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1. Gemeinhin werden
das Öffentliche und das Private als zwei
essenzialistisch bestimmbare, getrennte Bereiche der
modernen Gesellschaft begriffen. Dafür gibt es sachliche
Anhaltspunkte. Erstens die Trennung von Haushalt und
Betrieb, die Max Weber zufolge als ein zentrales Merkmal
der okzidentalen Rationalisierung gelten kann. Durch
eine solche Trennung wird der Mann zum bestimmenden
Oberhaupt der Familie, die er versorgt und im Geschäftsleben
repräsentiert. Demgegenüber übernimmt die Frau unter
der Leitung des Mannes die Aufgaben des Hauses, also
Haushaltsführung, Kindererziehung, Überwachung des
Hauspersonals, Repräsentation: sie muss sparsam,
ordentlich und fleißig sein, gleichzeitig aber auch schön,
sensibel, liebevoll, geschmackvoll und gebildet. Denn der
Haushalt kann auch zum Ort der öffentlichen
Meinungsbildung und ästhetischen Diskussion werden. Hier
treffen sich die Bürgerinnen und Bürger und verständigen
sich über Kleidung, Erziehung, Gewohnheiten, Geschmack,
Sittlichkeit, wie sie für die Erhaltung der Lebensverhältnisse
ihrer Klasse notwendig sind. Sie beobachten sich
wechselseitig in ihren privaten Verfehlungen und
Katastrophen und sanktionieren diese, wenn sie
bestandsgefährlich werden.
Zweitens die Trennung
der Ökonomie von der Politik. In diesem Fall umfasst
das Private sowohl den Haushalt wie das Unternehmen.
Das Unternehmen, die Fabrik und das Büro sind der privaten
Herrschaft der Kapitaleigentümer unterworfen. Obwohl
es sich faktisch um öffentliche Räume handelt, wo die
Individuen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und
miteinander kommunizieren, sich in die gesellschaftliche
Arbeitsteilung eingliedern und in eine globale Vergesellschaftungsform
eintreten, die Anerkennung für ihre Kompetenzen finden
und ihre Subsistenz sichern, gilt dies alles nicht als
öffentlich. Allein Politik und Staat werden als öffentliche
Sphäre angesehen. In der öffentlichen Sphäre treffen
sich die Besitzbürger. In den Cafés und Gaststätten
tauschen sie sich aus und beweisen im öffentlich geführten
Gespräch ihre vernünftige Urteilskraft. In Diskussionen
über Zeitungsartikel beurteilen sie Literatur, die Politik
der Regierung, die Gesetze, die für sie gelten, und
erheben mit ihrer kritischen Diskussion den Anspruch,
auf diese Einfluss zu nehmen. Die öffentlichen Diskussionen
und Medien sind in der vordemokratischen Phase der bürgerlichen
Herrschaft der Ort der Demokratie und erheben den Anspruch,
den demokratischen Volkssouverän gegen den Staat zu
verkörpern. Denn in den Medien verständigen sich die
Bürger über ihre ökonomischen und politischen Interessen
und bringen Einwände oder Vorschläge vor. Journalisten
waren diejenigen Akteure, die, solange es keine politischen
Parteien, kein regelmäßig tagendes Parlament und keine
Berufspolitiker gab, Politik als eigenständige Handlungssphäre
auf Dauer stellten und damit auch die staatliche Verwaltung
kontrollierten.
Der Haushalt und
die Familie unterscheiden sich also von einem Bereich
privater ökonomischer Interessen, der die Bourgeoisie
und die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Zusammenhang
globaler gesellschaftlicher Verhältnisse stellt. Die
Familie unterscheidet sich aber auch von der öffentlichen
Sphäre als politisch-staatlichem Bereich der kollektiven
Willensbildung und der kollektiv bindenden Entscheidung,
auf die die Citoyens durch kritische und rationale Argumente
Einfluss nehmen müssen und können. Bei genauerer Betrachtung
erweitern sich das Private und das Öffentliche in vier
Bereiche: den familiären Haushalt, den Betrieb, die
Sphäre der durch Parteien und Kulturindustrie organisierten
öffentlichen Meinung und schließlich staatliche Verwaltung
und Politik.
Der Haushalt ist
im Vergleich zu den drei anderen der am wenigsten öffentliche
Bereich; und doch ist auch er nicht privat, sondern
der Logik der anderen Bereiche unterworfen. Dies gilt
vor allem hinsichtlich der ökonomischen, öffentlichen
und staatlichen Interessen an der generativen, sozialisatorischen
und habituellen Reproduktion des Bürgertums selbst.
Der männliche Familienvorstand sah in der Familie die
Instanz, die es ihm erlaubte, sein ökonomisches Eigentum
zu vererben. Die Frau sollte kontrolliert werden, so
dass sicher war, dass die Kinder tatsächlich die des
Familienoberhaupts sind. Es war wichtig, dass der Erbe
in einer Weise erzogen wurde, die ihn befähigte, den
Härten des zukünftigen Arbeitslebens, der Leitung eines
Betriebs, der Kontrolle Untergebener und der Lenkung
von Frau und Kindern gerecht zu werden. In dieser Hinsicht
gab es ein Misstrauen gegenüber der Frau als Erziehungsinstanz,
das dazu führte, die Kinder der allgemeinen Schulpflicht
zu unterwerfen, die Söhne in Internate zu schicken und
sie von klein auf in die männerbündischen Zwänge und
kollektiven Gewohnheiten ihrer Klasse zu sozialisieren.
Der Staat überwacht die demografischen Entwicklungen
sowie die Verbreitungen von Krankheiten und Todesfällen,
er sanktioniert eine normalistische Lebensweise und
unterwirft die physischen und psychischen Abweichungen
der Überwachung und Ausgrenzung. Die Öffentlichkeit
entwickelt ein Interesse an der medizinischen Reinheit
und Gesundheit des Blutes oder des Genmaterials, am
Gebär- und Zeugungsverhalten der Frau und der Ehepartner
wie an den familialen Gesundheitspraktiken, die nicht
nur zur Zerstörung der Familien führen, sondern auch
zu einer Belastung für das Gemeinwesen werden können.
Die Kulturindustrie entwirft weltweit verbreitete Modelle
heterosexueller Intimität vom ersten Flirt bis zur Kindererziehung.
