|
Seit einigen Jahren
werden innerhalb der globalen Protestbewegungen
permanent Öffentlichkeiten produziert, die nicht mehr
trennen zwischen "wirklich" und
"virtuell". Aus Begegnungen an den
geographischen Orten der großen Mobilisierungen und
lokal angebundenen Vorbereitungstreffen einerseits, und
dem Dickicht der Webseiten, Webforen, Email-Listen,
Chatrooms und Wikis andererseits, entsteht ein Kommunikationsraum,
der das, was in den 1980er und 1990er Jahren mit viel
Faszination als "Cyberspace" diskutiert wurde,
weit in den Schatten stellt - denn die Verschmelzung von
virtuellem und physikalischem Raum, Körper und
Technologie gestaltet sich viel selbstverständlicher
und alltäglicher, als man es sich vorgestellt hatte.
Wie sieht nun dieser
Kommunikationsraum aus, was sind seine Voraussetzungen,
unter welchen Bedingungen eröffnet er sich und wodurch
ist er begrenzt?
Eine treffende Vision
zeichneten die Zapatistas, als sie im August 1996 ihre
Absicht erklärten, "ein Kommunikationsnetzwerk
zwischen all unseren Kämpfen und Widerständen zu schaffen".
Dieses "interkontinentale Netzwerk der alternativen
Kommunikation" sollte gegen den Neoliberalismus
gerichtet sein, ein Medium, über das die verschiedenen
Widerstände miteinander kommunizieren würden. Es würde
danach trachten, "Kanäle zu weben, damit die Worte
auf allen Straßen des Widerstands reisen mögen".
Es sollte keine Organisationsstruktur sein, noch sollte
es einen zentralen Direktor oder Entscheidungsträger
haben, noch eine zentrale Kommandoebene oder Hierarchien.
Dieses Netzwerk, so die Zapatistas, "sind wir alle,
die wir sprechen und zuhören."[1]
Diese Absicht beschreibt
etwas noch nie da Gewesenes: Ein Gebilde, dessen Beschreibung
als Kommunikationsnetzwerk an eine alternative Gegenöffentlichkeit
anklingt, jedoch weder Zeitung oder Radioprogramm noch
Webseite oder Email-Liste ist. Ein Gebilde, das in der
Betonung der horizontalen, dezentralisierten Organisation
an eine soziale Bewegung erinnert, aber kein einheitliches
revolutionäres Programm einfordert; das im Gegenteil
die Unterschiedlichkeit der Kämpfe auf der ganzen Welt
betont. Beschrieben wird ein Kommunikationsraum, in
dem die vielen verschiedenen Widerstände gegen das,
was die Zapatistas seit 1994 als Neoliberalismus bezeichneten,
ihre Kritik und Praxis formulieren würden. Dieses "interkontinentale
Netzwerk der alternativen Kommunikation" erscheint
als permanente Fortsetzung der großen Enquentros, zu
denen die Zapatistas Mitte der 1990er Jahre aufgerufen
hatten: Zusammenkünfte aller, die sich eingeladen fühlen,
Orte des Austauschs und der Kommunikation ohne die Verpflichtung,
zu einheitlichen Ergebnissen, einheitlichen Absichtserklärungen
zu kommen: ein öffentlicher Raum, geschaffen durch
permanenten horizontalen und dezentralen Austausch,
an dem jede und jeder teilnehmen könnte.
