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Präsentation
Ich kann mich Ihnen
nur als Betrügerin vorstellen. Als Betrügerin innerhalb
jeglichen Institutionengefüges, als eine Betrügerin,
die Sinn, Wert und Kraft nur außerhalb gewinnt, außerhalb
der Institution, außerhalb des Systems. Außerhalb und
nicht innerhalb. Nicht innerhalb der Galerie, nicht
innerhalb der Institution, nicht innerhalb der Akzeptanz,
nicht innerhalb der Legitimation, nicht innerhalb des
Systems.
Und zwar weil das
System nicht alles und nicht die ganze Wirklichkeit
ist, und weil es nicht einmal ein bedeutender Teil der
Wirklichkeit ist, die uns umgibt, die uns einwickelt
und entwickelt.
Außerhalb ist es,
wo ich Sinn finde und beziehe.
Und auch wenn es
wie die Phantasie einer Heranwachsenden anmutet, traue
ich mich zu sagen: Außerhalb des Systems ist nicht
die Leere - die Leere, mit der sie Dich bedrohen und
mit der sie Dir Angst einjagen -, außerhalb des Systems
ist nicht das Nichts. Sie drohen, uns aus allem auszuschließen
und in diese Leere zu drängen, in der nichts von dem,
was wir tun, fühlen oder träumen, zählt oder irgendeinen
Wert hat. Es ist genau diese Drohung, die uns dazu bringt,
uns außerhalb und nicht innerhalb zu positionieren.
Denn wenn es nicht so wäre:
Wo können wir all
das lokalisieren, was außerhalb des Systems von Privilegien
existiert? Oder hat etwa das System bereits alles geschluckt?
Vielleicht gibt es nichts, was sich außerhalb des Systems
der Verwaltung von Gewalt und Prestige befindet.
Aber selbstverständlich
gibt es das, und wir kämpfen darum und leben davon!
Wir suchen es in all dem, was vom System als ineffizient,
unproduktiv, irrsinnig, unfreundlich, unbequem, hässlich,
schäbig und gefährlich abqualifiziert wird. Bewertungen,
die wir uns zu eigen machen, Ängste und Wünsche, die
wir zu den eigenen machen und die uns langsam durch
alle Sinne hindurch aufgedrückt und eingeflößt werden,
ohne Pause und Möglichkeit der Reflexion oder Distanz.
Wir leben betäubt von diesen Ängsten, und diese Ängste,
Bewertungen und Manipulationen leiten uns durchs Leben.
Aber wir haben uns entschieden, uns außerhalb zu positionieren,
einzurichten und zu begegnen, und nicht im Inneren.
Wo ist dieses Außen? Das Außen liegt weder am Rand noch
besteht es in der Marginalität einer Gesellschaft oder
der Geschichte. Was sich außerhalb des Systems befindet,
ist alles, was das System selbst bislang nicht hat verschlingen
und vereinnahmen können.
Ich bin keine Sprecherin
von irgendjemandem, nicht einmal die Stimmen meiner
Schwestern, der Frauen von Mujeres Creando, kann ich
vertreten. Es sind komplexe und direkte Stimmen, die
keinerlei Vertretung zulassen und die auch keine Vertretung
wollen. Wir sprechen in der ersten Person und sind keine
Interpretinnen der Bewegungen, und wir sind auch keine
Sprecherinnen für die Praktiken der anderen, wir sprechen
nicht in deren Namen. Ich bin selbst die andere, wenn
ich sage, was ich denke und was ich fühle in einer Szenerie,
die niemals gegeben oder bloß geliehen ist.
Ich sage nicht, was
die Indigene denkt, ich sage nicht, was die Hure denkt,
und ich sage auch nicht, was die Lesbe denkt - jede
schafft ihre eigene Sprache und spricht für sich selbst.
Direkte Stimmen, ausdrucksvolle Stimmen, vom Leben
gefüllte Worte und ein Leben voll von Worten, die eigene,
nicht nur geborgte sind.