Diese Modelle schaffen nicht nur eine Bilderwelt, sondern
stellen eine kollektive kulturelle Praxis dar, die aus
so verschiedenen Elementen wie Kosmetika, Kleidung,
Illustrierten, Schönheitswettbewerben, Ernährungsgewohnheiten,
Kommunikationsmustern und Sexualpraktiken besteht. Die
Paarbeziehung und die Familie sind also bis in die intimsten
Praktiken hinein nicht privat, sondern eine öffentlich
kontrollierte, überwachte und regulierte Einrichtung.
2. "Privat"
und "öffentlich" sind als soziologische Begriffe
zu ungenau, um deutlich abgrenzbare Sphären zu bezeichnen.
Deswegen schlage ich vor, sie als ein symbolisches Dispositiv
zu begreifen, als eine symbolische Ordnung, die eine
spezifische Repräsentation des sozialen Raums organisiert.
Sie wurde vom Bürgertum als eine der Formen der Hegemonie
entwickelt. Das Bürgertum hat es bald nach seiner Entstehung
verstanden, sich virtuos in diesem symbolischen Raum
zu bewegen und gleichzeitig andere soziale Akteure
auszugrenzen.
Öffentlichkeit markiert
die Stelle, die aus Meinungen, aus Klatsch und Gerüchten
eine sachliche Information, eine begründete Ansicht,
ein vernünftiges Urteil werden lässt. Öffentlichkeit,
wie sie dann auch von der Presse organisiert wird, stellt
einen machtvollen Zugriff auf gesellschaftliche Kommunikation
dar, die den Kreis der Hauswirtschaft verlässt und sich
unkontrolliert, sprunghaft, diffus verbreitet und zu
sozialen Unruhen führen kann. Mit einer Öffentlichkeit
lässt sich etwas als eingrenzbare Meinungsäußerung oder
Nachricht bezeichnen, der Weg der Verbreitung überblicken
und die Herkunft lokalisieren. Es entsteht das Prinzip
der Zurechenbarkeit und der Autorschaft, womit eine
Information ihrerseits kommodifiziert und verwertet
werden kann. Die Öffentlichkeit ist also nicht von außen
und nicht nachträglich dem Prozess der Kapitalverwertung
und der Kapitalmacht unterworfen worden, sondern ist
schon ihrem Prinzip nach ein Modus der Inwertsetzung
und Kontrolle gesellschaftlicher Kommunikation. Auf
dieser Grundlage kann das angeblich Öffentlichste, die
öffentliche Meinungsbildung, zum Privateigentum werden
und damit die Art der Interessenartikulation lenken.
Zurechenbarkeit und Autorschaft machen die öffentliche
Auseinandersetzung und sogar den Rechtsstreit möglich.
Eine Nachricht kann man dementieren, ein Gerücht nicht.
Nachrichten geben Verhaltenssicherheit und erlauben
es, Erwartungen zu bilden und Nutzenkalküle anzustellen.
Für langfristig angelegtes ökonomisches und politisches
Handeln in einer auf anonymen und unübersichtlichen
Märkten beruhenden Ökonomie sind solche stabil gehaltenen,
abgesicherten, autorisierten Nachrichten von großer
Wichtigkeit. Zunächst schaffen sie für Wirtschaftsakteure
Klarheit und Übersichtlichkeit darüber, welche Erwartungen
rational und welche Handlungen geboten sind.
Im Bereich der politischen
Herrschaft, die Wissen für sich monopolisieren kann,
schaffen weiterhin Nachricht und Information ein erhebliches
Machtpotenzial. Denn die Herrschaftsunterworfenen wissen
nie genau, was alle anderen tun, welche kollektiven
Verhaltensweisen sich entwickeln und durchsetzen, und
mit welchen politischen Reaktionen und Entscheidungen
sie zu rechnen haben. Aus diesem Verhältnis von politischer
Herrschaft als Herrschaft durch Wissen resultiert ein
spezifisches Muster der bürgerlichen Kritik an Herrschaft.
Danach bemisst sich der demokratische Charakter eines
Staates daran, ob und wieweit er Wissen zum Zwecke des
Machteinsatzes monopolisiert. Seine Macht besteht demnach
darin, einen Wissensvorsprung vor den Herrschaftsunterworfenen
zu erreichen, sei es durch polizeiliche und geheimdienstliche
Überwachung oder durch eine Informationspolitik, die
die Bürger desinformiert und deswegen Anlass zu falschen
Zukunftserwartungen gibt. Repräsentative Demokratie
gilt umgekehrt als ein politischer Koordinationsmechanismus,
der staatliches Handeln abhängig macht von der öffentlichen
Meinungsbildung.
Wird Öffentlichkeit
durch Merkmale wie Nachrichtenwert, Zurechenbarkeit,
Autorschaft, Verfahrensförmigkeit, Staatsbezug definiert,
dann müssen Gesprächsformen des Haushalts als unnützes
Geschwätz, als gefährlicher Klatsch und als Gerücht
gelten, auf das man nichts geben darf. Es ist aber wie
das, was Taxifahrer erzählen, eine Informationsquelle
für die offizielle Meinungs- und Willensbildung, weil
man vermutet, dass hier Meinungen ausgesprochen werden,
die, obwohl unzivilisiert und irrational, gerade auch
deswegen auf tiefer liegende Verhaltensweisen schließen
lassen. Es ist der Volksmund, der sich im Karneval,
im Kabarett und im Witz zeitlich begrenzt oder sozial
diffus konventionalisiert ausdrücken darf und dann gehört
wird. Die Soziologie versucht heute mit aufwendigen
qualitativen Verfahren, auch dieser alltäglichen gesellschaftlichen
Kommunikation in einer sogenannten zweiten Öffentlichkeit
noch habhaft zu werden. Häufig verbindet sich damit
die Annahme, dass es hier gefährliche, autoritäre Stimmungslagen
gibt, die nicht wirklich öffentlich werden wollen, die
aber, würden sie an die Öffentlichkeit gebracht, dem
zwanglosen Zwang des Arguments ausgesetzt wären und
sich rationalisieren müssten.
3. Folgt man der
Logik dieser symbolischen Ordnung, dann stellt man fest,
dass sie asymmetrisch angelegt ist. Öffentlichkeit
gilt in mancher Hinsicht als besser als das Private.
