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Dieser Essay ist
ein Versuch, das Terrain der "öffentlichen"
Sphäre als gleichermaßen lokalisierbares wie imaginäres
auszumessen sowie die gewandelten und sich wandelnden Möglichkeiten
zu diskutieren, die der Kunstproduktion als
Werkzeugkasten der Kommunikation und Repräsentationspolitik
im Bereich des Öffentlichen zukommen. Ich werde meinen
Ausgangspunkt in Konzeptionen der Praxis und der Betrachterschaft
nehmen, die eine grundsätzlich "fragmentierte"
öffentliche Sphäre zugrunde legen, und untersuchen,
welche Potenziale, Problematiken und Politiken hinter
der (realen oder imaginären) Herstellung einer
partikularen Öffentlichkeit liegen. Wo kann Öffentlichkeit
heute verortet werden, und wie können kritische
und/oder künstlerische Interventionen in ihr gesetzt
werden? Wie werden spezifische Öffentlichkeiten sowie
positionale und/oder partizipatorische Modelle der
Betrachterschaft, die den (modernistischen)
generalisierten Modellen entgegengesetzt sind,
wahrgenommen und/oder hergestellt? Bringt dies eine
Neufassung und Verlagerung des (bürgerlichen) Begriffs
von Öffentlichkeit in eine andere Arena und/oder in
eine Vielzahl von unterschiedlichen, einander überlappenden
Sphären mit sich? Oder, um es anders auszudrücken, was
kann an die Stelle der öffentlichen Sphäre gesetzt
werden?
Die Vorstellung von
öffentlichen Kunstwerken ist gewöhnlich schlicht und
einfach mit der Einrichtung eines Kunstwerks im öffentlichen
Raum verknüpft. Von Werken, die auf diese Art und in
diesem Kontext errichtet werden, wird also angenommen,
dass sie sich von Kunst in der privaten Sphäre, etwa
von in Galerien zirkulierenden und verkauften Werken,
unterscheiden. Öffentliche Kunstprojekte ziehen ein
anderes Publikum und in der Tat andere Vorstellungen
von Betrachterschaft nach sich. Sie sind üblicherweise
auch in eine andere Art von (öffentlicher) Debatte involviert,
die ebenso vor wie nach der Installation des Werks
stattfindet, und die Gestaltung der Arbeit impliziert
gewöhnlich einen langen politischen Prozess und Planungsvorgang:
Was kann wo errichtet werden, und für wen?
In der Moderne wurden
solche Fragen täuschend einfach beantwortet: Die Form
des Werkes war eine Antwort in sich selbst - sie bildete
eine Synthese. Architektonische und skulpturale Werke
wurden von einer ähnlichen modernen Matrix aus produziert,
und eine Skulptur einem Platz hinzuzufügen bedeutete
gewöhnlich eher Kontinuität als Dissonanz. Es gab, jedenfalls
wurde davon ausgegangen, eine Einheit zwischen der Konzeption
der Öffentlichkeit und dem öffentlichen Kunstwerk. Solch
eine Einheit wurde indes stark diskutiert und kritisiert.
Schließlich handelte es sich immer um eine Konstruktion,
ein Ideal, und weniger um eine tatsächliche Wirklichkeit.
Die Öffentlichkeit wurde nie in uniformer Weise betreten
oder genutzt, und Kunstwerke hatten natürlich sowohl
unterschiedliche Konzepte als auch unterschiedliche
Bedeutungen, die unterschiedlich zu lesen waren. Wir
müssen demnach eher von einer Fragmentierung und Differenzierung
der öffentlichen Sphäre einerseits sowie von einer Ausweitung
und/oder Dematerialisierung von Kunstwerken andererseits
sprechen - was wiederum andere Formen erfordert, öffentliche
Werke zu verstehen und umzusetzen.
Im Gegensatz zu den
Idealen der Hochmoderne, die sich auf einzigartige,
autonome und formal vollkommene Kunstwerke bezogen,
sollten wir Kunstwerke heute als in einem heterogenen
Feld verortet verstehen, in dem sich die Bedeutungen
des Werks sowie das, was es jeweils kommuniziert, je
nach Raum, Kontexten und Öffentlichkeiten verschieben.