Wir stehen außerhalb
des Systems, eingerichtet im Zentrum der Empfindsamkeiten
der Gesellschaft. Und es ist dieses Zentrum, von dem
aus wir nicht nur Luftschlösser und Blendwerke der Revolution
zu errichten vermögen, sondern das uns als Bezugspunkt
dient für Überschreitungen und Rebellion. Für Huren,
für Verrückte, für Indigene, für Mädchen, für Jugendliche,
für Alte, die ihre Müdigkeit loswerden wollen, für Lesben
und für alle möglichen rebellischen Frauen, mit denen
wir ununterbrochene Komplexitäten schaffen wollen.
Wie einen versteckten
und entdeckten Schatz bieten wir die ungewöhnlichen
und verbotenen Bündnisse an, die wir geschaffen haben.
Wie eine ungedruckte Originalität bieten wir die ungewöhnlichen
Bündnisse an, die wir haben schaffen können, allen bestehenden
Bannern zum Trotz und sie vertreibend, um uns gegenseitig
zu umarmen und uns einander zu verpflichten. Wir bieten
die ungewöhnlichen Bündnisse, die wir haben schaffen
können, als einen revolutionären Vorschlag an, um mit
ihrer Hilfe die zugeschriebenen Skripte verändern zu
können, die unsere versteinerten und verdinglichten
Identitäten ausmachen - Identitäten, die zu Mauern
geworden sind, die die Liebe und die Liebenden separieren.
Strategien ohne
Erlaubnis
Wir haben Strategien,
die der Kunstwelt fremd sind. Wir haben analphabetische
und anonyme Strategien, wir haben offensichtliche und
außergesetzliche Strategien. Wir haben unsere eigenen
und die Strategien hunderttausender anderer. Unsere
Strategien sind Töchter, die ihre Fähigkeiten von anderen
gelernt haben, in diesem Sinne sind wir Wiedererschafferinnen
von Strategien. Die Strategien, die uns inspiriert haben,
kommen von der Straße, von der Welt des Außen (von dort
werden sie für immer stammen). Sie kommen von den Überlebensfähigkeiten
der Frauen unter den gemütlichen Planen auf dem Markt,
im Zentrum der Gesellschaft wie große alltägliche Barrikaden
gegen die Sonne und die Kälte aufgeschlagen, um den
Lauf der Globalisierung zu behindern. Professionelle
Fälscherinnen von Reebok, Nike, Benetton, Sony oder
Microsoft. Diese Frauen sind die Initiatorinnen eines
Schwarzmarktes, auf dem eine internationale Parade
von Marken ohne Patent als kunsthandwerkliche Sabotage
ausgestellt wird. Diese Strategien sind auf den Märkten
lebendig, die sie in eine Mischung von Aneignung, Täuschung
und Widerstand verwandeln, und die sich weder von den
Multinationalen kontrollieren, noch durch die Polizei
einschüchtern oder vom IWF beziffern lassen. Ein Markt
des Ungehorsams und der Fälschungen von allem, angefangen
vom Computer bis zu Schuhen, ein Markt, der Überlebensstrategie
und illegales Gelächter zugleich ist. Uns inspirieren
die Fähigkeiten dieser Männer und Frauen, die mit List
die Grenzen und die Staaten des Nordens unterlaufen.
Leute, die sich verboten wissen, entwickeln Strategien,
die ihre Angst, ihre Armut und ihre Hautfarbe bannen.
Diese und andere Strategien, die der Kunst fremd sind
und die auch mit heroischen Akten nicht viel zu tun
haben, inspirieren uns, unsichtbare und unsichtbar gemachte
Strategien, anonyme und analphabetische. Aber es sind
Strategien, die offenkundig und beharrlich für das Leben
und Überleben einer Gesellschaft wie der bolivischen
- oder jeder anderen, zivilisierten und entwickelten
- notwendig sind. Diese Strategien unterbrechen die
Kontrolle und helfen Tausenden zu überleben, denen die
Ökonomie weder eine Arbeit verschafft, noch in den Bildungs-,
Gesundheits- und Wohnungsstatistiken einen Platz einräumt.