Im folgenden Jahr
rief Subcomandante Marcos in einer Grußadresse an das
von diversen US-amerikanischen alternativen Medienprojekten
organisierte "Freeing the Media" Treffen in
New York City noch einmal zur Schaffung eines unabhängigen
Mediennetzwerks auf, diesmal mit deutlicherem Bezug
auf traditionelle Gegenöffentlichkeiten: Das Netzwerk
sollte die Geschichte der Kämpfe in der ganzen Welt
erzählen und damit den Lügen der kommerziellen Medien
die Wahrheit der sozialen Kämpfe entgegensetzen.[2]
Schon im Jahr 2000
war die Besonderheit dieses quasi hybriden Kommunikationsraums
erkennbar. Naomi Klein konstatierte: "Die Bewegung,
mit ihren Hubs und Spokes und Hotlinks, ihrer Betonung
von Information statt Ideologie, spiegelt das Werkzeug
wider, das sie benutzt - sie ist das zum Leben erwachte
Internet."[3] Umgekehrt, so die autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe,
ist die Bewegung selbst daran beteiligt, das Internet
hervorzubringen: "In einer Zeit, in der mediale
Repräsentation als zentrale Ressource angesehen wird
(Stichwort "Informationsgesellschaft"), schafft
sich die Bewegung der People
from Seattle die Infrastruktur zu ihrer Selbstdarstellung
selbst."[4]
Die entstehende Kommunikations-Infrastruktur
ist ein Raum der Repräsentation und Produktion zugleich,
ein Raum, der permanent durch seine Nutzung geschaffen
wird, der zugleich virtuell ist und sich in den Protesten
auf der Straße und im Bewegungsalltag vor Ort materialisiert.
Von traditionellen Gegenöffentlichkeiten, ob diese
nun durch alternative, eigene oder souveräne Medien
vermittelt werden, unterscheidet er sich unter anderem
durch seine unmittelbare Interaktivität in Echtzeit,
die Einbeziehung neuer und herkömmlicher Kommunikationskanäle,
und durch seine globale Ausdehnung.
Enter: Indymedia
Ein besonders bekanntes
und gleichzeitig paradigmatisches Beispiel ist das weltweite
Netzwerk alternativer Nachrichtenwebseiten "Indymedia".
Als 1999, für die
Proteste gegen die WTO in Seattle, das erste "Independent
Media Center" (IMC) eingerichtet wurde, wirkte
es wie eine Umsetzung der zapatistischen Aufrufe. Noch
deutlicher wird dies, wenn man den Blick auf das innerhalb
von fünf Jahren auf über 150 Webseiten auf allen fünf
Kontinenten angewachsene Netzwerk der IMCs richtet.
Wie Chris Shumway beschreibt, waren die MedienaktivistInnen,
die 1996 anlässlich der Democratic National Convention
in Chicago erstmals eine Berichterstattung auf einer
gemeinsamen Webseite ausprobierten, tatsächlich vom
Zapatismus inspiriert. Aber erst drei Jahre später waren
alle Elemente für ein globales, interaktives Kommunikationsnetzwerk
beisammen: alternative MedienmacherInnen, funktionierende
Software, und das Konzept des Open Publishing.[5]
Vordergründig gesehen
ist jedes Independent Media Center oder "Indymedia"
einfach eine Webseite alternativer Gegenöffentlichkeit:
Berichte über lokale und globale Proteste, Aufrufe zu
Treffen und Veranstaltungen sowie Berichterstattung
über dieselben, Themen wie Antirassismus, Gender, Militarismus,
soziale Kämpfe, Biotechnik.
Diesen traditionell
gegenöffentlichen Ansatz bestärkt das Mission Statement
des ersten IMC, das viele IMCs in Teilen übernommen
haben: "Indymedia is a collective of independent
media organizations and hundreds of journalists offering
grassroots, non-corporate coverage. Indymedia is a democratic
media outlet for the creation of radical, accurate,
and passionate tellings of truth"[6].
Bei allen globalen
Mobilisierungen seit Seattle, von den Protesten gegen
die Weltbank in Prag über den G8 in Genova bis hin zu
den für das G8 Treffen im schottischen Gleneagles geplanten
Aktionen im Jahr 2005 bedeutet "Independent Media
Center" auch einen physikalischen Ort, eine Art
alternatives Internetcafé in der Nähe des protestierenden
Geschehens, mit Zugang zu Computern und der Möglichkeit,
Ton-, Bild- und Textdokumente hochzuladen.
Open Publishing
ist Free Software
Indymedia-Webseiten
zeichnen sich durch das System des Open Publishing aus:
Jede und jeder, der Zugang zum Internet hat, kann Dokumente
hochladen, und zwar ohne Login, ohne Passwort, ohne
Identifizierung welcher Art auch immer. Die "Postings"
erscheinen auf den meisten Indymedia-Seiten umgehend
auf der Startseite im sogenannten "Newswire".