Am Pol der Öffentlichkeit konzentrieren sich Vorstellungen
von Freiheit, Demokratie, Rationalität und Universalität,
Diskussion, gesellschaftlicher Verkehr, Entscheidung,
Willen, Autorität. Diese Eigenschaften werden denjenigen
zugerechnet und vorbehalten, die in diesen Teil des
symbolischen Raums eintreten, also Männern. Umgekehrt
gelten alle diese Eigenschaften nicht für das, was symbolisch
als privat markiert wird: eine solche Art der Machtausübung,
die den Staat und die Verwaltung nur für private und
partikulare Interessen instrumentalisiert und deswegen
als irrational, freiheitseinschränkend und undemokratisch
betrachtet wird; die korporatistische Kompromissbildung
zwischen den großen Verbänden wie Gewerkschaften und
Unternehmensverbänden; die Familie und die Frauen.
Der Weg der Emanzipation ist vorgezeichnet und soll
sich auf der symbolischen Achse vom Privaten zum Öffentlichen
bewegen.
Es ist dies die Form,
wie in den vergangenen Jahren auch die Emanzipation
der Frauen akzeptiert wurde. Frauen treten in den Arbeitsmarkt
ein, sie vertreten ihre Interessen öffentlich und handeln
politisch. Gleichzeitig thematisieren sie die engen
Grenzen familiärer Privatheit und machen deutlich, dass
der symbolische Ort des Privaten selbst politisch erzeugt
ist. Er wurde aufgrund von partikularistischen Interessen
aus der Öffentlichkeit herausgenommen, und zwar von
Männern, die sich die Öffentlichkeit und den Staat als
privilegierten Ort vorbehalten und den Frauen und Kindern
die Familie als private Sphäre zuweisen. Die Familie
war für die Männer der Raum des Rückzugs und der Geborgenheit,
in den sie zurückkehrten, wenn sie erschöpft waren,
moralische und liebevolle Unterstützung brauchten oder
sexuelle Bedürfnisse hatten, und dem sie sich widmeten,
wenn sie nach ihren Alltagsgeschäften und neben öffentlichen
Diskussionen im Gasthaus, neben Politik oder wichtigem
freiwilligen Bürgerengagement in Initiativen und Vereinen
noch Zeit hatten.
Gegen die Vorstellung,
Emanzipation verliefe historisch und politisch entlang
einer Achse, die das Private zunehmend in Öffentlichkeit
transformiert, gibt es drei empirische Gesichtspunkte.
Erstens hat der Wohlfahrtsstaat sich in den vergangenen
Jahrzehnten in einem erheblichen Maße auf frauenspezifische
Tätigkeiten gestützt, im öffentlichen Dienst waren
und sind in vielen Bereichen Frauen tätig - von der
Privatisierung staatlicher Wohlfahrtsfunktionen sind
sie häufig nicht nur als Leistungsempfängerinnen, sondern
auch als Beschäftigte betroffen. Das staatlich-öffentliche
Leben wurde also seit langem schon in einem wichtigen
Teil von Frauen geprägt.
Zweitens ist es dem
Neoliberalismus gelungen, eine umgekehrte Bewegung von
Öffentlichkeit zu Privatisierung in Gang zu setzen.
Öffentliche Aufgaben wurden und werden privatisiert.
Dieser Privatisierungsprozess wird als Entbürokratisierung
und die Zunahme von Initiative, Freiheit, Verantwortung
und Partizipation der Bürger begriffen. Dies verändert
den Begriff des Privaten, denn nun werden Allgemeingüter
wie öffentlicher Transport, Kommunikation, Bildung,
soziale Sicherheit privat erzeugt und zu einem Mittel
der Kapitalakkumulation. War es eines der zentralen
Ziele der Linken und der Frauenbewegung, das private
Leben der Familie und Arkanpraktiken des Staates in
öffentliche Alltagspraktiken zu transformieren und den
öffentlichen Raum extensiv und intensiv immer weiter
auszudehnen, so beobachten wir heute die Gegenreaktion,
den Umfang des Bereichs des Staates einzuschränken.
Dies verringert auch den Umfang der Themen, über die
öffentlich diskutiert wird. Doch wird dies vielfach
positiv bewertet.
Drittens gibt es
das empirisch beobachtbare Bedürfnis von Frauen wie
von Männern nach Privatheit; sie fühlen sich durch beruflichen
Leistungsdruck überfordert, ihnen fehlt Freizeit und
Erholung, sie fühlen sich einem Konformitätsdruck ausgesetzt,
wenn sie sich ständig öffentlich äußern und verhalten
oder berufstätig sein sollen. Sie fordern ein Recht
darauf, dass der Staat und die Öffentlichkeit nicht
in alle privaten Lebensentscheidungen eingreifen.
4. Wichtiger als
diese empirischen Einwände ist mir ein systematisches
Problem, das mit dem Begriff der Öffentlichkeit zusammenhängt.
Nehmen wir hypothetisch einmal an, alle privaten Lebensformen
wären durch emanzipatorische Katalyse nun vollständig
öffentlich geworden. In diesem Fall hätte die Öffentlichkeit
die ständige Kontrolle über jede einzelne Lebensäußerung,
denn sämtliche Interessen, Bedürfnisse und Gedanken
hätten unmittelbar öffentliche Bedeutung. Öffentlichkeit
wäre total. Öffentlichkeit wäre dann sich selbst völlig
transparent und ein institutionelles Substitut für das,
was in der Bewusstseinsphilosophie als Identität von
Subjekt und Objekt konzipiert war. Realisiert wird ein
solches Modell gegenwärtig mit der in mehreren europäischen
Ländern veranstalteten Fernsehsendung Big Brother.
Hier wird das private Leben von zahlreichen Personen,
die freiwillig für mehrere Monate in einem Haus zusammenleben,
im Fernsehen übertragen. Zu diesem Zweck wird alles,
was die Bewohner tun, von Kameras ununterbrochen aufgezeichnet.
Privatheit gibt es ausdrücklich nicht.
Bemerkenswert erscheint
mir zweierlei. Erstens geht die totale Erfassung des
Privaten in eine enorme Banalisierung des auf ständige
öffentliche Kommunikation angelegten Zustands über.