So wenig es ein vollkommenes, ideales Werk gibt, so
wenig gibt es auch einen idealen Betrachter oder eine
ideale Betrachterin, die verallgemeinert werden könnten.
Wir können von den Räumen der Kunst nicht als einem
gemeinsamen, geteilten Raum sprechen, in den wir mit
gleichartigen Erfahrungen eintreten; im Gegenteil hat
sich die Idee des neutralen Betrachters aufgelöst bzw.
wurde kritisiert, und die Identitäten der BetrachterInnen
wurden seit den 1960er Jahren von Kunstpraxen wie von
verschiedenen Theoriebildungen spezifiziert und differenziert.
Diese Verschiebung
zieht natürlich auch andere Vorstellungen von kommunikativen
Möglichkeiten und Methoden in Bezug auf das Kunstwerk
nach sich, sofern weder dessen Form noch dessen Kontext
oder BetrachterInnen fixiert oder stabil sind: Derlei
Beziehungen müssen ständig (neu) verhandelt und in Begriffen
von Publika oder Öffentlichkeiten aufgefasst werden.
Dies bedeutet einerseits, dass das Kunstwerk selbst
(in einem erweiterten Sinn) aus seinen traditionellen
Formen (wie etwa dem Material) und Kontexten (Galerien,
Museen etc.) gelöst wird, und andererseits, dass es
sich in eine Bedingtheit in Bezug auf ein (anderes)
Set von Parametern begibt, das als Erfahrungsräume
beschrieben werden kann, das heißt: sich auf Begriffe
von Betrachterschaft und den Aufbau kommunikativer Plattformen
und/oder Netzwerke rund um das Kunstwerk einlässt, die
von verschiedenen Ausgangspunkten
hinsichtlich der BetrachterInnen bedingt sind und sich
je nach diesen Ausgangspunkten verändern.
Der BetrachterInnenblick
ist natürlich nicht allein vom Werk und seiner Platzierung
abhängig, sondern auch von der sozialen Verortung der
BetrachterInnen (hinsichtlich Alter, Klasse, des ethnischen
Hintergrunds, Gender, Politik etc.). Oder auch, breiter
gesprochen, von Erfahrungen und Intentionalitäten. Wir
können also von drei variablen Kategorien sprechen,
die einander jeweils in ihrer Definition beeinflussen:
Werk, Kontext und BetrachterIn. Keine von ihnen ist
gegeben, jede von ihnen ist konflikthaft, ja agonistisch.
Wenn wir über Kunstproduktion
und Repräsentation nachdenken, ist es daher von zentraler
Bedeutung, diese Begriffe sowohl individuell als auch
in ihrer Beziehung zueinander zu verhandeln. Und ebenso
wie gegenwärtige Kunstpraxen gezeigt haben, dass weder
das Werk noch der/die BetrachterIn formal definiert
und fixiert werden können, ebenso haben wir auch letztlich
realisiert, dass die Konzeption der Öffentlichkeit
als Arena, in der man sich trifft und in die man sich
einbringt, dematerialisiert und/oder erweitert ist.
Wir begreifen Öffentlichkeit nicht mehr als Entität,
als einen Ort und/oder eine Formation, wie dies Habermas’
berühmte Beschreibung der bürgerlichen Öffentlichkeit
nahe gelegt hat. Jürgen Habermas’ soziologische und
philosophische Untersuchung der Entstehung der so genannten
"Öffentlichkeit", meist als normativ und idealistisch
kritisiert, ist im Grunde eine Rekonstruktion der Ideale
und des Selbstverständnisses der entstehenden bürgerlichen
Klasse - die ein rationales Subjekt setzt, das außerhalb
seiner selbst, in
der Gesellschaft und von
der Gesellschaft öffentlich zu sprechen imstande ist.
Daher die Trennung zwischen dem Privaten (Familie und Haus: Eigentum), dem Staat (Institutionen, Gesetze) und dem Öffentlichen (dem Politischen und dem Kulturellen).