Damit ist die Voraussetzung zum Selbermachen von Medien
geschaffen. Vom einfachen Text über Fotos und Ton bis
hin zum Videoclip kann alles nicht nur produziert,
sondern auch einer vernetzten Öffentlichkeit zugänglich
gemacht werden.
Was sich im Zeitalter
der Blogger und Breitbandanschlüsse fast schon von selbst
versteht, die technische Möglichkeit zum Hochladen verschiedener
Medien, musste 1999 noch selbst gebaut werden. Die erste
Version der Indymedia-Software mit dem schönen Namen
"active" wurde ursprünglich für AktivistInnen
vor Ort in Sydney entwickelt, dann beim als globalem
Aktionstag ausgerufenen "Carnival against Capitalism"
am 18. Juni 1999 weltweit und erfolgreich ausprobiert,
und schließlich für das erste IMC in Seattle eingesetzt.
Die Betonung des
Selbermachens ist charakteristisch für Indymedia und
hat im Zusammenhang mit der Erstellung von "Code"
noch eine ganz besondere, bereits ausgearbeitete Bedeutung.
Alle Indymedia-Webseiten laufen auf "Free Software"[7],
das heißt, jede/r kann sich die Programme anschauen,
sie benutzen, kopieren und weiterverbreiten und sie
entsprechend den eigenen Bedürfnissen verändern. Free
Software ist durch eine besondere Lizenz geschützt,
die GNU Public Licence. Damit wird sichergestellt, dass
der Sourcecode frei einsehbar und damit veränderbar
bleibt.
Free Software Programme
entstehen aus der weitgehend internetbasierten Zusammenarbeit
von unzähligen Einzelpersonen. Die rasante Perfektionierung
und Verbreitung des freien Betriebssystems Linux während
der letzten 3 Jahre zeigt, wie effizient diese Art des
Zusammenarbeitens sein kann. Free Software bedeutet
eine radikal offene Einladung zum Mitmachen, eingeschränkt
neben dem Zugang zum Internet nur durch die Bereitschaft,
sich in das entsprechende Thema einzuarbeiten und gewisse
Regeln zu akzeptieren: kein Smalltalk, genaue Angaben
machen und "das verdammte Handbuch lesen"
(RTFM).
Durch die Offenheit
wird gewissermaßen eine kollektive Intelligenz aktiviert,
die sich theoretisch über den ganzen Globus erstrecken
kann und praktisch zumindest diejenigen geographischen
Regionen, in denen Internetzugang möglich ist, und diejenigen
gesellschaftlichen Gruppen, die sich denselben beschaffen
können, einschließt.
Indymedia hat sich
diesen Ansatz weitgehend zu eigen gemacht.[8]
Für Matthew Arnison, der an der Entwicklung des "active"
Codes für Indymedia beteiligt war, ist Open Publishing
nichts anderes als die Fortsetzung der Free Software
Produktionsweise: "Open Publishing ist Free Software"[9].
Das Produkt ist eine Öffentlichkeit der globalen Bewegung,
entstehend aus vielschichtigen Kollaborationen beim
Erstellen von Bild-, Text- und Tonberichten ebenso wie
beim Codeschreiben und beim Zusammenbasteln von Hard-
und Software für Server und Independent Media Centers
vor Ort.
Technisch gesehen
kann bei Indymedia alles veröffentlicht werden, politisch
sind dieser Offenheit Grenzen gesetzt. In den "Principles
of Unity" des Netzwerks heißt es: "All IMCs
(...) shall not discriminate, including discrimination
based upon race, gender, age, class or sexual orientation".
Diskriminierende Beiträge können aus dem Newswire auf
der jeweiligen Startseite herausgenommen, "versteckt"
werden.
Körper und Handeln
im virtuellen Raum
Die Indymedia-Webseiten
mit ihren Demoberichten aus aller Welt stellen die Oberfläche
eines komplexen Kommunikationsnetzwerks dar, dessen
digitaler Teil im Frühjahr 2003 aus zwischen 600 und
700 Email-Listen, einem Wiki mit über 600 NutzerInnen
auf 2723 Seiten und durchschnittlich 70 IRC Chatrooms
bestand. Dazu kommen die unzähligen Begegnungen im Rahmen
der Proteste gegen G8, Weltbank oder WHO und den regelmäßigen
Treffen der Indymedia-Kollektive vor Ort.