Das Private ist nun vollständig öffentlich geworden
und wird ein uninteressanter Strom von Alltagsereignissen
ohne Nachrichtenwert. Da es sich aber um Öffentlichkeit
handelt, hat dies zur Konsequenz, dass die Teilnehmer
zu öffentlichen Personen und neuartigen Stars der Kulturindustrie
werden, der nun nicht mehr einfällt, als den Alltag
selbst zu vermarkten. Es kommt zu einer Art informationellem
Overkill. Dies hat eine zweite Konsequenz: Öffentlichkeit
wird mehr noch als bislang schon als eine Sphäre mit
knappen Aufmerksamkeitsressourcen erkannt. In der Folge
wird sie in mehrere, hierarchisch aufeinander bezogene
Segmente zerlegt, die durch unterschiedliche Formen
des Wissensmanagements gekennzeichnet sind. Es handelt
sich nicht mehr um öffentliche Kommunikation, in der
sich die Bürger und Bürgerinnen mit Argument und Gegenargument
engagieren. Entscheidend wird die Möglichkeit und Kompetenz,
sich vor Information zu schützen, sie gezielt auszuwählen
und jeweils zu entscheiden, was als öffentlich relevante
Kommunikation gilt. Diese Selektionspraktiken, also
die Möglichkeit, die öffentliche Kommunikation zu verweigern,
werden zur Grundlage neuer Machtformen. Denn es gehört
zu einer neu sich ausbildenden Privilegienstruktur,
sich öffentlicher Kommunikationszumutung zu entziehen
(dem Fernsehen als Freizeitkonsum) und tatsächlich hochselektiv
mitzureden, wo Entscheidungen getroffen werden.
Ein ähnliches Phänomen
lässt sich im Internet beobachten. Das Internet wird
mit Echtzeitinformationen überlastet, eine Kontrolle
der Nachrichten durch Redaktionen findet nicht statt,
so dass mittlerweile darüber geklagt wird, dass sich
ungefiltert jedes Gerücht verbreiten und die Aktienmärkte
und die Politik irritieren kann. Gegen diese historische
Rückkehr des Gerüchts bilden sich nicht nur kontrollierte
Zugangssperren in der Form von Kommunikationsgemeinschaften.
Unternehmen versuchen auch systematisch, neue Eigentumsregelungen
zu etablieren, die der Kommunikation wieder Autorschaft
und Zurechenbarkeit zuweisen und damit auch ihre Verwertbarkeit
sichern. Gegen die zu offene und unkontrollierbare
Kommunikation werden auch Hochgeschwindigkeitsnetze
eingerichtet, deren Zugang technisch und sozial beschränkt,
und deren Nutzung teuer ist.
5. Ich will die Paradoxie
noch etwas weiter verfolgen, die mit dem Ziel einer
Emanzipation durch Öffentlichkeit verbunden ist. Die
öffentliche Diskussion soll partikulare Interessen rational
koordinieren helfen. Das ist nur so lange nötig, wie
es nicht-rationale Interessen und Einstellungen gibt.
Wenn schließlich die Rationalisierung der Lebenswelt
so weit fortgeschritten ist, dass alle nur noch in universalistischer
Weise und öffentlich immer mit Blick auf den verallgemeinerten
Anderen handeln würden, dann gäbe es keine Privatheit
mehr, es würden keine partikulare Interessen mehr entstehen,
die überhaupt noch öffentlich zur Diskussion gestellt
werden müssten. Auf diese Weise untergräbt Öffentlichkeit
aber ihre eigene Grundlage. Öffentlichkeit ist auf ihr
Gegenteil, das Private und den Partikularismus, auf
irrationale Bedürfnisse und Interessenlagen angewiesen.
Diejenigen, die mit Öffentlichkeit einen Emanzipationsanspruch
verbinden, also in Deutschland insbesondere Jürgen Habermas,
sehen das. Da sie Emanzipation nur entlang der symbolischen
Achse privat-öffentlich denken, schränken sie notwendig
den Begriff der Emanzipation ein und verteidigen die
Lebenswelt privater, irrationaler und partikularistischer
Praktiken. Das Private darf nicht völlig aufgelöst werden,
es muss weiterhin partikularistische private Interessen
geben, damit eine Substanz da ist, die weiterhin durch
öffentliche Diskussion rationalisiert werden kann. "Die
politische Öffentlichkeit kann ihre Funktion, gesamtgesellschaftliche
Probleme wahrzunehmen und zu thematisieren, freilich
nur in dem Maße erfüllen, wie sie sich aus den Kommunikationszusammenhängen
der potentiell Betroffenen bildet" – also aus denjenigen
derer, die unter den externalisierten Kosten und internen
Störungen von Wirtschafts- und staatlich-politischem
System leiden. "Denn die Öffentlichkeit bezieht
ihre Impulse aus der privaten Verarbeitung lebensgeschichtlich
resonierender gesellschaftlicher Problemlagen."
(Habermas 1992, 441f.) Öffentlichkeit wird in der Konsequenz
ihrer eigenen Logik so eingegrenzt, dass sie am Ende
nur noch eine regulative Idee ist, eine Virtualisierung
und Norm, die in der wirklichen Welt nicht wirklich
erfolgreich sein darf. Es darf schließlich nicht alles
inkludiert werden, es handelt sich nur um die Möglichkeit
der Inklusion.
Aus sich heraus,
so mein Argument, erzeugt also die Dialektik des Öffentlichkeitsbegriffs
das Private hier und die öffentliche, staatlich-politische
Sphäre dort. Öffentlichkeit wird von Habermas als ein
nachmetaphysischer Begriff eingeführt, gleichzeitig
lässt sich am Beispiel dieses Begriffs erkennen, dass
und wie die moderne bürgerliche Gesellschaft Metaphysik
doch nicht überwinden kann. Denn wenn Metaphysik Derrida
zufolge durch Anwesenheit, Gegenwart und Transparenz
gekennzeichnet ist, dann wäre die vollständige Öffentlichkeit
die reine Präsenz und Transparenz. Doch gerade das kann
Öffentlichkeit nicht sein, ohne sich selbst aufzulösen.
Es müsste dann nichts mehr diskutiert werden. Deswegen
wird Öffentlichkeit antimetaphysisch als Aufschub begriffen,
als ein Prozess, in dem jeder Meinungsbeitrag kritisierbar
und von anderen Meinungsäußerungen ablösbar ist. Öffentlichkeit
kann niemals zu sich selbst kommen, sondern muss sich
aufschieben, sich ständig von sich selbst unterscheiden,
differieren durch Meinungskonflikte. Öffentlichkeit
darf niemals vollständig öffentlich werden, sondern
bedarf immer von neuem des Restes von Herrschaft, von
dem sie den Glauben nährt, um die Ecke der nächsten
öffentlichen Diskussion wäre er beseitigt; und ebenso
bedarf sie des Privaten und entfaltet sich nur durch
die vielen privaten Meinungsäußerungen hindurch, die
sich jeweils von neuem aufgrund von "gesellschaftlichen
Problemlagen" bilden.