Wir müssen stattdessen
die öffentliche Sphäre als fragmentiert denken, als
etwas, das aus einer Vielzahl von Räumen und/oder Formationen
besteht, die sich bald miteinander verbinden, bald voneinander
abschotten, und die in konflikthaften und widersprüchlichen
Beziehungen zueinander stehen. Zudem haben uns die Arbeiten
von Oskar Negt und Alexander Kluge bewusst gemacht,
dass die Interaktionen, die wir als Subjekte mit Öffentlichkeiten
unterhalten, von unseren Erfahrungen abhängig sind.
Es gibt nicht nur Öffentlichkeiten und Ideale von diesen,
sondern auch Gegenöffentlichkeiten. Indem sie den Akzent auf den Begriff der Erfahrung
legen, weisen Negt und Kluge nicht nur, in Habermas’schen
Begriffen gesprochen, auf die Ungleichheit bezüglich
des Zugangs zur öffentlichen Sphäre hin; er erlaubt
es ihnen auch, Verhaltensweisen sowie die Möglichkeiten,
zu sprechen und zu handeln, in verschiedenen Räumen
zu analysieren. In ihrer Analyse sind sowohl der Arbeitsplatz
als auch das eigene Haus "öffentlich", das
heißt, sie sind Orte, an denen kollektive Erfahrung
organisiert wird. Und sie versuchen eine spezifische,
aber plurale Öffentlichkeit anzusetzen, die in Entgegensetzung
zur normativen "bürgerlichen" Öffentlichkeit
"proletarisch" genannt werden kann.
Gegenöffentlichkeiten
können als partikulare Parallelformationen von minoritärem
und sogar untergeordnetem Charakter verstanden werden,
in denen andere oder oppositionelle Diskurse und Praxen
formuliert und verbreitet werden können. Wo der klassische
bürgerliche Begriff von Öffentlichkeit Universalität
und Rationalität für sich in Anspruch nimmt, behaupten
Gegenöffentlichkeiten oft das Gegenteil und bringen
konkret oft eine auf andere Identitäten und Praxen orientierte
Umkehr existierender Räume mit sich, wie etwa am Fall
der Benutzung von öffentlichen Parks als Cruising Areas
in der Schwulenkultur besonders deutlich wird. Das für
bestimmte Verhaltensweisen vorgesehene architektonische
Rahmengefüge bleibt hier unverändert, während der Gebrauch
dieses Rahmengefüges drastisch gewandelt wird: Private
Handlungen werden in der Öffentlichkeit ausgeführt.
Nach Michael Warner
haben Gegenöffentlichkeiten viele Eigenschaften mit
normativen oder dominanten Öffentlichkeiten gemeinsam
- dass sie als imaginäre Adressierung, als spezifischer
Diskurs und/oder Ort existieren, dass sie Zirkularität
und Reflexivität implizieren - und sind daher immer
schon ebenso relational,
wie sie oppositionell
sind. Der Begriff der "Selbstorganisation"
in der jüngeren Kunstgeschichte beispielsweise ist
für sich besehen zwar zumeist ein oppositioneller Begriff,
der gewiss mit Glaubwürdigkeit ausgestattet ist, aber
er benennt deswegen noch keine Gegenöffentlichkeit.
Selbstorganisation ist in der Tat ein Merkmal jeder
öffentlichen Formation: dass sie sich nämlich als Öffentlichkeit
durch ihre spezifische Weise der Adressierung herstellt
und setzt. Eher schon bezeichnet Gegenöffentlichkeit
eine bewusste Spiegelung der Modalitäten und Institutionen
der normativen Öffentlichkeit, aber in Form eines Versuchs,
andere Subjekte und tatsächlich andere Imaginarien anzusprechen:
"Gegenöffentlichkeiten
sind 'gegen' [nur] in dem Maße, wie sie andere Weisen
bereitzustellen versuchen, Geselligkeit unter Fremden
sowie ihre Reflexivität zu imaginieren; als Öffentlichkeiten
bleiben sie auf eine Zirkulation von Fremden orientiert,
und zwar auf eine nicht nur strategische, sondern hinsichtlich
der Zugehörigkeit und ihrer Affekte konstitutive Art
und Weise."