In diesem digitalen
Backoffice drücken sich die "kollektiven Ausdrucksgefüge"
aus, die Maurizio Lazzarato in den Tagen von Seattle
wahrnahm: "Eine Mischung von Körpern (mit ihren
Aktionen und Passionen), welche aus individuellen und
kollektiven Singularitäten zusammengesetzt ist"
und "ein Gefüge sprachlicher Aussagen, eine Ordnung
des Ausdrucks, die aus einer Vielfalt von sprachlichen
Anordnungen gebildet wird (...)." Für Lazzarato
drücken sich diese kollektiven Aussagegefüge "nicht
allein durch die Sprache aus, sondern auch durch die
technologischen Ausdrucksmaschinen (Internet, Telefon,
Fernsehen etc.). Beide Gefüge sind in Hinblick auf die
aktuellen Verhältnisse der Macht und des Begehrens konstruiert."[10]
In der Praxis führt
die permanente Kommunikation in diesem digitalen Backoffice
zu seltsamen Verschiebungen zwischen virtuellem und
realem Raum. Beim landesweiten Treffen der britischen
Indymedia Centers konnte man zum Beispiel eine Teilnehmerin
sagen hören: "Me is not happy about this".
Beim Chatten würde der in die Eingabezeile eingetippte
Satz:
/me is not happy about
this
für alle Chat-TeilnehmerInnen kursiv erscheinen:
xy is not happy
about this
Für die ans
Chatten gewöhnte Leserin hat dies quasi die Funktion
einer Regieanweisung, und kann ähnliche Gefühle
hervorrufen wie ein unzufriedenes Gesicht. Im
Face-to-Face Kontakt sind solche Regieanweisungen
eigentlich unnötig. Dass sie trotzdem verwendet werden,
zeigt, wie sehr die Konventionen des virtuellen Raums
der Nutzerin buchstäblich "in Fleisch und
Blut" übergehen können. Der chattende Körper
kann auf häufig verwendete Abkürzungen wie "brb"
("be right back") oder "lol" ("laughing
out loud") ganz ähnlich reagieren, wie auf das körpersprachliche
Äquivalent - mit Enttäuschung (Warum geht sie jetzt
weg?) oder Amüsement.
Ein Feedback, das
nach den Protesten gegen den G8 Gipfel in Evian im Jahr
2003 von einer Teilnehmerin an der Indymedia-Berichterstattung
per Wiki gepostet wurde, zeigt, wie körperlich diese
Aktivität erfahren wurde:
"It was exciting, but at times, it was too much, even though we were more
people than ever before. The fastness, the urge to do 10
things at a time, a lack of pre-structuring and priority
setting pushed us to the limits -
no teargas for the webheads, but exhaustion after days
on end at the computer, completely forgetting about
basic physical needs. It was matrix. One person stayed
online for 36 hours. Direct media. The dynamics of 'being
there' spread from the streets to the virtual world."[11]
Während der
Berichterstattung über große Mobilisierungen summt das
Indymedia Backoffice vor Aktivität, entsprechend sind
die IMC-Webseiten dann am lebendigsten, wenn auf den
Straßen etwas passiert. Nachrichten über die Vorgänge
auf den Straßen werden per SMS, Telefon, Radio- und
Videostream, Email und Newswire-Postings übermittelt,
innerhalb der Chatrooms überprüft, zusammengefasst und
öffentlich gemacht. An dem permanenten
Kommunikationsfluss sind diejenigen, die sich auf den
Straßen, bei Blockaden oder in AktivistInnendörfern
aufhalten, ebenso beteiligt wie diejenigen, die an den
Computern sitzen. Das Internet ist bei solchen Anlässen
nicht mehr nur ein Kommunikationswerkzeug, sondern verlangt
unerbittlich wie ein physikalischer Raum Präsenz.[12]
Das in den 1990er
Jahren vielgepriesene Potenzial des Internet zum freien
Spiel der Identitäten hat sich in eine Alltagspraxis
übersetzt. Viele Indymediamacher und -macherinnen verwenden
in Emails, Wikis und Chatrooms Nicknames, aus denen
Geschlecht, Alter und Herkunft nicht unbedingt ersichtlich
sind. In der intensiven Interaktion lernt man jedoch
schnell, wie sich einzelne Nicknames verhalten, wie
sie arbeiten und kommunizieren, was von ihnen zu erwarten
ist und was nicht. Dazu ist es nicht nötig, nach den
oben genannten Identitäten zu fragen - und manchmal
ist die Überraschung groß, wenn man sich dann tatsächlich
von Angesicht zu Angesicht trifft.