Öffentlichkeit muss
sich selbst trotz ihres Drangs zur umfassenden Allgemeinheit
selbst begrenzen und darauf verzichten, alle gesellschaftlichen
Bereiche zu umfassen. Sie muss den Staat wie die Ökonomie,
das Öffentliche wie das Private eigensinnig operieren
lassen: "Daraus ergibt sich für demokratische Bewegungen,
die aus der Zivilgesellschaft hervorgehen, der Verzicht
auf jene Aspirationen einer sich im ganzen selbst organisierenden
Gesellschaft, die u.a. den marxistischen Vorstellungen
der sozialen Revolution zugrunde gelegen haben. Die
Zivilgesellschaft kann unmittelbar nur sich selbst transformieren
und mittelbar auf die Selbsttransformation des rechtsstaatlich
verfassten politischen Systems einwirken. [...] Aber
sie tritt nicht an die Stelle eines geschichtsphilosophisch
ausgezeichneten Großsubjekts, das die Gesellschaft im
ganzen unter Kontrolle bringen und zugleich legitim
für diese handeln sollte." (Habermas 1992, 450)
Damit Öffentlichkeit nicht in eine metaphysische Identität
übergeht, bedarf sie des Staates und der Ökonomie, unter
denen die Individuen so sehr leiden, dass sie etwas
öffentlich zu diskutieren haben. Der Preis, den Öffentlichkeit
bezahlt, um nicht metaphysisch zu werden, ist das Einverständnis
mit fortgesetztem gesellschaftlichen Elend und Leid
und dem Aufschub einer Versöhnung.
6. Öffentlichkeit
soll, wie Habermas es vorschlägt, als der Gegensatz
zu Metaphysik betrachtet werden. Denkt man in dieser
Weise darüber nach, klingt es kritisch und emanzipatorisch.
Doch der sachlichen Logik nach basiert die in und durch
Öffentlichkeit entfaltete "Différance" auf
einer enormen Macht, die sich intern, also in der Öffentlichkeit
selbst entfaltet.[1]
Zwei Argumente möchte ich dafür anführen.
1) Das Argument einer Inklusion durch Öffentlichkeit
und öffentliches Argumentieren betrifft die Öffentlichkeit
und ihre Mechanismen selbst. Empirisch wird festgestellt,
dass es keine einheitliche und umfassende Öffentlichkeit
gibt, sondern eine Vielzahl von Öffentlichkeiten. Das
ist dem Anspruch nach widersinnig, da damit das Öffentlichkeitsprinzip
zerstört wird. Es ist sicher eine interessante Frage,
wann ein gesellschaftlicher Kommunikationszusammenhang
als öffentlicher gilt; aber davon abgesehen, lassen
sich Teilöffentlichkeiten feststellen, die durch bestimmte
Lokalitäten, Argumentationsstile, Argumente, Themen,
Erscheinungsformen und Handlungsweisen zu charakterisieren
wären: also Protest in Form eines Streiks durch Arbeiterinnen
und Arbeiter, eine Demonstration vor dem Parlament,
ein Zeitungsartikel in einer Stadtteilzeitung, ein subkulturelles
Diskussionstreffen, eine Parlamentsdiskussion oder eine
nationale Fernsehsendung über den Bau von Atomkraftwerken.
Mir geht es jedoch um etwas anderes, nämlich um die
Annahme, dass durch die innere Logik der Öffentlichkeit
sich diese Teilöffentlichkeiten immer weiter miteinander
verschränken, da Argumente sich verallgemeinern, an
Argumente in Teilöffentlichkeiten anschließen und diese
damit öffnen würden. Man könnte die Annahme so charakterisieren:
Es wäre selbstwidersprüchlich, wenn die Öffentlichkeit,
die mit öffentlich vorgebrachten Argumenten einen Anspruch
auf Universalität erhebt, selbst bloß partikular bliebe.
Am Ende aller öffentlichen Diskussionen muss demnach
eine zusammenhängende Öffentlichkeit stehen.
Diese Schlussfolgerung
lässt sich empirisch nicht halten, wie ich am Beispiel
einer von mir durchgeführten Untersuchung der Berichts-
und Argumentationspraxis von 10 deutschen überregionalen
Tages- und Wochenzeitungen über etwa neun Jahre hinweg
ganz kurz zeigen will (vgl. Demirovic 1997, 165ff.).
Die Frage war, wie die deutsche Öffentlichkeit auf die
sozialen Protestbewegungen gegen Atomkraftwerke, Flughafenausbau
und Nachrüstung reagiert, ob sie die Protestakteure
als zum demokratischen Volk öffentlich diskutierender
Bürger und Bürgerinnen gehörend betrachtet, ihre Praxisformen
des zivilen Ungehorsams als legitime öffentliche Meinungsäußerung
ansieht und ihre Themen als öffentliche Argumente anerkennt.
Betrachtet man nun, wie die Akteure, also Bürgerinitiativen
und soziale Bewegungen, ihre inhaltlichen Argumente
und Forderungen sowie ihr demokratisches Äußerungsverhalten
bewertet werden, dann stellt man fest, dass die deutsche
Öffentlichkeit in zwei große Blöcke auseinander fällt.
