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Im Film "Die
Marx-Brothers ziehen in den Krieg" gibt es eine
berühmte Szene. Groucho Marx spielt darin den korrupten
Präsidenten der von US-Hilfe abhängigen Balkanrepublik
Freedonia. Der Spion Chico Marx verkleidet sich als
Groucho und versucht dessen Kriegspläne zu rauben. Da
man ihm seine Maskerade nicht glaubt, blafft er schließlich
entnervt: "Who are you going to believe – me or
your own eyes?"
Dieser paradoxe Ausspruch
führt uns direkt in den Kern des Problems: Wem sollen
wir glauben? Dem Präsidenten oder unseren eigenen Augen?
Bestimmt die Wahrheit die Politik oder die Politik die
Wahrheit? Es geht darum, wie die Produktion von Wahrheit
immer schon von gesellschaftlichen Machtverhältnissen
– in Chicos Bild vom Präsidenten höchstpersönlich –
beeinflusst und normiert wird. Dieser Vorgang wurde
von Michel Foucault als "Politik der Wahrheit"
bezeichnet. Er beschreibt sie als Set von Regeln, die
die Produktion von Wahrheit bestimmen, wahre von falschen
Aussagen unterscheiden, und Verfahren der Wahrheitsproduktion
festlegen. Wahrheit wird demnach immer auch politisch
reguliert.
Den Begriff der Wahrheitspolitik
möchte ich am Beispiel dokumentarischer Formen diskutieren.
Auch hier werden Verfahren entwickelt, nach denen wahre
von falschen Aussagen zu trennen sind, ebenso wie es
bevorzugte Verfahren gibt, wahre Aussagen zu inszenieren
und zu produzieren. Auch hier wird nicht Politik aus
Wahrheit gemacht, sondern Wahrheit aus Politik.
Ein Beispiel für
eine solche dokumentarische Politik der Wahrheit ist
etwa die Bildpolitik, die im Weltsicherheitsrat der
Vereinten Nationen um die Frage der Existenz von Massenvernichtungswaffen
im Irak im Jahr 2002 und 2003 betrieben wurde. In dieser
Auseinandersetzung gab es zwei Ansätze; den der Bush-Administration
und den der UNO-Behörde Unmovic.
Die Bush-Administration arbeitete, um ihre Behauptungen
zu untermauern – exemplarisch in der berüchtigten Präsentation
des Außenminsters Powell vor dem Weltsicherheitsrat
–, mit Visualisierungen von Zeugenaussagen wie Zeichnungen
oder Untertitelungen von akustischen Dokumenten wie
Telefongesprächen. Ein weiterer Bestandteil ihrer visuellen
Argumentation waren beschriftete Satellitenfotos und
Luftaufklärungsbilder, in denen die Hauptaussage erst
durch das Einfügen interpretierender Schriftelemente
getroffen wurde. Jener indexalische Zeichenbezug, der
traditionell als Kennzeichen dokumentarischer Authentizität
gilt, war in den Bilder und Graphiken sehr dürftig und
wurde hauptsächlich durch "geheime" Quellen
gestützt. Dennoch setzte sich diese Wahrheitspolitik
gegenüber jener der Waffeninspektoren durch, die wesentlich
komplexere und kodifiziertere Verfahren der Wahrheitsfindung
entwickelt hatten – so etwa den Abgleich der Hypothesen,
die aus Photomaterial und Zeugenaussagen erstellt wurden,
mit den Messungen und Informationen, die vor Ort angestellt
wurden.
Regierung durch
Wahrheit: Dokumentalität
Wie wir an diesem
Beispiel deutlich sehen, können dokumentarische Formen
als eine Art der Regierung durch Wahrheitsproduktion
wirken. Der Begriff der Gouvernementalität, zu deutsch
"Regierung", wurde von Foucault entwickelt
und als spezifische Form der Machtausübung bestimmt,
die über die Produktion von Wahrheit operiere.