Es sind diese Strategien, die uns inspirieren, die uns
alarmieren und die uns positionieren. Diese fern von
der Kunstwelt und jeder Form der sozialen Anerkennung
existierenden Strategien bergen gemeinsam die unglaubliche
Möglichkeit, lange Informations-, Solidaritäts- und
Widerstandsketten zu bilden. Sie sind plakatlose Besetzungen
der öffentlichen, der symbolischen und der ökonomischen
Räume. Sie haben außerdem den Ungehorsam gemeinsam,
auch deshalb sind sie der Kunstwelt fremd, die die Welt
des Erlaubten ist. Diese Strategien sind Teil des Lebens
der Gesellschaft, und sie sind keine Künstlichkeit und
auch kein Simulakrum, sie sind Überzeugungen, die aus
einer Sache eine andere machen. Dadurch sind es auch
Überlebensstrategien, die unsere Gesellschaften beleben,
und wir sind ihre Lehrlinge und diejenigen, die diese
Strategien neu erschaffen. Denn lange vor uns waren
es die Verkäuferinnen, die aus der Straße ein Haus
ohne Ehemann und einen Arbeitsplatz ohne Chef gemacht
haben. Lange vor uns waren es die Fälscherinnen der
Marken, die durch das Verändern und Wiederverändern
all jene Werte umgewandelt haben, die mit den Marken
einhergingen. In dieser Dynamik haben wir gelernt, dass
die Straße ein gemeinschaftlicher Raum, ein lebendiger
Platz unserer Gesellschaft, eine eigene politische
Szenerie und ein kommunikativer Ort ist.
Das Fernsehen
verschlingt uns nicht
Das Fernsehen ist
eine Straße, die den privaten Raum durchquert. Das Fernsehen
ist ein öffentlicher Ort. Und deshalb bringen wir uns
ins Fernsehen mit derselben Logik und derselben Sprache
ein, mit der wir auch die Straße in Beschlag nehmen.
Wir kommen durch die Regeln des Fernsehens hinein, aber
wir treten ein, um diese Routine zu durchbrechen, um
in erster Linie die Doppelmoral anzugreifen und um die
etablierte Ordnung des Privaten und des Öffentlichen
herauszufordern. Wir kommen hinein ins Fernsehen, um
die ästhetische Routine von im Fernsehen übertragenen
Frauen und Männern mit Bildern und mit nicht übertragenen
Frauen und Männern zu durchbrechen. An dieser Stelle
hat der politische, kulturelle und ästhetische Wert
dieser Besetzung (der Straße und des Fernsehens) seinen
Ursprung. Er besteht in der Fähigkeit, mit Bildern
die Logiken des Schönen und des Hässlichen, des Anständigen
und des Unanständigen zu zerstören, die durch das Fernsehen
verbreitet werden. Dort wurzelt sein Wert und seine
Schönheit voll von Ironie und Geringschätzung.
Der Rhythmus, für
den wir uns entschieden haben, ist der durch die Herzen
veränderte Rhythmus, der sie an einem Punkt ins Stocken
bringt - als wenn die Kamera eine rasende Vagabundin
wäre, die dort den Sinn sucht, wo alle anderen ihn verloren
haben. Dies ist der Rhythmus der von uns gewählten Fernsehserie.
Der Rhythmus einer abgelenkten Frau mitten auf einem
Platz, der Rhythmus einer abgelenkten Frau inmitten
einer Demo, der Rhythmus einer durch Kleinigkeiten auf
dem Weg abgelenkten Frau, der Rhythmus eines Mädchens,
das auf der Fahrbahn spielt, eine Ballerina zu sein.