Wenn wir demnach
über Öffentlichkeit nur im Plural sowie in Begriffen
der Relationalität und der Verhandlung sprechen können,
dann wächst dem Verständnis, der Setzung und der Rekonfiguration
der Räume der Kunst als "Öffentlichkeiten"
eine zentrale Bedeutung zu. Ist die Kunstwelt - jene
öffentliche Arena, in der "wir", LeserIn wie
Schreiber gleichermaßen, gerade verortet sind - als
ein Fragment einer verallgemeinerten bürgerlichen Öffentlichkeit
zu sehen, oder ist es möglich, dass sie gegensätzliche
Sphären in sich enthält? Und wie verhalten sich diese
zueinander? Wenn wir eine "Kunstwelt" genannte
partikulare Öffentlichkeit analysieren, was sind dann
ihre Abgrenzungen, und welcher strategische Gebrauch
kann von ihr gemacht werden, um sich in andere öffentliche
Sphären einzubringen? Schließlich bleibt die Frage,
wie Kunstwerke und das sich um Kunst drehende Denken
in diese verschiedenen Sphären intervenieren können
- indem sie einerseits ihren Ausgangspunkt im spezifischen
Fragment der Kunstwelt nehmen und sich andererseits
direkt oder indirekt auf andere Sphären einlassen.
Wie die modernistische
Konzeption des einzigartigen Kunstwerks und des Betrachters
bzw. der Betrachterin erscheint die Idee der universellen,
bürgerlichen Öffentlichkeit heute als rein historisch.
Die wohlgeordnete bürgerliche Öffentlichkeit ist ebenso
sehr wie andere Formationen ein Fragment, und die Frage
ist in der Tat, ob sie jemals überhaupt als irgendetwas
anderes denn als Projektion, als Ideal existiert hat.
Als eine Projektion, die in unserer multikulturellen
und hyperkapitalistischen, modularen Gesellschaft nicht
mehr nützlich zu sein scheint. Vielleicht sollte diese
Modulation der gesellschaftlichen Aufteilung in verschiedene
Bereiche und spezialisierte Disziplinen als Grundlage
für die Realisierung von Öffentlichkeit und ihre Fragmentierung
in verschiedene Lager und/oder Gegenöffentlichkeiten
gesehen werden. Diese fragmentierten Sphären bilden
zusammen die "imaginäre Institution der Gesellschaft",
wie sie Cornelius Castoriadis beschrieben hat. Für Cornelius
Castoriadis sind Gesellschaft und ihre Institutionen
ebenso sehr fiktional wie funktional. Institutionen
sind Teile symbolischer Netzwerke, und als solche nicht
festgelegt oder stabil. Aber indem Castoriadis ihren
imaginären Charakter in den Blick nimmt, gibt er auch
zu verstehen, dass andere soziale Organisationen und
Interaktionen imaginiert werden können: dass andere
Welten tatsächlich möglich sind.
Wenn wir die Kunstwelt
als eine partikulare öffentliche Sphäre einführen, so
müssen wir diesen Begriff entlang zweier Linien erforschen.
Erstens als eine Sphäre, die nicht einheitlich ist,
sondern agonistisch und eine Plattform für unterschiedliche
und gegensätzliche Subjektivitäten, Politiken und Ökonomien:
ein "Schlachtfeld", wie es Pierre Bourdieu
und Hans Haacke definiert haben. Ein Schlachtfeld, auf
dem unterschiedliche ideologische Positionen nach Macht
und Souveränität streben. Und zweitens ist die Kunstwelt
kein autonomes System, auch wenn sie manchmal danach
strebt oder ein solches zu sein vorgibt, sondern von
Ökonomien und Politiken reguliert, und sie steht in
Verbindung mit anderen Feldern und Sphären, was nicht
zuletzt in der kritischen Theoriebildung und in kritischen
kontextuellen Kunstpraxen evident wurde.