Das wesentliche politische Problem sei demnach nicht
die Unwahrheit der gesellschaftlichen Verhältnisse,
sondern ihre Wahrheit, d.h. die Art, wie bestimmte Konzepte
und Produktionsformen von Wahrheit Herrschaft hervorbringen,
stützen oder aber umgehen bzw. in Frage stellen. Auch
mediale Produktionen können die Rolle gouvernementaler
Strukturen übernehmen und als gouvernementales "Scharnier"
zwischen Macht und Subjektivierung funktionieren.
Diese Schnittstelle
zwischen Gouvernementalität und dokumentarischer Wahrheitsproduktion
nenne ich "Dokumentalität". Dokumentalität
beschreibt die Durchdringung einer spezifischen dokumentarischen
Politik der Wahrheit mit übergeordneten politischen,
sozialen und epistemologischen Formationen. Dokumentalität
ist der Umschlagpunkt, an dem Formen dokumentarischer
Wahrheitsproduktion in Regierung umschlagen – oder umgekehrt.
Sie beschreibt die Komplizität mit herrschenden Formen
einer Politik der Wahrheit ebenso, wie sie eine kritische
Haltung gegenüber diesen Formen beschreiben kann. Hier
verbinden sich wissenschaftliche, journalistische, juristische
oder authentizistische Macht/Wissensformationen mit
dokumentarischen Artikulationen – wie wir es in Powells
Rede exemplarisch sahen.
Die Wahrheitspolitik
der US-Administration ist ein perfektes Beispiel für
das dokumentale Zusammenspiel zwischen Macht, Wissen
und der Organisation von Dokumenten. Dokumentalität
kann aber im Gegensatz dazu auch einen Versuch bedeuten,
sowohl dominante Formen von Wahrheitsproduktion als
auch von Regierung zu durchkreuzen und zu problematisieren,
etwa wie im Versuch der Gruppe kinoki,
eine sowjetische Rote Kinematographie
zu erschaffen. Deren Ziel war die Revolutionierung der
Rezeptions- und Produktionspraxen durch die Mechanisierung
des Auges und die planmäßige Organisation der Herstellung
sowie die Ablösung des dominanten Spielfilms durch den
dokumentarischen "Film der Fakten". Die Organisation
des Films und die Organisation der Gesellschaft folgten
denselben materialistischen, wissenschaftlichen und
gleichzeitig konstruktivistisch-revolutionären Prinzipien.
In beiden Fällen
entspricht die Funktion des Dokumentarischen jener von
Regierungstechniken als "Machtform, die das Feld
möglicher Handlungen von Subjekten durch die Produktion
von Wahrheit strukturiert."
Auf dem Gebiet des Dokumentarischen geht es analog
dazu ebenfalls darum, das Feld der möglichen Handlungen
zu strukturieren, d.h. Handlungen (oder Haltungen) nahezulegen,
vorzuschlagen, hervorzurufen, zu unterbinden oder umzuformen
– wie etwa im Fall von Powells Präsentation vor dem
Weltsicherheitsrat. Dokumentarische Formen bilden also
in dieser Lesart weniger Wirklichkeit ab, als dass sie
sie erst hervorbringen. Das Dokument funktioniert hier
eher als heuristisches Instrument, das nicht einen Ist-Zustand
festhält, sondern einen Soll-Zustand herbeiführen will.
Dokumente nehmen
also oftmals den Charakter von Katalysatoren von Handlungen
an, sie sollen jene Wirklichkeit erst herstellen, die
in ihnen dokumentiert ist. Aber daraus – und das ist
das Problem an Foucaults Konzept von Wahrheitspolitik
- lässt sich keineswegs ableiten, dass jeglicher Begriff
von Wahrheit kontingent und relativ sei. Denn auf der
einen Seite ist die Artikulation, die Produktion und
Rezeption eines Dokuments zwar zutiefst von Machtbeziehungen
gekennzeichnet und beruht auf sozialen Konventionen.
Auf der anderen Seite beruht die Macht des Dokuments
aber darauf, dass es auch das beweisen können soll,
was innerhalb dieser Machtbeziehungen unvorhergesehen
ist – es soll das Unvorstellbare, Verschwiegene, Unbekannte,
Rettende und sogar Ungeheuerliche zum Ausdruck bringen
können – und somit die Möglichkeit zur Veränderung schaffen.