Es ist ein risikoreicher Rhythmus, weil ich Dich dabei
unterwegs verlieren kann, denn ich trete unweigerlich
in Konkurrenz zu dem glatten Rhythmus, mit dem das Fernsehen
uns den Golfkrieg und gleichzeitig unzählbare Banalitäten
aller Art hat hinnehmen lassen. Ein Rhythmus, der sich
bereits in unserem Unbewussten festgesetzt hat.
Wir entscheiden uns
einmal mehr, auf den Verlierer zu setzen, und somit
für den Rhythmus der Straße, unseren eigenen Rhythmus.
Und wir versprechen auch noch die Gelegenheit, deine
Neugier auf den Bildschirm zu bannen. Die Mujeres Creando
betraten das Fernsehen und zerstörten im literarischen
Sinne den Bildschirm. Wir wissen, dass zerstören mehr
ist als zerstören; zerstören ist gleichzeitig öffnen
und erschaffen, das Licht hereinlassen, sich ausziehen
und enthüllen. Denn sonst wäre es bloße Zerstörung,
wäre reine Leere, eine Öde nahe am Skeptizismus und
ginge das Risiko ein, im Gestus der Ablehnung zu verharren.
Von dieser Perspektive
aus gesehen zerstören wir ein Bild, während wir ein
anderes freilegen. Wir erobern uns das gefangene Bild
unserer Körper zurück, und dies ist eine politische
und unaufschiebbare Aufgabe. Und wie bei all diesen
geliebten Aufgaben wissen wir, dass wir niemals aufhören,
sie zu erfüllen. Und in diesem Sinne bedeutet das Fernsehen
zu nutzen, den öffentlichen Raum zu nutzen. Deshalb
sehen wir von der "politischen Erlaubnis"
ab, dies zu tun, wir tun es einfach und auf diese Weise
verbinden wir uns mit den Küchen und den Schlafzimmern,
den Hütten und den ungezählten abgelegenen Orten, an
denen sich das alltägliche Leben entwickelt. Wir besetzen
das Fernsehen genauso wie die Straße, weil beide Parallelen
sind, die zwei Wege erschaffen: Die eine durchquert
den privaten Raum, die andere ist jene, die ein Szenario
der Begegnung herstellt, das lebendiger ist als jede
Gesellschaft.
Die Kreativität
ist ein Instrument sozialen Wandels, und soziale Veränderung
ist ein kreativer Akt
Ist Identität eine
Zuflucht oder eine Barrikade des Widerstands? Innerhalb
dieses Systems können Dein Geschlecht, Deine Hautfarbe,
Dein Alter, Deine soziale Klasse, Deine Ursprungskultur,
Deine Sexualität ge- und verkauft werden. Deine Nase,
Dein Mund, Deine Gesichtsform, Dein Gewicht, die Größe
Deiner Unterwäsche, Deine Lust, Deine Fähigkeiten, Dein
Leiden, alles kann Objekt von Verpackung, Verkauf und
Konsum sein. Das System vertraut sich dem an, es lebt
davon, alles zu vermarkten. Aber es gibt etwas von besonderem
Interesse für das globalisierte Patriarchat, und das
sind diese Räume der Affekte, der Identität und der
Kreativität, jene Räume, von denen aus wir unsere symbolischen
Ausdrucksweisen, unsere politischen Identitäten und
unser soziales Bewusstsein schaffen. Es sind diese Räume,
die ihren Interessen gefährlich werden könnten. Das
ästhetische, kulturelle und ökonomische Modell des Systems,
das uns komplett umgibt, ist der Supermarkt. Der Supermarkt
ist der Ort und zugleich der Mechanismus, der Differenz
in (Konsum-)Varianten verwandelt. Es sind dieser Ort
und dieser Mechanismus, die Wahl- und Entscheidungsfreiheit
in die Möglichkeit zu konsumieren verwandeln. Innerhalb
dieses ästhetischen Modells verwandeln sich, Dank der
"Errungenschaften" jenes Variantenreichtums,
existenzielle und soziale Identitäten in Dinge und
Erscheinungen ohne eigenen Sinn. Der Supermarkt ist
der Ort der grenzenlosen Abwechselung, es ist der Ort
der klassifizierten, geordneten und abgepackten Vielfalt.