Videos - Flugblatt
im neuen Gewand?
Aus der permanenten,
weltweiten Kommunikation entsteht ein Pool von Berichten
in Bild, Text und Ton, aus dem eine Anzahl von Videos
hervorgegangen ist. Wie Hito Steyerl am Beispiel der
Indymediaproduktion Showdown in Seattle zeigt,
zeichnen sich diese Videos nicht durch experimentelle
Ästhetik aus. Herkömmliche Stilmittel des Dokumentarfilms
werden nicht hinterfragt, politische Positionen werden
dargestellt in einer "ästhetischen Form der Verkettung,
die die Prinzipien ihrer Organisation unhinterfragt
vom Gegner übernimmt"[13]. Hinten heraus, so kritisiert Steyerl, kommt eine
nicht näher definierte "voice of the people"[14].
Ein manchmal naiv anmutender Bezug auf "the truth"
innerhalb der Indymedia Ideologie lässt sich nicht bestreiten,
obwohl sich manche IMCs in ihren Mission-Statements
anders darstellen[15]: "While the mainstream media conceal their
manifold biases and alignments, we clearly state our
position. Indymedia UK does not attempt to take an
objective and impartial standpoint: Indymedia UK clearly
states its subjectivity". Steyerl zufolge unterscheidet
sich auch die Selbstdarstellung des Produktionsprozesses
in Showdown in Seattle nicht grundlegend von
konventioneller Informationsproduktion in kommerziellen
Medien. Hier ist anzumerken, dass zu dem durchaus vergleichbaren
Produktionsablauf deutliche Unterschiede hinzukommen.
Physikalische Independent
Media Centers kommen durchgängig mit einem Minimalbudget
aus, das "Personal" wird nicht bezahlt und
organisiert seine Arbeit selbst. In diesem Prozess der
Selbstorganisation werden Probleme anders gelöst als
bei der Nutzung eines herkömmlichen Newsrooms.[16]
Zudem sind die IMCs, wie die brutale Polizeiattacke
bei den Protesten in Genova 2001 bisher am deutlichsten
gezeigt hat, kein sicheres Arbeitsumfeld. Beides führt
dazu, dass die Independent Media Centers mehr sind als
ein Produktionsraum. Mindestens ebenso wichtig ist ihre
Funktion als "Hub" im Netzwerk des entstehenden
Kommunikationsraums, und als Station bei der Aneignung
von Technologie, insbesondere von Free Software.
Seit Showdown
in Seattle wurden Dutzende von Indymedia-Videos,
manchmal respektlos als "riotporn" beschrieben,
gemacht, die oft erst Monate nach dem Protest, den sie
beschreiben, herauskommen. Dabei werden kollektive Produktionsweisen
ausprobiert. Red Zone über den G8-Protest von
Genova beispielsweise wurde von VideoaktivistInnen
aus Italien, Irland und Großbritannien zusammengestellt.
Der Prozess war langwierig und konfliktreich und stieß
oft an die Grenzen unbezahlter, freiwilliger, nicht-hierarchischer
Zusammenarbeit zwischen Gruppen mit unterschiedlicher
politischer Ausrichtung und unterschiedlichem ästhetischen
Anspruch.
Im Hinblick auf die
Verschmelzung von digitalem und materiellem Raum sind
die Aktivismus-Videos noch aus einem anderen Grund interessant.
