Frage nach den Möglichkeiten, sich dieser
kapitalistischen Besetzung der Affekte zu entziehen und
fordern uns dazu auf, die zeitgenössi'schen Formen der
Ausbeutung genauer zu untersuchen. Wie der
Industriekapitalismus sich die natürli'chen Rohstoffe
und die Arbeitskraft aneignete, um sie für die
Produktion materieller Güter auszubeuten, so ergreift
der zeitgenössische Kapitalismus die kulturellen und künstlerischen
Ressourcen, um sie der Logik des Profits zu unterwerfen
– allerdings ohne die Kosten der Produktion zu tragen.
"Als
Angriff auf die kollektiven Rechte führt diese ,Reform’ eine bestimmte Idee der kulturellen Ausnahme ein:
eine Vitrinenkunst mit ihren besonders geförderten
Vorzeigeprojekten einerseits und eine Industrie
standardisierter Kultur andererseits, die auf dem
Weltmarkt konkurrenzfähig ist."
Für die Verallgemeinerung
der "kulturellen Ausnahme"...
Im Laufe der Bewegung
der Intermittents haben die Hoteliers, Gastronomen und
Händler aus Aix-en-Provence eine Klage gegen unbekannt
eingereicht. Die Absage des "festival d´art lyrique"
durch seinen Direktor aufgrund des Streiks der Intermittents
führte zu einem Umsatzrückgang von 30% für die örtliche
Tourismusindustrie. Die Tourismusindustrie ist gemeinsam
mit der Kultur- und Kommunikationsindustrie am begierigsten
nach kulturellen und künstlerischen Ressourcen: nach Traditionen, Lebensformen, Riten, Weltsichten
ebenso wie nach Festivals, Theater, Kunstwerken aller
Art. Die Tourismusindustrie kolonisiert öffentliche
Güter wie Kunstwerke, Architekturen, Landschaften oder
historische Stadtzentren, eignet sich diese kostenlos
an und verändert ihren Status: vom "Erbe der Menschheit"
zum Privaterbe der Industrie und des Tourismus. Ein
Gang durch die historische Innenstadt einer beliebigen
europäischen Stadt ge'nügt, um zu verstehen, wie die
Umwandlung der Erfahrung von Zeit und Raum in Warenform
geschieht. Dies ist nicht nur eine ungeheure Reduktion
sozialer Öffentlichkeit auf das Begriffspaar
"Anbieter" und "Kundschaft". Eine
riesige Menge Arbeit wird außerdem ohne jegliche finanzielle
Gegenleistung verwertet.
"In
der der Neuregelung zu Grunde liegenden strikt
buchhalterischen Sichtweise ist die Beschäftigung die
einzige Berechnungsgrundlage; es wird nur ausgezahlt,
was dem Volumen der abgeführten Sozialabga'ben
entspricht. Der darüber hinausgehende Teil des
gesellschaftlich produzierten Reichtums wird nicht berücksichtigt."
Für
die sozialen Rechte als Kulturschaffende einzutreten,
ist prinzipiell aus zwei Richtungen möglich. Ein'mal,
indem man auf der "kulturellen Ausnahme" im
Sinne eines Berufsstands-Privilegs besteht. Und ein'mal,
indem man die Absicherung künstlerischer Prekarität
als Exempel für alle Prekären versteht und damit die
eigenen, zunächst begrenzten Forderungen einschreibt in
den gesellschaftlichen Kampf um soziale Rechte.
"Ist
es nicht symptomatisch, dass in das, was ein Modell für
andere Kategorien von Prekären sein könnte,
systematisch eine Bresche geschlagen werden soll? Die
Ausarbeitung eines auf der Realität unserer Prak'tiken
basierenden Arbeitslosenversicherungsmodells ist eine
offene Diskussions-Grundlage für alle For'men der
Wiederaneignung, der Verbreitung und Ausweitung des
Kampfes auf andere Bereiche."
Letztere
Perspektive ermöglicht es zudem, generelle Merkmale
postfordistischer Arbeitsverhältnisse aus der
neoliberalen Individualisierungsrhetorik zu lösen und
als Terrain politischer Kämpfe sichtbar zu ma'chen.
"Unsere
Forderungen haben nichts mit einem Kampf um Privilegien
zu tun: Flexibilität und Mobilität, die zu einer
allgemeinen Anforderung werden, dürfen nicht zu
Prekarität und Elend führen. Die Erarbeitung eines
Konzepts von Arbeitslosengeld, das die Realität unserer
Tätigkeiten anerkennt, also die Kontinuität der
Aktivitäten und die Diskontinuität der Entlohnung, öffnet
die Tür für Formen der Wiederaneignung und Zirkulation."
...
und die Aneignung des Sozialen
Die Kämpfe der Intermittents
vom vergangenen Jahr fordern uns also dazu auf, neue
Fragen zu stellen und neue Antworten zu finden. Es geht
darum, die Unterordnung unter die Bedingungen von öffentlicher
oder privater "Arbeit" zu unterlaufen, die
Produktion öffentlicher Güter jenseits ihrer Verwertung
durchs Kapital anzukurbeln und schließlich darum, produktive
Zeit von Entlohnung zu koppeln, um so den Zu'gang aller
zu nicht überwachten Lebensabschnitten sicherzustellen.
Es geht darum, Trennungen aufzuhe'ben: zwischen der
Erfindung und der Reproduktion kultureller Güter, zwischen
Produzierenden und Nut'zenden, zwischen ExpertInnen
und Laien. Der Kampf der Intermittents um soziale Rechte,
konkret: um ein staatlich garantiertes System sozialer
Sicherung ist dafür gerade deshalb Voraussetzung, weil
er über diese Forderung hinausreicht, wenn er die Reproduktion
staatskonformer Subjektivitäten, die Spaltung in "Künstler"
und "sonstige Prekäre" zurückweist und die
Sicherung sozialer Rechte mit dem Kampf um die gesellschaftliche
Aneignung öffentlicher Güter verbindet. Die an den Staat
gerichteten Forderungen die'nen so dazu, eine neue Sphäre
der Öffentlichkeit zu schaffen: eine Sphäre, die nicht
mehr vom Staat determiniert ist.
"Nur
kollektive soziale Rechte können die Freiheit der
Personen garantieren, die Kontinuität der Arbeit auch
außerhalb der Beschäftigungsperioden, die Realisierung
auch der unwahrscheinlichsten Projekte, die Diversität
und die Innovation garantieren. Dynamik,
Erfindungsreichtum und Kühnheit, welche die künstlerische
Beschäftigung charakterisieren, beruhen aber auf der
gewollten und durch die interprofes'sionelle Solidarität
erkämpften Unabhängigkeit und dem Erhalt annehmbarer
Existenzbedingungen."
Übersetzung: Michael
Sander
[aus: Fantômas
Nr.5]
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