Es ist der Ort der Sauberkeit und der ständigen Desinfektion,
und der Ort von Sicherheitsmaßnahmen, Beleuchtung und
grellen Farben.
Das ästhetische,
ökonomische und kulturelle Modell des Systems ist der
Supermarkt. Dieses Modell funktioniert durch unpersönliche
Mechanismen, in denen weder Verantwortlichkeiten noch
eigene Willen oder Austausch gefragt sind, auch führen
sie keine Diskussionen und treten nicht in Verhandlungen;
sie geschehen und funktionieren einfach, und dies scheint
sogar das Allerbeste zu sein. Innerhalb des Supermarktes
wird eine unklare und zwiespältige Beziehung eingesetzt:
Es gibt Platz für alle und für alles, und die Möglichkeiten,
Vielfalt zu sammeln und abzupacken, kennen keine Grenzen,
weder ethische noch politische oder ästhetische, selbst
die Exzentrizitäten sind natürlich inklusive. Die Fähigkeit,
Vielfalt zu verschlingen und kulturelle und soziale
Identitäten sowie im Sinne des Systems beantwortete
historische Prozesse zu vereinnahmen, ist Teil der Routine
des Konsums. Die Routine des Konsums hat ebenfalls keine
ethischen, sozialen oder politischen Grenzen. Vielfalt
zu sammeln, um Herrschaft zu errichten und zu repräsentieren,
ist Teil des Supermarktsystems. Vielfalt zu sammeln,
um sich vormachen zu können, alles zu besitzen, zu beinhalten
und zu besetzen, alles, aber auch wirklich alles.
Eine anmaßende Totalität,
die verspricht, die Möglichkeiten des Schaffens, Fühlens,
Lebens und Handelns außerhalb der Logik des Systems,
außerhalb des Supermarktmodells, abzuschaffen. Eine
anmaßende Totalisierung, innerhalb derer uns nur noch
bleibt (und zu wünschen bleibt), einen Platz innerhalb
der Ladeneinrichtung zu suchen, ohne auch nur daran
zu denken, das Risiko einzugehen und über diese Logik
hinauszublicken. Und weil sie uns das auf alle möglichen
Arten wiederholen, lernen wir anzunehmen: Dass außerhalb
des Systems die Hölle und dass das Leben außerhalb seiner
Grenzen ein permanenter Drahtseilakt wäre, dass außerhalb
seines Definitionsbereiches nur Demenz und Absurdität,
Einsamkeit, Anonymität und Unsichtbarkeit wären. Wir
haben gelernt anzunehmen, dass außerhalb des Systems
ein gefährlicher Ort sei, jener nämlich, von dem aus
Du sprichst, ohne gehört zu werden, von dem aus Du vergebens
schreist und heulst, ein Ort ohne Boden und ohne Dach.
Daher schien es besser,
das vorgeschriebene Skript hinzunehmen und einen Platz
innerhalb der Ladeneinrichtung zu suchen und ihn sich
außerdem zu wünschen. Im Regal der Einsamkeiten eine
neben der anderen, in Reihen, klassifiziert, geordnet,
nummeriert. Jedes Produkt dem gleichen fremd. Einer
neben dem anderen. Einer über dem anderen. Einer unter
dem anderen. Einer ohne sich mit dem anderen zu mischen.
Einer statt des anderen. Dies ist die Kolonisierung
und Vermarktung der Identitäten, und es handelt sich
dabei um subtile und effektive Mechanismen. Kolonisierte
Identitäten verwandeln sich langsam, kaum merklich
und Stück für Stück, mit mehr oder weniger Intensität,
in Erscheinungen, um keine Identitäten mehr zu sein.