Schon seit Jahren experimentieren MedienaktivistInnen
mit internetbasierten Videostreams in Echtzeit, die
meistens nur von wenigen am eigenen Computer gesehen
werden und somit stark der digitalen Seite des entstehenden
Kommunikationsnetzwerks verhaftet sind. Mit der zunehmenden
Verbreitung von Videoaktivismus innerhalb der globalen
Bewegung hat sich als zusätzlicher Kommunikationskanal
und kulturelle Praxis eine Art dezentralisierte Videodistribution
herausgebildet. Während noch Red Zone im Jahr
2002 auf Videokassetten vertrieben wurde, werden Videos
heute oft aus dem Internet heruntergeladen und (oft
am Arbeitsplatz) auf DVD oder CD-Rom gebrannt. Gleichzeitig
erlebt das Kino eine Renaissance: Video-Screenings sind
zum integralen Teil des Unterhaltungsprogramms der
Bewegung zumindest im Westen geworden, sowohl vor Ort
als auch während der großen Mobilisierungen. Besonders
dort, wo die Bewegungs-Multitude viele verschiedene
Sprachen spricht, haben die bunten Bilder vielleicht
eine ähnliche Funktion wie die Flugblätter früherer
Jahrzehnte: die Herstellung einer gemeinsamen Basis,
vielleicht mehr noch, ein Bezugspunkt für eine gemeinsame
Identität. Manchmal werden sie auch zum Protestwerkzeug,
wenn etwa, wie 2003 während des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft
(WSIS) in Genf geschehen, das Video nächtens auf die
Wandfläche öffentlicher Gebäude projiziert wird. In
Genf war es die World Information Property Organisation
(WIPO), die als Leinwand für einen Film über Intellectual
Property Rights herhalten musste.
Grenzen des übergreifenden
Kommunikationsraums
Heißt das, dass wir
schon mittendrin sind in der Science Fiction, technisch
vermittelt unmittelbar anwesend überall dort, wohin
das Internet reicht?
Natürlich nicht.
Die erste Voraussetzung für die Entstehung einer
physikalisch und digital vermittelten Öffentlichkeit
ist ein soziales Netzwerk aus realen Personen und
Gruppen, in dem gewisse politische Grundüberzeugungen
selbstverständlich, bestimmte Themen bekannt sind, ein
bestimmtes Maß an Vertrauen besteht. Dazu kommt die
Vielfalt der genutzten Kommunikationskanäle. Das im
virtuellen Raum permanent zugängliche soziale Netzwerk
berührt immer wieder auch den materiellen Alltagsraum.
Man trifft sich im Netz und dann auch zu Hause und
umgekehrt. Reisepläne werden oft via Mailinglists angekündigt
in der Hoffnung, Bekannte zu treffen. Einzelne kennen
sich von früheren Anlässen, bei denen man gemeinsam
Kabel gesteckt hat.
Technisches Wissen,
Hardware und Software sind wichtig, aber sie reichen
nicht aus, um diesen Raum zu schaffen. Schon bei der
Beschaffung der technischen Ausstattung hilft es,
vernetzt zu sein. Viele IMC-Kollektive multiplizieren
ihre Kameras, Minidiscs und Laptops durch kollektive
Nutzung.[17]
Man unterstützt sich bei der Aufrüstung von alten
Computern mit passender Software, zusätzlichem Memory,
Harddrives und Ähnlichem.
Obwohl der
Kommunikationsraum durch Dezentralisierung der Server,
Verschlüsselung und die Nutzung vertrauenswürdiger
Internet Service Provider bis zu einem gewissen Grad
geschützt werden kann, ist Informationstechnik nicht außerhalb
des hegemonialen Systems angesiedelt. Wie die
Beschlagnahmung von zwei in Großbritannien betriebenen
Indymedia Servern kurz vor Beginn des Europäischen
Sozialforums in London 2004 zeigt, kann Teilen des
Kommunikationsraums ganz schnell der Saft abgedreht werden.[18]
Bis heute ist die rechtliche Grundlage dafür unklar.
Indymedia-Aktivist Micah spekulierte kurz nach der
Beschlagnahmung: "So
this is about Swiss police, on a French site, on a
server in England, taken away by American federal police…"[19]
Als Ergebnis fieberhafter
Aktivität im Backoffice wurde umgehend eine Pressegruppe
ins Leben gerufen, und die meisten der betroffenen 20
IMC-Webseiten konnten schnell zumindest teilweise wiederhergestellt
werden.