Ambivalente "Rettung"
In Bezug auf die
Möglichkeit der Darstellung des Realen hat dieses Paradox
der Wahrheit Walter Benjamin ausformuliert, als er sein
Konzept des "dialektischen Bildes" in den
Thesen "Über den Begriff der Geschichte"
zur Vollendung brachte. Dieses Konzept entwirft einen
materialistischen Wahrheitsbegriff in der Repräsentation,
der die Konstruiertheit jeglicher Darstellung und die
trotzdem fortbestehende Unrelativierbarkeit von Wahrheit
miteinander vermittelt. Das dialektische Bild ist insofern
ein dokumentarisches, als es ein besonderes, nämlich
historisch-materialistisches Abbild von Geschichte zeigt.
Dabei ist für Benjamin dessen Wahrheit, die nur unter
klar begrenzten Umständen fixiert werden kann, nicht
relativ und kontingent:
"Wenn die
Geschichte in einem aufblitzenden Bild zum Stillstand
gebracht wird, ist dieses Bild keine subjektive
Erscheinung, sondern bildlicher Ausdruck eines realen
Ortes. Subjekt und Objekt fallen im dialektischen Bild
zusammen."
Dieses Bild ist eine
radikal antirealistische Konstruktion, in der sich gleichwohl
"der reale Ort" abbildet, oder wie Adorno
schreibt: die "objektiven Kristallisationen der
geschichtlichen Bewegung". Es sei, so Benjamin "identisch
mit dem historischen Gegenstand".
Es ereignet sich in einem Zwischenraum, der aus der
homogenen leeren Zeit und den sie konstituierenden Machtverhältnissen
herausgesprengt wird. Das abrupte, revolutionäre Aufsprengen
der herrschenden Zeit im dialektischen Bild, der Moment
der Gefahr und die in diesem Intervall aufblitzende
andere Form der Zeitlichkeit lässt eine Pforte entstehen,
die Benjamin als Möglichkeit der Erscheinung des Messias
und somit der Rettung interpretiert.
In diesem Bild kollabiert
nicht nur der Unterschied zwischen Objekt und Subjekt,
sondern auch der Gegensatz zwischen der Wahrheit "an
sich" und "für sich" wird dialektisch
aufgehoben, und somit vielleicht auch "gerettet",
im ambivalenten Sinne der dialektischen Aufhebung, die
den Gegensatz gleichzeitig negiert, auf eine höhere
Ebene hebt und ihn aufbewahrt. Emphatisch bejaht diese
Möglichkeit etwa Siegfried Kracauer, der die "Errettung
der äußeren Wirklichkeit" durch das Medium Film
erhofft, dies aber mit technologischen Begriffen in
einer "Affinität" dieses Mediums zur Wirklichkeit
begründet.
Und ähnlich sieht es auch Jean-Luc Godard: "selbst
tödlich zerkratzt, vermag ein kleines Rechteck von 35
Millimetern die Ehre der gesamten Wirklichkeit zu retten."
So schreibt auch
Georges Didi-Huberman angesichts der einzigen vier erhaltenen
Fotografien, die Insassen von Auschwitz unter Lebensgefahr
vom Vorgang der Massenvernichtung anfertigten, von "Bildern
trotz allem",
die sich einem ungeheuren Vorgang der Auslöschung von
Wirklichkeit und Gedächtnis entgegenstemmten. Zwei der
vier Bilder wurden dabei aus dem "Schutz"
der dunklen Gaskammer heraus aufgenommen, und zeigen
die Verbrennung der Ermordeten in riesigen Gruben. Ein
weiteres Foto zeigt den Vorgang der Entkleidung einer
Gruppe Frauen unter freiem Himmel. Das letzte Foto zeigt
eine verwackelte Ansicht des Himmels und einiger Äste
und wurde offensichtlich gemacht, ohne durch den Sucher
zu schauen. Die Produktion dieser Fotos vollzog sich
anhand eines ausgeklügelten Zeitplans, der sich genau
an die An/Abwesenheit deutscher Wachen anpassen musste.
Es ist fast unnötig zu sagen, dass die Aufnahmen der
Häftlinge unter Lebensgefahr entstanden.