Auf der einen Seite gibt es den Block der inklusiven,
für Argumente und Partizipation offenen Zeitungen. Sie
lassen während des gesamten Zeitraums der großen sozialen
Protestbewegungen die Akteure zu Wort kommen und diskutieren
ernsthaft und sachlich die Argumente. Auf der Gegenseite
gibt es einen Block von exkludierenden Medien. Für
diese Gruppe von überregionalen Tageszeitungen ist charakteristisch,
dass sie im Laufe des zunehmenden Protestes, und insbesondere
als Reaktion auf die Friedensbewegung, die sich der
Nachrüstungspolitik der Nato entgegenstellte, mit öffentlich
vorgebrachten Argumenten immer stärker für Ausgrenzungen
plädierte und einen Teil der Öffentlichkeit gar nicht
als Öffentlichkeit anerkannte. Es gibt also, anders
gesprochen, gerade vom Begriff der Öffentlichkeit her,
keine Garantie auf Inklusion. Immer wieder muss ein
Interesse sich öffentlich zur Geltung bringen, um dann
auch in der Öffentlichkeit anerkannt zu sein. Gerade
die nachmetaphysische Logik der Différance erzwingt
damit, dass alle Interessen immer wieder von neuem durch
Meinungskämpfe öffentlich zur Geltung gebracht werden
müssen, weil es öffentlich auch immer Gegenmeinungen
gibt. Öffentlichkeit ist agonal. In dieser Dynamik entfalten
sich aber eine Machtrelation und eine antagonistische
Relation: Denn immer wieder von neuem müssen Frauen
darum kämpfen, für ihre Forderungen und Interessen einen
Platz in der Öffentlichkeit zu finden; immer wieder
müssen Individuen gegen Rassismus argumentieren; immer
wieder Lohnabhängige für ihre Löhne, Arbeitszeiten und
Rechte eintreten. Es bildet sich keine Selbstverständlichkeit.
Nun gilt das für alle Interessen, und es ist für die
bürgerliche Gesellschaft insgesamt charakteristisch,
dass sie ein soziales Verhältnis ist, das sich selbst
durch Kritik, Konkurrenz und Konflikt ständig transformiert.
In diesem Prozess der Selbsttransformation aber gelten
einige Interessenlagen als erhaltenswert und erneuerungswürdig
und andere nicht; vor allem aber können einige soziale
Gruppen mit dieser Dynamik der ständigen Transformation
besser leben als andere, weil es die Art ihrer Lebensweise
ist, von der sie profitieren.
2) Différance
ist ein Prozess, der sich in der Zeit entfaltet, entlang
der Schrift, der Spur, einer Kette von Signifikanten,
von Äußerungen. Die Kommunikationen schließen aneinander
an und müssen als solche füreinander erkennbar sein.
Kommen sie alle gleichzeitig oder unzusammenhängend
zerstreut, dann kann niemand dem anderen mehr zuhören
und antworten. Öffentlichkeit verlangt nach Ordnung,
die die Kommunikationen organisiert, nach Verfahren,
die regeln, wann und wo gesprochen wird, wer spricht
und wer zuhört, welches Gewicht das Wort des Redners
aufgrund seiner institutionellen Sprecherposition hat,
in welcher Abfolge die Sprechakte erfolgen und schließlich,
in welche Handlungen das Wort einmünden soll. Öffentlichkeit
ist also ein institutionell vielfältig gegliederter
Raum. In ihm entfaltet sich Zeit und Macht. Es sind
besondere Personen, die das Privileg wahrnehmen zu sprechen,
die dafür die kollektiv zur Verfügung stehende Zeit
und den Raum in Anspruch nehmen und damit gleichzeitig
für andere unzugänglich machen. Diese müssen zuhören,
sie sind Publikum. Die Rolle des Sprechers im öffentlichen
Raum ist institutionalisiert, es handelt sich um Intellektuelle.
Und mit Intellektuellen ist wie mit Politikern das Problem
der Repräsentation verbunden. Sie sprechen für andere,
für eine Allgemeinheit. Wenn sie einmal oder zweimal
erfolgreich öffentlich gesprochen haben, dann haftet
ihrem Wort die Reputation oder das Charisma an, dass
sie für die Allgemeinheit sprechen, die Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit ist ihnen sicher. Es gibt die allgemeine
Vermutung und Erwartung, dass der Intellektuelle, ausgewiesen
durch den Ort seiner Rede und durch die Verfahren, die
ihn an diesen Ort geführt haben, auch weiterhin für
die Allgemeinheit sprechen wird. Der Intellektuelle
wiederum erwartet diese Erwartung und beansprucht, diese
durch seine Meinungsäußerung zu erfüllen. Wenn es gelingt,
dann lässt sich dies nie vollständig prüfen. Denn die
Rolle des Publikums ist ganz allgemein, wie Habermas
erläutert, auf Ja-Nein-Stellungnahmen festgelegt, es
ist in seiner Kommunikation also auf das Minimum begrenzt.
Wenn die Kommunikation misslingt und viele Individuen
aus dem Publikum sich nicht repräsentiert fühlen, dann
ist das gleichfalls nicht korrigierbar. Der Redner muss
dies gar nicht zur Kenntnis nehmen, denn er wird immer
jemanden finden, der ihm zustimmt und seine Situationsdeutung
teilt. Schließlich kann der öffentliche Redner vieles
behaupten. Alle anderen sind nur Einzelne und Private,
er aber tritt öffentlich auf und bewegt sich damit im
Medium des Allgemeinen. Häufig wissen die einzelnen
Privatpersonen nicht einmal, dass gerade über ihre Interessen
gesprochen wird und dass sie Objekte der Repräsentation
sind; und bis sie sich mit öffentlichen Argumenten und
Revisionsforderungen wehren können, ist es schon zu
spät, denn die Entscheidungen sind gefallen und einige
haben den Nutzen gezogen. Öffentlichkeit stützt sich
auf eine informelle Art der Repräsentation, diese erlaubt
immer die Bildung von Macht und entmündigt jeweils die
große Mehrheit. Denn die Mehrheit hat aufgrund der Arbeitsteilung
nicht das Savoir-faire, die Funktion des repräsentativen,
öffentlichen Intellektuellen, des Journalisten und Politikers
wahrzunehmen (vgl. Bourdieu 1992, 174ff.).
7. Die in der Öffentlichkeit
als Raum der öffentlichen Diskussion schon implizierte
Macht wird noch dadurch gesteigert, dass Öffentlichkeit
im allgemeinen Verständnis auch den Bereich der Politik
und des staatlichen Handelns einschließt. Politisches
Handeln erfolgt unter Bedingungen knapper Zeit. Dies
schafft eigene Zwänge. Am Beispiel der Theorieentwicklung
von Habermas lässt sich das nachvollziehen. Habermas
hatte zunächst die Vorstellung, dass die Öffentlichkeit
ein Raum der herrschaftsfreien Kommunikation sei, in
dem die Bürger ohne unmittelbaren Handlungszwang über
Entscheidungen räsonieren und nach der Abwägung aller
Argumente zu einem gemeinsamen Beschluss gelangen. Doch
dann müsste über zu vieles gleichzeitig kommuniziert
werden. Deswegen schränken Verfahren die Kommunikation
sozial, sachlich und zeitlich ein: Nicht alle reden
endlos über alles. Öffentliche Kommunikation muss entlastet
werden, indem sie nur der Möglichkeit nach über alles
zu sprechen erlaubt, doch vieles, was entschieden ist,
einfach bis auf weiteres als Hintergrundkonsens gelten
lässt. Da Kommunikation zu komplex würde, hat die moderne
Gesellschaft politisch-administratives Handeln ausdifferenziert,
das die Kommunikation von Entscheidungen entlastet.