Da das formale, autonome
Werk kein brauchbares Modell mehr abgibt, haben wir
eine Reihe von Kunstprojekten erlebt, die ihren Ausgangspunkt
in der Idee verschiedener Felder, wo nicht direkt in
der Idee der Differenz selbst nehmen: Projekte, die
sich auf ein spezifisches Set von Parametern und/oder
eine spezifische Öffentlichkeit beziehen, die der verallgemeinerten
und idealisierten entgegengesetzt ist. Wir sprechen,
anders gesagt, von Werken, die nicht von der Vorstellung
der bürgerlichen Öffentlichkeit Gebrauch machen, sondern
vielmehr von verschiedenen Fragmenten, Lager- und/oder
Gegenöffentlichkeiten. Oder wenigstens von verschiedenen
Ideen von Öffentlichkeit, seien diese utopisch oder
heterotopisch. Es geht darum, zu wem und für wen man
spricht, und unter welcher Voraussetzung. Wir sehen
hier eine Proliferation der Formate, die durchaus über
das gegenstandsbezogene, matrizenhafte Kunstwerk des
Modernismus hinausgehen, vielmehr mit Modellen des Ausstellens
und der kuratorischen Arbeit im Ausstellungskomplex
umgehen und Selbstautorisierung mit Institutionskritik
verknüpfen. Wir können aber auch eine taktische Nutzung
von anderen Räumen als traditionellen Kunsträumen beobachten,
wie Bildungseinrichtungen und Pädagogik, alternative
Veröffentlichungspraxen, lokales und öffentliches Fernsehen,
Street Culture und im Spezielleren der Raum von Demonstrationen,
sowie schließlich die neue Sphäre der Netzkultur (z. B.
Listendienste und Open-Source-Netzwerke).
Anstrengungen, neue
Modelle oder neue Öffentlichkeitsformationen zu konstruieren,
können vielleicht nicht als "die Antwort"
auf solche Fragen gesehen werden, aber doch als Versuche,
die Wege anzuzeigen, denen man zu folgen hätte, wollte
man diese Fragen beantworten. Solche Plattformen müssen
sich dadurch hervortun, dass sie nicht einzelne Projekte
oder Interventionen in einer (verallgemeinerten) Öffentlichkeit
erzeugen, sondern vielmehr einen kontinuierlichen Strom
der Gegenöffentlichkeit zu konstituieren versuchen.
Ein solches Vorhaben muss versuchen, eine spezifische
Öffentlichkeit und
ein (op)positionelles und/oder partizipatorisches Modell
der Betrachterschaft, das dem (modernistischen) verallgemeinerten
Modell entgegengesetzt ist, wahrzunehmen und zu konstruieren.
Und es bringt eine Rekonfiguration des (bürgerlichen)
Begriffs von Öffentlichkeit in eine andere Arena hinein
mit sich, in eine potenzielle Vielheit verschiedener,
einander überlappender Sphären und Formationen. Es muss
die Vorstellung von "der" Öffentlichkeit im
Singular durch plurale Sub- und/oder Gegenöffentlichkeiten
ersetzen. Die Aufgabe, die wir vor uns sehen, besteht
dann in der Frage, welche Ideen solche Praxen hinsichtlich
ihrer spezifischen Öffentlichkeit sowie ihrer Schnittstellen
mit dieser entwickeln können und welche Ziele sie dabei
verfolgen. Relationale
Öffentlichkeiten sind immer auch spezifisch. Wir
müssen daher diese verschiedenen Arenen und Möglichkeiten
sowie Methoden
der Interaktion in und zwischen diesen ausmessen und
definieren. Und schließlich bleibt zu fragen, wie sich
dies alles zu Kunstproduktion, Kunsträumen und ‑institutionen
sowie deren "Publika" verhält und diese verändert.
Es ist offensichtlich,
dass wir nicht nur eine andere Konzeption von Kunst
und ihren Öffentlichkeiten beobachten können, sondern
auch, seit kurzem, die Entstehung neuer Modelle für
Kunstinstitutionen, die mit anderen Konzeptionen von
Produktion und Repräsentation verbunden sind, und zwar
sowohl in Form von alternativen Räumen als auch in Fällen
aus öffentlichen Mitteln finanzierter Kunstinstitutionen.