Als solche Erscheinungen sind sie für den Mülleimer
der komplett entlebendigten, vereinnahmten und gebrochenen
kulturellen und sozialen Stereotype bestimmt, die -
den Prozess der Legitimierung und des Konsums erleidend
- am Ende ihres Zyklus der Dekadenz und der Schwäche
weggeworfen werden.
Ungemütlich machen
Diese Erscheinung
ersetzt und überlagert die Identität, wenn die Identität
ihren Inhalt verliert; die Erscheinung ersetzt und
überlagert die Identität, wenn diese ihr direktes Wort
aufgibt, und sie ersetzt und überlagert sie, wenn die
Identität es der Logik des Systems nicht ungemütlich
macht und sie nicht herausfordert. Die Erscheinung ersetzt
und überlagert die Identität, wenn diese aufhört, sie
selbst zu sein, um dann zu einem harmlosen, vereinnahmten
und dekorativen Teil des Systems zu werden. Eine Identität
hört auf, Identität zu sein, und verwandelt sich in
eine Erscheinung, wenn sie legitimiert und neutralisiert
wurde, wenn sie ihre Fähigkeit zu hinterfragen und umzustürzen
verloren hat und eine gefällige Haltung annimmt. Sie
hört auf, Identität zu sein, wenn sich ihre Ästhetik
bereits verändert hat und ihre Sprachen sich als Teil
des Systems formieren: Indios, um Folklore zu bezeugen
und zu sein, Lesben und Schwule, um über Sex, Verhütung,
AIDS und Ehe zu reden, Frauen, um Quoten innerhalb des
Systems zu fordern, und Dritte-Welt-Menschen, um über
Entwicklung und internationale Zusammenarbeit zu reden.
Die Differenz erscheint zwar, aber banalisiert. Sie
erscheint im Zentrum eines Handels, der gleich verhindert,
dass sie sich selbst nutzt.
Wir brechen mit der
Routine des Konsums und der Kolonisation unserer Identitäten,
daher ist die Kreativität für uns keine obsessive Suche
nach Neuartigkeit, sondern die Kreativität in unseren
Händen und in unserem Leben ist eine Strategie des Kampfes.
Die Kreativität ist keine Suche nach Form oder Inhalt,
sondern für uns ist sie die Haut, mit der wir unsere
Gesellschaft erfühlen und durchforsten und ihre erogenen
und sensiblen Zonen aufspüren. Es ist dieser Blick auf
die Kreativität, der es ermöglicht, den Räumen einen
neuen Sinn abzugewinnen, der Straße, dem Körper und
dem kollektiven Gedächtnis. Denn wir haben gelernt,
jede einzelne dieser Zonen zu reizen, zu liebkosen,
zu trösten und aufzumuntern. Unsere Kampfstrategie ist
die Kreativität, und unser Arbeitsplatz sind die sensiblen
Zonen des Körpers unserer Gesellschaft. So schreiten
wir voran und bringen intuitiv die sozialen Hierarchien
wie auch die räumlichen Beziehungen von drinnen und
draußen, von oben und unten und von Nord und Süd durcheinander.
Ungewöhnliche
und verbotene Bündnisse
Uns reicht es nicht,
unsere Differenzen auszusprechen, noch sie laut zu verkünden:
Ich bin eine Frau, ich bin eine Lesbe, ich bin eine
Indigene, ich bin Mutter, ich bin Hure, ich bin alt,
ich bin jung, ich bin körperlich eingeschränkt, ich
bin weiß, ich bin braun, ich bin arm. Wir legen unsere
Differenzen nicht dar, weil wir uns vor ihrem Spiegel
aufhalten, dem Spiegel, der nicht aufhört uns zu (er-)zählen
und uns zu bezeichnen. Wir beschränken uns nicht darauf,
unsere Differenzen darzulegen, weil es erst der Anfang
ist, sie zu entdecken und sie zu leben. Um Identitäten
und subversive Heterogenitäten zu konstruieren, muss
ich meine Differenzen, meine Geschichten, meine Schmerzen
und meine Talente mit "der Anderen", die sich
von mir unterscheidet, ergänzen, erstreiten und vermischen.