Auschwitz war ein
Territorium, das zwar eine eigene Fotowerkstatt besaß,
das jedoch auf keinen Fall von Unbefugten fotografiert
werden durfte. So entstanden tausende "offizieller"
Fotos von Auschwitz, auf denen nichts, aber auch gar
nichts vom dort stattfindenden Massenmord zu sehen ist.
Mitglieder des polnischen Widerstands beschlossen daraufhin,
Fotos der ungeheuren Verbrechen von Mitgliedern des
dort tätigen sogenannten Sonderkommandos anfertigen
zu lassen. Nachdem die vier Fotos belichtet worden waren,
wurden sie unter großen Schwierigkeiten in einer Zahnpastatube
aus Auschwitz herausgeschmuggelt. Der Zweck dieser Bildproduktion
war die Erstellung von Beweisen für die Massenvernichtung.
Didi-Huberman vergleicht diese Fotos, die einzigen,
die von Häftlingen eines Vernichtungslagers produziert
wurden und erhalten sind, ausdrücklich mit Benjamins
Konzeption des dialektischen Bildes und weist darauf
hin, dass auch Hannah Arendt ähnliche Beschreibungen
unerwartet und plötzlich artikulierter Wahrheit verwendet
habe, als sie angesichts des Auschwitzprozesses schrieb:
"Anstelle der
ganzen Wahrheit wird der Leser jedoch Momente der
Wahrheit finden, und einzig vermittels dieser
Augenblicke kann man dieses Chaos aus Grauen und Bosheit
artikulieren. Diese Augenblicke tauchen unerwartet auf,
wie Oasen in der Wüste. (...)"
Die Momente der Wahrheit
sind also ebenso eingesprengt in die Berichte bzw. Bilder
der Vorgänge des Verbrechens, wie die messianische Zeit
in Benjamins Konzeption der Jetztzeit. Dementsprechend
weist Didi-Huberman darauf hin, dass auch die vier unter
ungeheuren Anstrengung hergestellten Photos der Häftlinge
von Auschwitz "Momente der Wahrheit" darstellten.
Diese Formulierung bedeutet aber zweierlei: auf der
einen Seite partizipieren sie, wie Benjamins dialektische
Bilder, zweifellos an Wahrheit. Auf der anderen Seite
sei es hingegen unstatthaft, "die ganze Wahrheit"
von diesen Bildern zu verlangen. Es seien
"winzige Proben,
die einer hochkomplexen Realität entnommen wurden,
kurze Momente eines Kontinuums, das nicht weniger als fünf
Jahre gedauert hat. Aber sie sind für uns – für
unseren heutigen Blick – die Wahrheit selbst, das heißt
ihr Relikt, ihr armseliger Überrest: das Sichtbare, das
von Auschwitz bleibt."
Die Bilder zeigen
also Wahrheit – aber eben nicht die "ganze"
Wahrheit. Sie erweisen sich als janusköpfiges Konstrukt,
in dem "Momente der Wahrheit" artikuliert
werden können.
Momente der Wahrheit
Auch Didi-Huberman
artikuliert hier das Paradox, dass dieses Konzept der
Bildlichkeit gleichzeitig vermittelt und unvermittelt,
konstruiert und am Realen partizipierend gedacht wird.
Das Bild zeige gleichzeitig Wahrheit und "Dunkelheit",
also Unschärfe und andere Parameter, die die Bilder
bis in die Unverständlichkeit abgleiten ließen.
Trotzdem sei diese unvollständige, teils verdunkelte
und oft auch völlig unerträgliche Wahrheit aber die
einzige, über die wir verfügten. Die Schwierigkeit für
Historiker, mit diesen Bildern umzugehen, beruhe darauf,
dass von diesen Bildern gleichzeitig zu viel und zu
wenig verlangt werde:
Verlangt man ihnen zuviel – die "ganze Wahrheit"
- ab, tritt Enttäuschung ein: die Bilder sind plötzlich
nur mehr abgerissene Fetzen, Filmstückchen, also inadäquat.