Historisch gesehen, stellten die Kunstinstitution bzw.
das Museum natürlich die bürgerliche Öffentlichkeit
par excellence dar, einen Ort für rational-kritisches
Denken und die (Selbst‑)Repräsentation der bürgerlichen
Klasse und ihrer Werte. Frazer Ward hat dies passend
beschrieben:
"Das Museum
leistete seinen Beitrag zur Selbstrepräsentation und
Selbstautorisierung des neuen bürgerlichen Subjekts der
Vernunft. Genauer, dieses Subjekt, diese 'fiktionale
Identität' des Eigentümers und des reinen und
einfachen Menschenwesens, war selbst ein verknüpfter
Prozess von Selbstrepräsentation und
Selbstautorisierung. Das heißt, es war in seinem
Inneren gebunden an seine kulturelle Selbstrepräsentation
als Öffentlichkeit."
Diese Rolle
erscheint heute offensichtlich als rein historisch, zum
Teil aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungsräume
der BetrachterInnen, aber auch aufgrund eines
strukturellen Wandels bezüglich des Adressierungsmodus
innerhalb vormals "bürgerlicher"
Institutionen selbst. In der Tat wurden die Subventionierung
und politische Unterstützung von Kunstinstitutionen und
Kunstproduktion im Allgemeinen - selbst in ihren
kritischeren und radikaleren Formen in der
Neo-Avantgarde - durch ein Aufklärungsideal gestützt,
das sich auf die Art und Weise bezog, wie die Selbstrepräsentation
und Selbstautorisierung der bürgerlichen Klasse über
eine spezifische Raumformation, eine spezifische Öffentlichkeit,
wenn man so möchte, aufrechterhalten wurde. Der
modernistische White Cube ist in diesem Sinn einfach
eine räumliche Technik der Repräsentation, und genau
dieser Konstitution der Sphäre selbst kommt zentrale Bedeutung
zu, nicht den Objekten, Aussagen und Formulierungen in
ihr. Dieses Aufklärungsmodell, das in einem gewissen Maße
Avantgarde-Kunst, die Repräsentation anderer als bürgerlicher
Werte des Verhaltens, der Ordnung und der Produktivität
tolerierte, ist heute von einem gründlicheren
kommerziellen Modus der Kommunikation abgelöst
worden, von einer Kulturindustrie. Wenn das Aufklärungsmodell
sein Publikum durch Disziplin, durch verschiedene
Modelle der Schaustellung, die Subjekte als BetrachterInnen
identifizierten, bildete und verortete, errichtet die
Kulturindustrie ein anderes Kommunikationsmodell des
Austauschs und der Interaktion durch die Warenform, das
seinerseits Subjekte als KonsumentInnen identifiziert.
Für die Kulturindustrie
wird der Begriff "der Öffentlichkeit", mit
deren kontingenten Modi des Zugangs und der Artikulation,
durch den Begriff "des Marktes" ersetzt, der
Warenaustausch und Konsum als Modi des Zugangs und der
Artikulation impliziert. Das bedeutet auch, dass die
Vorstellung der Aufklärung, die Idee rational-kritischer
Subjekte und einer disziplinären sozialen Ordnung, durch
die Vorstellung der Unterhaltung als Kommunikation,
als Mechanismus der sozialen Kontrolle und Produzentin
von Subjektivität ersetzt wird. Die klassischen bürgerlichen
Orte der Repräsentation finden sich in gleicher Weise
entweder durch Märkte ersetzt, so wie etwa die Mall
den öffentlichen Platz ersetzt, oder in einen Raum des
Konsums und der Unterhaltung transformiert, wie im
Fall der gegenwärtigen Museumsindustrie. In diesem Sinn
stellen Fragmentierung und unterschiedliche Erfahrungsräume
für die Kulturindustrie keine ähnliche dekonstruktive
Bedrohung dar, wie sie dies für die historische Formation
der bürgerlichen Öffentlichkeit tun. Vielmehr können
Fragmentierung und Differenz in Begriffen von KonsumentInnengruppen
vermessen werden, als Marktsegmente mit besonderen
Bedürfnissen und Wünschen, die zu beliefern und zu kommodifizieren
sind. In der Tat muss Fragmentierung als eine der Bedingungen
der neoliberalen Markthegemonie gesehen werden. Diese
Bedingung der gleichzeitigen Fragmentierung und Kommodifizierung
hat hinsichtlich der öffentlichen Finanzierung (die
immer das Hauptinstrument von Kulturpolitiken bildet)
auch direkte Konsequenzen für die Räume der Kunst, ob
diese bürgerlich oder anderweitig orientiert sind.