Dies schränkt Öffentlichkeit aber noch weiter ein. Denn
die Öffentlichkeit als Sphäre demokratischer Selbstverständigung
der Bürger wird nun zwischen die Lebenswelt privat-familialer
Interessen auf der einen Seite und die staatliche Administration
auf der anderen Seite eingespannt. Die öffentliche Diskussion
ist eine solche, die sich auf eine Beeinflussung allein
des Gesetzgebungsprozesses beschränkt, der wiederum
staatliches Handeln programmiert. Dies kann auch einschränkend
formuliert werden: Nur die öffentlichen Kommunikationsbeiträge,
die auf den offiziellen Politikprozess einer modernen,
repräsentativ verfassten Gesellschaft zielen, können
als öffentlich begriffen werden. Alles andere fällt
wieder in den Bereich des Privaten zurück. Letztlich,
durch eine rekursive Schleife, definiert also indirekt
der Staat, was als öffentliche Diskussion gelten kann.
Der Staat definiert
aber auch noch in einer weiteren Hinsicht die öffentliche
Kommunikation. Denn der Staat ist die Sphäre des politischen
Entscheidens. Nicht alles, was entschieden wird, ist
das Ergebnis vorangegangener Kommunikation. Vielmehr
muss Politik auf neue Herausforderungen reagieren: auf
die Entwicklung der Ölpreise, eine Umweltkatastrophe,
die Währungsspekulation oder auch auf Entscheidungen
in internationalen Gremien. In allen diesen Fällen wird
vom Parlament verlangt, Entscheidungen der Regierung
zuzustimmen. Die Öffentlichkeit kann dann das politische
Handeln nachträglich kritisieren. Aber das ist ohne
Konsequenz. Der Staat hat Zeit gewonnen und Fakten geschaffen.
Die Möglichkeit, die sich mit dem Begriff der Öffentlichkeit
verbindet, nämlich virtuell alles noch einmal zum Gegenstand
der öffentlichen Diskussion zu machen, leidet grundsätzlich
also an einer unaufhebbaren Ungleichzeitigkeit: dass
die öffentliche Diskussion immer zu spät kommt.
8. Die hier vorgestellte
These ist, dass die symbolische Achse öffentlich und
privat als eine Form bürgerlicher Hegemonie zu begreifen
ist. Was als öffentlich und privat gilt, wird vom Staat
definiert - vom Staat, der als gesellschaftliches Kräfteverhältnis
zu begreifen ist, mit dem ein Teil der herrschenden
Kräfte sich in einem selbstbezüglichen Akt den Charakter
des Öffentlichen gibt. Damit ist ein symbolischer Raum
geschaffen, der das soziale Handeln mit Blick auf den
Staat und seine möglichen Entscheidungen organisiert,
das Handeln damit zu einer gewissen Beweglichkeit und
Dynamik nötigt, es in Widersprüche und Paradoxien verwickelt.
Aus sich heraus erzeugt Öffentlichkeit sowohl die Notwendigkeit
von Privatheit als auch von Staat, und damit das Gegenteil
dessen, was sie beansprucht. Es sind diese Paradoxien,
mit denen die Linke und die Frauenbewegung sowie alle
diejenigen konfrontiert wurden, die in den vergangenen
Jahrzehnten gefordert haben, das Private in Öffentlichkeit
zu transformieren. Privat und öffentlich haben keine
stabile Bedeutung und verlangen deswegen eine enorme
Beweglichkeit. Meine These ist, dass öffentlich und
privat ähnlich wie links und rechts oder Regierung und
Opposition symbolische Einteilungen und Begrenzungen
von sozialen Praktiken sind, die in einem Raum stattfinden,
den ich trotz aller Missverständnisse, die das in den
vergangenen Jahren hervorgerufen hat, im Anschluss an
Gramsci als Zivilgesellschaft (società civile) bezeichnen
will. Das ist der weitgespannte Bereich der kulturellen
Organisation einer Gesellschaft, der als privat gilt
– wie ja auch Zeitungen und Fernsehen häufig Privateigentum
sind –, den Gramsci aber als Erweiterung des Staates
betrachtet, weil eben der Staat die Unterscheidung
von privat und öffentlich festlegt und vollzieht. Während
der Staat im engeren Sinn aus dem Gewaltapparat, Regierung
und Verwaltung, besteht, ist die Zivilgesellschaft ein
Bereich, in dem sich umfassende soziale Parteien bilden
und ihre Interessen durch politische Bündnisse verallgemeinern
und ihre partikulare Weltsicht anderen aufzuherrschen
versuchen. Hier werden in alltäglichen Konflikten die
Kräfteverhältnisse geschaffen, die den Akteuren das
besondere Wissen davon vermitteln, dass sie sich von
einem Staat lenken und regieren lassen sollen. Die Zivilgesellschaft
ist demnach die Grundlage des Staates, insofern hier
die Alltagspraktiken und Einstellungen erzeugt werden,
die der staatlichen Regierung und Gewaltanwendung Kontinuität
verleihen. Es ist ein Bereich, der ein komplex gegliedertes
Kräfteverhältnis zwischen den sozialen Klassen und
Geschlechtern darstellt und vieles umfasst: die Zeitschriften
und Zeitungen, Straßennamen, Bibliotheken und Verlage,
bewaffnete Gruppierungen und Sicherheitsdienste, politische
Zirkel und Galerien, Bildungszirkel und Akademien, Beratungsstellen
und Therapieeinrichtungen, Werbung und Kinos, Diskotheken
und Fitness-Studios, Verbrauchergruppen und Nichtregierungsorganisationen,
Subkulturen und Vereine. In allen diesen Bereichen kämpfen
die Individuen und sozialen Gruppen jeweils um kollektive
Lebensgewohnheiten und die Art der Routine, die auf
dem stillschweigenden alltäglichen Konsens der Menschen
beruht und eine der grundlegenden Bedingungen für die
Aufrechterhaltung von Herrschaft ist. Öffentlichkeit
ist ein soziologisch zu ungenauer Begriff, um diesen
Komplex der Zivilgesellschaft theoretisch zu begreifen,
er ist lediglich ein Schema, das Kräftekonstellationen
abbilden kann. Die Achse privat-öffentlich zeigt an,
dass sich die Konsensgrundlagen des politischen Staates
verschieben und die kollektiven Gewohnheiten ändern.