Die Kommunikation
selbst ist im Backoffice von Indymedia weitgehend auf
Projektorientiertes und Pragmatisches beschränkt. Politische
Diskussionen werden dann interessant, wenn sie sich
auf konkreten Entscheidungsbedarf beziehen. Die Interpretation
der Selbstverpflichtung gegen jegliche Diskriminierung
etwa wird von jedem Indymedia-Kollektiv vor Ort ständig
neu verhandelt. Bei IMC UK finden solche Diskussionen
regelmäßig statt, wenn entschieden werden muss, welche
Artikel vom "open publishing newswire" entfernt
und als "versteckt" markiert werden sollen.
Wo ist die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus?
Wann hat ein Witz die Grenze zum Sexismus überschritten?
Was wird als "non-news" versteckt, was wird
toleriert?
Grenzen des Kommunikationsraums
entstehen auch gerade durch die Offenheit, die ihn überhaupt
erst ermöglicht. Jede Email-Liste wird chronologisch
archiviert, jede Email, jede Seite auf dem Wiki liegt
auf der gleichen "Wichtigkeitsebene". Es gibt
keinen zentralen Ort, an dem verbindliche Dokumente
zuverlässig archiviert sind. Das zentrale Problem der
Bewegung im eigenartigen Raum des Internet ist das der
Orientierung[20],
am ehesten möglich durch das Wissen, das durch Mitmachen
entsteht. Manche Texte heben sich aus der Masse des
Materials dadurch heraus, dass vielfach zu ihnen gelinkt
wird. Trotzdem ist das Ganze so unübersichtlich, dass
etwa ein Forschungsteam bei einer ausführlichen Untersuchung
von fünf IMC-Fallstudien schlicht 2 Städte miteinander
verwechseln konnte[21].
Vorläufiges Fazit
Besonders an den
Independent Media Centers ist ihre Funktion für den
Kommunikationsraum der globalen Bewegungen. Am lebendigsten
sind die IMC-Webseiten dann, wenn auf der Straße etwas
passiert, doch die oft minutengenauen Berichte von großen
Protesten verlieren schnell ihre Aktualität. Auch die
Verschmelzung von virtuellem und physikalischem Raum
und den dazugehörigen kulturellen Praktiken ist dann
am intensivsten. Vielleicht ist dies der innovativste
Beitrag von Indymedia zu einer weltweiten Öffentlichkeitsalternative:
"Kanäle zu weben, damit die Worte auf allen Straßen
des Widerstands reisen mögen".
Kanäle, die aus Software
bestehen und aus der kompetenten Nutzung alter und billiger
Hardware, aus Bandbreite und gespendeten Servern, aus
regelmäßig gewarteten Webpages. Aus der Kombination
von Protest, einer Ideologie der Offenheit und Free
Software entsteht ein öffentlicher Raum, der sich weder
auf Internethype noch auf das unbedingte Primat der
Straße festlegen lässt und in dem das Ereignis nicht
mehr von seiner Repräsentation zu trennen ist: "Die
Zeichen, Bilder und Aussagen spielen eine strategische
Rolle in diesem doppelten Werden: Sie tragen dazu bei,
das Mögliche entstehen zu lassen, und sie tragen zu
seiner Verwirklichung bei".[22]
Möglich wird dies
durch die zupackende Selbstverständlichkeit, mit der
MedienaktivistInnen, SoftwareprogrammiererInnen, Demonstrierende
sich neue Technologien zu eigen machen, als Teil ihrer
materiellen Alltagsumgebung ebenso wie als Mittel der
Kommunikation über den halben Globus hinweg, ohne sich
groß um die meist implizierte Trennung zwischen "virtuell"
und "real" zu kümmern.[23] Diese Allgegenwärtigkeit, in der lokale Ereignisse
und Aktivitäten zu globalen Themen werden, korrespondiert
mit einer Behauptung von Antonio Negri und Michael Hardt,
die Gerald Raunig herausstellt: "Überall könne das Empire angegriffen werden, an jeder beliebigen Stelle. Das ist eine der stärkeren Ansagen in
Empire: dass es keine horizontale Verkettung
der Kämpfe geben müsse, um das Empire anzugreifen. Im
Gegenteil: Wenn die Mechanismen der Macht ohne Zentrum
und ohne zentrale Steuerung funktionieren, müsste es
auch möglich sein, sie von jedem Ort aus, aus jedem
lokalen Kontext anzugreifen".[24]
|