Verlangt man zu wenig von ihnen und verweist sie in
den Bereich des Simulakrums werden sie damit aus dem
historischen Feld ausgeschlossen. Denn aus dem Simulakrumcharakter
der Bilder schließen die Historizisten dann, dass das
Universum der Lager überhaupt nicht repräsentierbar
sei, da "es überhaupt keine Wahrheit des Bildes
gibt, des fotografischen oder filmischen Bildes genau
so wenig wie des gemalten oder geformten."
An beiden Polen dieser Verhältnissetzung zur Wahrheit
versagen die Bilder also. Das Bild ist nicht wahrheitsfähig,
was gleichzeitig bedeutet, dass es auch nachträglich
eben jenem Abgrund der Auslöschung anheim fällt, dem
es unter ungeheuren Anstrengungen zu entkommen trachtete.
Was aber, wenn diese
Bilder insistieren? Wenn sie "trotz allem"
repräsentieren, und zwar nicht nur irgendetwas, sondern
die Wahrheit? Didi-Huberman benennt hier wiederum die
Pole, zwischen denen das Paradox der Wahrheit sich abspielt:
auf der einen Seite das ethisch absolut notwendige Insistieren
(auf) einer geschichtlichen Wahrheit, die auch dann
wahr bliebe, wenn jegliches Zeugnis von ihr vernichtet
worden wäre; auf der anderen Seite die Einsicht, dass
deren Wahrnehmung nur innerhalb einer medial (sozial,
politisch) vermittelten und somit manipulierbaren und
opaken Konstruktion geschehen kann.
Die vier Photos,
von denen Didi-Huberman handelt, können als Momente
der Wahrheit verstanden werden, die die fast geschlossene
ideologische Decke der nationalsozialistischen Dokumentalitäten
durchschlagen, innerhalb eines kurzen, unter ungeheuren
Anstrengungen hergestellten Intervalls, in dem es zwar
gelingt, das zu zeigen, was im faschistischen System
unter allen Umständen unsichtbar und bildlos bleiben
soll. Gesehen worden ist es allerdings damals nicht,
und auch heute noch, so erzählt Didi-Huberman voller
Abscheu, schrecken Historiker nicht davor zurück, die
Bilder auf teils abscheulichste Weise zu manipulieren,
um sie so als historische Dokumente "plausibel"
zu machen. Was damit wegkadriert wird – die Schieflage
des Ausschnitts, der dunkle Umriss der Gaskammer, aus
der heraus zwei dieser Aufnahmen angefertigt wurden,
die Unschärfen und Verwischungen –, sind eben jene Aspekte,
denen sich der Benjaminsche Moment der Gefahr deutlich
eingeprägt hat, der Moment einer gefährdeten Produktion
eines winzigen Zeit-Intervalls, das die nationalsozialistische
Kontrolle jeglicher Bildproduktion an einem genau begrenzten
Ort durchschlägt.
Die "ganze Wahrheit"
ergibt sich jedoch erst aus einer genauen Kontextualisierung,
oder "Beschriftung" solcher Bilder, wie es
etwa am Beispiel der Kontroverse um den Umgang der Wehrmachtsausstellung
mit einigen ihrer - Verbrechen dokumentierenden - Fotos
nachzulesen ist. Nachdem von anderen Historikern in
Frage gestellt worden war, ob die ausgestellten Fotos
auch wirklich Verbrechen der Wehrmacht oder solche des
sowjetischen Geheimdiensts zeigten, war eine exakte
Rekonstruktion der Tathergänge erforderlich, die sich
aus dem zu Sehenden keineswegs unmittelbar erschloss
und den Historikern eben jene Aufgabe der genauen Lektüre
und Beschriftung abverlangte, die Benjamin seinem Fotografen
vorhergesagt hatte: "die Schuld" auf den Bildern
aufzudecken und "den Schuldigen zu bezeichnen".
Die Rekonstruktion führte dann nicht nur zur Neubeschriftung
der fraglichen Bilder, sondern auch zu einer genaueren
Reflexion über den Status von Fotografien als Dokumente.
