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Übersicht
über Episoden des Konflikts
Seit 2001 hat ein
Netzwerk, bestehend aus italienischen, französischen
und katalanischen Medien-HacktivistInnen, BasisgewerkschaftlerInnen,
selbstverwalteten und besetzten Jugendzentren, AktivistInnen
aus dem Umfeld der "critical mass bikers",
von radikalen Netzwerken, studentischen Gruppen, ArbeiterInnenkollektiven,
migrantischen Organisationen sowie solche aus kommunistischen,
grünen, anarchistischen, schwul/lesbischen und feministischen
Zusammenhängen die MayDay-Paraden ins Leben gerufen,
die am 1. Mai im Zentrum von Mailand stattfinden. Die
Beteiligung am MayDay und seine Bedeutung ist ständig
gewachsen, von 5.000 Leuten 2001 auf 50.000 im Jahr
2003. 2004 erreichte die MayDay-Mobilisierung in Mailand
und Barcelona schließlich schon 100.000 DemonstrantInnen,
die für ihre Organisierung und für soziale Rechte als
Weg aus der verallgemeinerten Prekarität auf die Straße
gingen.
Der MayDay hat sich
als eine horizontale Methode der Vernetzung zwischen
der Genua-Bewegung und radikalen Fraktionen der Gewerkschaften
erwiesen - darüber hinaus eine Allianz zwischen zwei
Generationen des Konflikts ermöglicht. Der MayDay hat
auch als Auslöser von mannigfaltigen Aktionen im urbanen
Raum und von Arbeitskämpfen im Stadtgebiet von Mailand
und - kurze Zeit später - auch im Rest Italiens fungiert,
damit zur Mobilisierung von jungen ZeitarbeiterInnen,
Teilzeitbeschäftigten, von FreiberuflerInnen und WerkvertragsarbeiterInnen,
Forschenden und Lehrenden, DienstleisterInnen und WissensarbeiterInnen
geführt.
Viele der sich intensivierenden
transeuropäischen Netzwerke haben - auf der Grundlage
des Austausches auf den europäischen Sozialforen in
Florenz und Paris - effektiv mit einer Einschätzung
des existierenden politischen Szenarios und mit der
Realisierung der Möglichkeiten für die radikale Organisation
von Prekären auf europäischer Ebene begonnen. Das
sind die Menschen, die nun in vielen europäischen Metropolen
für ihre Rechte agitieren und streiken.
Prekarität:
eine allgemeine Bedingung auf der Suche nach einem
radikalen transeuropäischen Subjekt
Der Neoliberalismus
ist seit zwei Jahrzehnten zuallererst ein System der
Prekarisierung von Arbeit und der Auflösung von gewerkschaftlicher
Organisierung des urbanen und suburbanen Lebens. Dieser
Prozess hat für die Mehrheit vor allem der arbeitenden
Frauen, Jugendlichen und MigrantInnen eine prekäre,
von grundlegenden sozialen Rechten beraubte Existenzform
nach sich gezogen. Im Herzen dieses Prozesses der neoliberalen
Akkumulation liegt die flexible und auf befristeten
Verträgen basierende Beschäftigung von GelegenheitsarbeiterInnen,
die in entscheidenden reproduktiven und distributiven
Bereichen des Dienstleistungssektors, sowie in den Wissens-,
Kultur- und Medienindustrien angestellt sind. Diese
aber liefern das Rohmaterial, auf dessen Basis das
ganze System funktioniert: Information.
Wir, aktive ZeitarbeiterInnen
aus Italien, nennen uns selbst PRECOG, weil wir das
im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor arbeitende
"Prekariat" verkörpern und das "Kognitariat"
der Erziehungs- und Medienindustrien. Wir sind die
ProduzentInnen des neoliberalen Wohlstands, wir schaffen
jenes Wissen, jene Stile und jene Kultur, die von der
monopolisierten Macht eingeschlossen und angeeignet
wird.