Das Interesse an
der Aufrechterhaltung der bürgerlichen öffentlichen
Sphäre und ihrer Institutionen wie dem Museum und dem
Ausstellungsraum geht deutlich zurück, und zwar von
links wie von rechts. Und in einer fragmentierten und differenzierten Öffentlichkeit
werden wir sowohl Prozesse der Selbstrepräsentation
und Selbstautorisierung als auch deren Anfechtungen
auf unterschiedliche, immer spezifische Weisen, vielleicht
in Begriffen der Singularität und jedenfalls der Artikulation
zu definieren, zu adressieren und zu etablieren haben.
Sicherlich können wir nicht, noch wollen wir dies, die
bürgerliche Kategorie von Kunstraum und Subjektivität
sowie die angrenzenden Avantgarde-Begriffe von Widerstand
aufrechterhalten, behaupten oder zu ihnen zurückkehren.
Stattdessen brauchen wir nicht nur neue Fertigkeiten
und Werkzeuge, sondern auch neue Konzeptionen "der
Öffentlichkeit" als relational, artikulatorisch
und kommunikativ. Ich würde vorschlagen, dass wir unseren
Ausgangspunkt genau in der Erschütterung stabiler Kategorien
und Subjektpositionen nehmen, im Interdisziplinären
und Intermediären, im Konflikthaften und Trennenden,
im Fragmentierten und Permissiven - in verschiedenen
Räumen der Erfahrung gleichsam. Wir sollten über einen solchen widersprüchlichen
und nicht-einheitlichen Begriff einer öffentlichen Sphäre
nachzudenken beginnen, und über die Kunstinstitution
als Verkörperung dieser Sphäre. Wir können sie vielleicht
als die räumliche Formation dessen - oder als eine Plattform
dafür - verstehen, was Chantal Mouffe eine agonistische
Öffentlichkeit genannt hat:
"Aus dieser
Perspektive besteht der Zweck demokratischer
Institutionen nicht in der Herstellung eines rationalen
Konsenses in der Öffentlichkeit, sondern in der Entschärfung
des Potenzials für Feindseligkeiten, das in
menschlichen Gesellschaften existiert, indem die
Transformation von Antagonismus in 'Agonismus' ermöglicht
wird."
In ihrer Arbeit über
die agonistische Öffentlichkeit kritisiert Mouffe bezeichnenderweise
Habermas für seine Trennung zwischen dem privaten und
dem öffentlichen Bereich sowie die Vertreibung der Politik
aus dem Ersteren, ebenso wie dafür, dass sein Glaube
an unparteiliche öffentliche Institutionen (das heißt
in Wirklichkeit an unparteiliche Positionen) auf ein
grundlegendes Unvermögen hinausläuft, mit Pluralismus
und Differenz umzugehen. Mouffe vertritt stattdessen
einen "konfliktuellen Konsens", der die Diskurse,
Institutionen und Demokratieformen vervielfacht. Wir
können auf diese Weise nicht nur über Fragmentierung
und Gegenöffentlichkeiten nachzudenken beginnen, sondern
auch über Verbindungen zwischen ihnen. Diese Verbindungen
können begrifflich als Äquivalenzketten zwischen Fragmenten
gefasst werden, die verschiedene Kämpfe und Sphären
verknüpfen, und wir können versuchen, verschiedene Öffentlichkeiten
oder Formate der kulturellen Produktion - den Ausstellungskomplex,
die Bildungseinrichtung, öffentliches Fernsehen u. a.
- genau als Arena für diese Bestreitungen und Artikulationen
anzusetzen.
Übersetzung: Stefan
Nowotny
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