Eine Komplementierung, die aus meiner Differenz eine
Gefahr für das System macht, weil sie ihm droht statt
sich zu integrieren, indem ich mich mit jemandem vereine,
mit dem ich mich laut System nicht vereinen darf. So
die Differenz leben und die Identität, so leben als
Fragment. Leben wie ein Fragment, konstant unvollständig,
das erlaubt mir, weit über das vom System vorgegebene
Skript hinauszugehen. Es erlaubt mir, weit über das
Opfer-Skript hinauszugehen, weit über das egozentrische
Skript hinauszugehen und mich in eine Bedrohung zu verwandeln,
wer auch immer und wo auch immer ich bin.
Denn diese Art und
Weise, meine Identität zu leben, motiviert mich, Bündnisse
und Solidaritäten zu konstruieren, es ermutigt mich,
vielseitige Stimmen und für das System unverdauliche
Komplexitäten sowie Herausforderungen für alle Machtzentren
zu schaffen. Es ermöglicht mir, ausgehend von dem Inhalt,
der ich selbst sein möchte, soziale Unordnung zu stiften.
Das ist, was wir zusammen erwirkt haben und wie ich
selbst sein will, es ist die Provokation, von der aus
wir agieren. Es ist eine herausfordernde Provokation,
die eine neue Identität schafft, die niemals aufhört,
konstruiert zu werden. Eine neue Identität, die sich
nicht in einem Diskurs erschöpft, die ungewöhnlich ist,
weil sie das Legitime überschreitet, und die kreativ
ist, weil sie die sozialen Hierarchien durcheinander
bringt.
Unvorhergesehene
Choreographien
Es ist eine Choreographie,
die das Spiel der Macht zerstört, das uns zum Schweigen
gebracht hat. Wir vergessen choreographisch, wer von
sich annimmt, oben zu sein, und wer von sich annimmt,
unten zu sein. Um uns in eine Beziehung des Einwands
und der Subversion zu allen Formen der Unterdrückung
und der Herrschaft zu setzen, positionieren wir uns
eine neben der anderen, eine im Rücken der anderen,
eine vor der anderen, ganz nach den Erfordernissen des
Kampfes. Eine Choreographie, die die Reihen verändert
und die Abfolgen des Akzeptablen, eine Choreographie,
die durch alle gleichzeitig hindurchgeht, durch alle
oder keine. In dieser von uns inszenierten Choreographie
haben die Kardinalpunkte ihren Bezugspunkt verloren,
der Norden schaut auf den Süden, und die Subversion
ist das Zentrum der sozialen Beziehungen. Wir übernehmen
die Initiative, wir definieren und erspüren den Grad
der Provokation, wir wählen unsere Worte und unsere
Themen. Und wir entscheiden über die Szenarien und die
Zeit nach unserem Kalender der Liebe und nach unserem
Kalender des Kampfes.
Während wir dies
tun, kürzen und manipulieren und schaffen PsychiaterInnen,
RichterInnen, DoktorInnen, FunktionärInnen, VermittlerInnen
und TechnokratInnen eine Wirklichkeit nach ihren Maßgaben,
und doch bleibt die Initiative unübersehbar und über
ihr Kalkül hinaus auf unserer Seite und auf unserem
Terrain. Die Initiative ist einer unserer kleinen Schätze,
der für uns Horizonte und eigene (und nicht geliehene)
Träume beansprucht, der uns Akrobatik und unerwartete
Flexibilitäten abverlangt, um jeden Tag eine neue, verschiedene,
unvorhergesehene und unverdauliche Choreographie zu
tanzen.
Übersetzung: Jens
Kastner
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