Viele von denen,
die in syndikalistischen Gruppen Streikposten organisieren,
den MayDay bewerben und die Website ChainWorkers.org
editieren, haben dieses seltsame Profil von Menschen
mit einer Gewerkschaftsvergangenheit, die nun in Mailands
Medienindustrie arbeiten. In einem Land lebend, wo das
kommerzielle Fernsehen einem doofen Magnaten zu beinahe
totaler Macht verhalf, verstehen wir die Überzeugungskraft
von Popkultur und Werbetechniken. Unsere Absicht ist
es gewesen, durch den subvertierenden Gebrauch von
Sprache und Grafik eine neue Marke des Aktivismus und
der Revolte von ArbeiterInnen zu entwickeln, die auf
Menschen ausgerichtet ist, die bisher keine politischen
Erfahrungen haben außer dem Gebrauch und der Plackerei
ihres Körpers und ihres Geistes in den großen Verkaufsstellen
und Bürokomplexen. Wir zielen auf die Umsetzung dieser
Absicht durch die konstante Berichterstattung über Arbeitskämpfe
und unternehmerische Untaten in Malls, Franchises, Megastores
und Call Centers auf der ganzen Welt. Wir kommentieren
auch Entwicklungen im Bereich des Arbeitsrechts und
schauen auf Aspekte von Medienaktivismus und populärer
Kultur, die mit kommerziellen und Dienstleistungs-Räumen
verbunden sind. Wir in den syndikalistischen Gruppen
waren überrascht, dafür ein riesiges und empfängliches
Publikum zu finden.
Und kein Wunder:
Es gibt 30 Millionen TeilzeitarbeiterInnen in der
neuen EU. Diese Menschen - und die zahllosen ZeitarbeiterInnen,
die nur periodisch, auf Werkvertragsbasis oder in der
Schattenwirtschaft Beschäftigten und die migrantischen
ArbeiterInnen, die überhaupt aus diesen Mustern herausfallen
- sind die Menge der in der riesigen postindustriellen
Ökonomie schuftenden ArbeiterInnen. Diese Menschen
werden aus den meisten Formen der öffentlichen Wohlfahrt
und der sozialen Sicherheit ausgeschlossen, unfähig,
Pläne für die Zukunft zu machen, der rohen existenziellen
Instabilität unterworfen, die vom Fall durch das soziale
Netz aufgrund von Unfall, Krankheit oder Alter Zeugnis
ablegt. Die Gefahr des sozialen Ausschlusses hängt
über unseren Köpfen wie ein Damokles-Schwert.
Wir sind diese prekären
Menschen. Wir sind die Frauen Europas, das trotz der
"Feminisierung" von Arbeitskraft und Ökonomie
für XX-Menschen diskriminierendere Löhne und Rollen
vorbehält, als sie die dominierenden XY-Menschen erwarten
dürfen. Wir sind die "konsumerisierte" jüngere
Generation, die man aus dem politischen und sozialen
Design eines gerontokratischen und technokratischen
Europas ausgespart hat. Wir sind in erster Generation
EuropäerInnen, kommend von den fünf Kontinenten und
- am bedeutsamsten - von den sieben Meeren. Wir sind
Menschen mittleren Alters, die aus ihren einst sicheren
Jobs in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe
entlassen wurden. Wir sind Menschen, die keine Langzeitjobs
haben (und diese auch meist nicht wollen) und deshalb
grundlegender sozialer Rechte beraubt werden, wie beispielsweise
des Mutterschutzes, des Krankenstands oder des Luxus
des bezahlten Urlaubs. Wir sind anzuheuern auf Anfrage,
auf Abruf verfügbar, nach Belieben auszubeuten und
kündigbar nach Lust und Laune. Wir sind das Prekariat.
Das Prekariat ist
die Summe aller Menschen mit nicht standardisierten
Beschäftigungsformen, die jenen sozialen Standard erfahren
müssen, um den sich das kollektive Leben zunehmend dreht.
Es ist eine Bedingung der verallgemeinerten sozialen
Prekarität und der singularisierten Prekarisierung
der Jobs. Es ist der Ausschluss einer ganzen Generation
- und bald schon einer gesamten Gesellschaft
- von sozialen Rechten, die Garantien für kollektive
Selbstverteidigung in sich tragen. Diese Rechte müssen
entweder einen kontinentalen oder einen europaweiten
Schutz haben - oder sie werden überhaupt nicht existieren.
Prekarität
in Europa
Zahlen, Daten und
Fakten beweisen, dass sowohl in Italien, als auch in
Spanien und Frankreich eine große Zahl der jungen Angestellten
in Jobs ohne Zukunft mit prekären Verträgen feststeckt.
Alleine in Italien gibt es sieben Millionen Flex Workers
und das, ohne die vermutlich drei Millionen mitzurechnen,
die schwarz bezahlt in der Schattenwirtschaft beschäftigt
werden. In Mailands Umland, der Lombardei, arbeiten
- einem Trend der am meisten entwickelten europäischen
Regionen folgend - 1,5 Millionen der gesamten Anzahl
dieser Prekären.