Anhand dieser Diskussion
wird aber deutlich, wie dringend die Frage einer Politik
der Wahrheit insistiert, die keineswegs durch rein relativistische
Einwände abzuweisen ist. Der relativistische Einwand
gegen das Bild als reine Konstruktion spielt hier dem
revisionistischen Einwand gegen die Ermittlung der Täter
in die Hände. Das Ergebnis wäre eine fortgesetzte Auslöschung
von Momenten der Wahrheit. Die "Dringlichkeit"
des Dokumentarischen liegt im ethischen Dilemma begründet,
von einem Geschehen Zeugnis ablegen zu sollen, das als
solches nicht zu vermitteln ist, sondern notwendig Elemente
von Wahrheit ebenso wie von "Dunkelheit" enthält.
Auf der anderen Seite kann diese Notwendigkeit einer
"Rettung" wiederum in ein appellatives Moment
umschlagen, das von humanitären und karitativen Motiven
vereinnahmt und in einen liberal-humanitären Dokumentalitätsduktus
überführt werden kann. Der Imperativ der "Rettung"
wird hier zum interventionistischen Appell uminterpretiert
und somit in neue Formen von Gouvernementalität und
humanitärer, auf "Opfer" fokussierter Wahrheitspolitik
gelenkt. Die elendsvoyeuristischen Bildformen, die dieser
"Rettungs"-Gedanke entwickelt, gehören zu
den potentesten Dokumentalitäten der Gegenwart und legitimieren
militärische ebenso wie ökonomische Invasionen.
Das Problem, das
hier entsteht, ist ein ethisches und politisches. Der
Begriff der "Rettung" erweist sich als ambivalent,
entsprechend der Politik der Wahrheit, in die er sich
einschreibt: Auf der einen Seite verweist er, wie in
Didi-Hubermans Beispiel, auf die Benjaminsche "Tradition
der Unterdrückten",
die ein Geschichtsverständnis von uns verlangt, das
die massiven Auslöschungen faschistischer Repräsentation
zurückweist und den wenigen Gegenbildern, die unter
unsäglichen Mühen entstehen konnten, gebührenden Respekt
erweist. Wir müssen in diesem Fall darauf insistieren,
die in den Fotos aufgehobenen "Momente der Wahrheit"
gründlich zu lesen und zu bergen, anderenfalls es keinen
Sinn mehr hat, überhaupt von Wahrheit zu sprechen. Auf
der anderen Seite ist der Begriff der "Rettung"
zutiefst verstrickt in vitalistische Konzeptionen einer
Authentizität, die nur zu oft durch den voyeuristischen
und instrumentalisierenden Verweis auf "nacktes
Leben" abgesichert werden soll, laut Giorgio Agamben
der Nullpunkt menschlicher Existenz.
Einerseits kann es ihm gelingen, wie in Didi-Hubermans
Beispiel, eine herrschende, in diesem Fall faschistische
Wahrheitspolitik herauszufordern. Andererseits wird
diese, sich auf nacktes Leben berufende Wahrheitspolitik
durch die Figur der "Rettung" erst konstituiert,
wie z.B. in den humanitären Wahrheitspolitiken des Jahrtausendwechsels.
Es ist dieses Paradoxon,
das von Chico Marx in seinem unwiderstehlichen Gedankenblitz
zusammengefasst wurde: "Who are you going to believe
– me or your own eyes?" Es gibt kaum eine Sichtbarkeit,
die nicht mit Machtverhältnissen durchtränkt ist – sodass
wir fast sagen können, dass das, was wir sehen, immer
schon von Machtverhältnissen vorgesehen ist. Auf der
anderen Seite insistiert auch der Zweifel an diesen
Sichtbarkeiten mit einer Vehemenz, die eine eigene Form
von Macht zu konstituieren imstande ist. Chicos Frage
ist daher prinzipiell unbeantwortbar. Wir müssen sie
offenlassen – und hoffen, dass diese verwirrende Lücke
den Weg auf andere Sichtbarkeiten freilegt.
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Lemke, Thomas (1997).
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Sonderband neue Folge AS251.
Pasquino Pasquale,
Fontana Allessandro (1978). "Wahrheit und Macht"
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der Macht. Berlin, Merve.
Vertov, Dziga (1998).
Vorläufige Instruktion an die Zirkel des Kinoglaz. Bilder
des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms.
Eva Hohenberger. Berlin, Verlag Vorwerk: S. 87-93.
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