So gesehen kann es in der Politik wichtig sein, darum
zu kämpfen, dass ein soziales Verhältnis als öffentliches
anerkannt wird, aber es handelt sich dann um ein Mittel
der Emanzipation, nicht schon um das Ziel. Dieses Mittel
selbst kann kontraproduktiv werden, weil es sowohl neue
Etatisierungs- wie Privatisierungsschübe initiiert.
9. Der Begriff der
Öffentlichkeit ist ein Versuch, Konsens und demokratische
Prozesse der Willensbildung verständlich zu machen.
Die Hegemonietheorie verhält sich zum Begriff der Öffentlichkeit
in gewisser Weise metatheoretisch. Denn zum einen thematisiert
auch sie die Prozesse der Konsensbildung; und Konsens
wird in der Tat auch in der Form öffentlicher Diskussionen
und Argumente ausgearbeitet. Darüber hinaus jedoch
wird auch versucht, die Logik des Öffentlichen und der
Unterscheidung von privat und öffentlich selbst noch
im Rahmen der Zivilgesellschaft verständlich zu machen.
Die Unterscheidung von öffentlich und privat stellt
sich aus diesem Blickwinkel betrachtet als eine Regierungstechnologie
dar, die als solche schon einen Konsens erzeugt, einen
Konsens, der die Individuen und sozialen Gruppen dazu
verhält, sich als Private oder Öffentliche von sich
selbst zu unterscheiden. Sie müssen eintreten in einen
Konflikt mit sich selbst, in dem sie kritisch sich zum
Gegenstand einer Befragung machen, ob sie lediglich
partikular oder auch allgemein sind. Ständig bewegen
sich die Individuen in diesem Zweifel hin und her und
sind immer gefangen. Äußern sie sich öffentlich, müssen
sie Kritik antizipieren, dass ihr Interesse, ihre Sicht
der Dinge nicht legitim, nicht allgemein ist. Doch nur
privat existieren geht auch nicht. Sie unterstehen
dem Selbstzwang, öffentlich sprechen zu sollen. Dies
gilt als Zeichen von Autonomie, zu der überall erzogen,
die überall eingefordert wird, während doch gerade die
oben beschriebenen Mechanismen der Öffentlichkeit daran
arbeiten, dass die Individuen nicht sprechen werden
oder ihre öffentlichen Äußerungen wertlos und sinnlos
werden. Werden sie zu öffentlichen Personen, nimmt dies
für die Individuen alsbald zerstörerische Züge an.
Die ständige öffentliche Aufmerksamkeit zerstört die
Sphäre des Privaten und erzeugt ein solches Maß an Anerkennung,
das jenseits dessen ist, was das Individuum noch in
eine sinnvolle Beziehung zu seinem Tun bringen kann.
Die Macht der Öffentlichkeit selbst wirkt zerstörerisch.
So kommt es zu einer letzten Dialektik: das Private
verurteilt die Menschen dazu, sich im Grenzfall in die
sinnlose Kette der bloß biologischen Reproduktion der
Gattung einzuordnen; das Öffentliche traumatisiert
die Individuen, weil sie sich als solche schon für das
Allgemeine halten und in ein narzisstisches Verhältnis
zu sich selbst gesetzt werden. Anstatt also die emanzipatorische
Phantasie auf die öffentliche Kommunikation zu begrenzen,
wäre nach neuen Formen des die Individuen assoziierenden
Sprechens zu suchen.
Literatur:
Bourdieu, Pierre (1992):
Rede und Antwort, Frankfurt am Main
Demirovic, Alex (1997): Demokratie
und Herrschaft. Aspekte kritischer Gesellschaftstheorie,
Münster
Habermas, Jürgen (1992): Faktizität
und Geltung, Frankfurt am Main
[1] Der Begriff der Différance
geht auf Jacques Derrida zurück. Er will damit auf
die besondere Bedeutung des Spiels der Signifikanten
und der Schrift gegenüber dem Sprechen, dem Logos
hinweisen. Kritisch wendet er sich damit gegen die
metaphysische Tradition, die in der Schrift nur ein
Zeichen, nur ein Auszeichnen des ausgesprochenen
Gedankens sieht. Das Sprechen meint Präsenz,
Anwesenheit, reine Gegenwart. Demgegenüber ist die
Schrift durch den Aufschub gekennzeichnet, die
Bedeutung entsteht nur durch immer neue Signifikanten,
die sich von den vorherigen unterscheiden. Die
Bedeutung wird also nicht durch die Schrift zum
Ausdruck gebracht, sondern durch das Spiel der
Signifikanten konstruiert. Der kleine Schreibfehler in
Différance, der ein "e" durch ein
"a" ersetzt, macht deutlich, dass erst durch
die Schrift, nicht durch das Sprechen eine Differenz
entsteht und ein Aufschub bewirkt wird. Denn die
Bedeutung dieses "a" muss selbst wiederum
erläutert werden. Mit großen Einschränkungen
gesagt, meint Derrida mit Différance etwas Ähnliches
wie Adorno mit Vermittlung: ein Moment zeitlicher Verzögerung,
eine komplexe Struktur, ein Sachverhalt, der sich
nicht im direkten Zugriff haben lässt. Vermittlung
ist allerdings bei Hegel in eine Teleologie des
Systemgedankens eingefügt, gegen die sich Derrida mit
dem Begriff der Différance gerade wehrt. Das
Differieren der Schrift wird der Geschlossenheit des
Systems ebenso entgegengestellt wie bei Adorno die
Differenz. - Aus dem Blickwinkel einer kritischen
Demokratietheorie werden aber auch Schwächen des Différance-Begriffs
deutlich. Denn der Aufschub, der durch immer neue öffentliche
Diskussionen und durch die Bildung immer neuer
Minderheiten entsteht, hat neben der
antimetaphysischen auch eine durchaus
antiemanzipatorische Bedeutung, nämlich zu
verhindern, die grundlegenden Verhältnisse der
Gesellschaft zu verändern.
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