Prekäre Jobs sind
der Hauptgrund für Substandard- oder Armutslöhne. Die
Zahl der so genannten "working poor" ist
in Europa ebenso gewachsen wie in den USA. Im Jahr 2000
wurde in der vor der Erweiterung stehenden EU rund
ein Viertel der ArbeiterInnen mit Löhnen unter dem
Durchschnittseinkommen bezahlt. Am meisten davon
finden sich im Vorreiterland des freien Marktes, England,
sowie im zum freien Markt konvertierten Irland. Vor
allem Frauen und im Ausland geborene BewohnerInnen tragen
in einem überproportionalen Ausmaß die Hauptlast der
armutsgefährdeten Jobs. Ein Drittel der europäischen
Frauen wird mit Löhnen unter der Armutsgrenze abgespeist.
Diese Zahl steigert sich zu erschreckenden 50% bei den
im Ausland geborenen ArbeiterInnen in Frankreich und
Belgien - Länder, in denen starke xenophobische Bewegungen
den Wirtschafts-MigrantInnen zusätzlich eine Menge Kummer
bereiten.
Während flexible
Arbeit aktuell ein Kernelement der zeitgenössischen
Wirtschaft bildet, werden Flex Workers selbst von der
öffentlichen Meinung immer noch als Randphänomen angesehen.
Deshalb fehlen ihnen bis heute Rechte oder Ansprüche.
Flex Workers sind vorwiegend in den Wissens- und Dienstleistungsindustrien
konzentriert. Das Wachstum dieser Branchen wurde lange
Zeit einerseits mit dem Übergang zum Post-Industrialimus
als genereller Produktionsform und andererseits mit
dem Wechsel vom Fordismus zum Postfordismus verbunden.
Was ehedem taylorisiert war, ist nun walmartisiert.
Die stabile Klassenstruktur des keynsianischen Wohlfahrtsstaates
- mit seinen sicheren Arbeiterklassen und seinen loyalen
Mittelschichten - wird nun durch eine darwinistische
Hackordnung ersetzt. Diese Hackordnung wird von einem
neoliberalen Informationalismus diktiert, in dem Massen
von prekarisierten und in kognitiven Sektoren angestellten
ArbeiterInnen Mehrwert produzieren, der in den weltweiten
Finanzmärkten versickert. Das Prekariat ist für den
Postindustrialismus das, was das Proletariat für den
Industrialismus war: das nicht befriedete soziale Subjekt.
Vom
Subjekt zur Organisierung: In Richtung eines transeuropäischen
Biosyndikates des Prekariats?
Wir sind alle entweder
Prekäre oder Kognitäre, und wir müssen alle arbeiten,
um das Rad am Laufen zu halten. Wir sind dazu gezwungen,
vor der Heuchelei, dem Missbrauch und der Schikaniererei
in unseren Jobs zu knien und zu buckeln, weil wir alle
in hohem Maße erpressbar und entbehrlich sind. In unseren
Hinterköpfen wissen wir alle, dass ein Ausbleiben der
nächsten Honorarzahlung eine ganze Reihe von lästigen
und allzu bekannten Folgen haben kann: Unbezahlte Rechnungen,
unterbrochene Grundversorgung, kein Geld für die Miete,
sozialer Rückzug, emotionale Spannungen, das Gefühl
von Panik gegenüber der Welt, die ein schwarzes Loch
rund um dich zu schaffen scheint, die Möglichkeit einer
Delogierung, die Wahrscheinlichkeit einer Depression,
das Risiko sich abzeichnender Isolation und das dunkle
Gespenst der eigenen Obdachlosigkeit deutlich und schmerzlich
in Sicht.
Aber wie können wir
uns am besten organisieren und zusammenschließen? 1905
schafften es die amerikanischen Wobblies, eine neue
industrielle Gewerkschaft zu gründen, die beides zugleich
war - anarchistisch und sozialistisch ausgerichtet.
In ihr organisierten sich ungelernte ArbeiterInnen mit
den unterschiedlichsten ethnischen Hintergründen. Was
wäre heute, ein Jahrhundert später, das Äquivalent zum
industriellen Gewerkschaftswesen? Heute, wo der Sozialismus
eine sterbende Ideologie und der Anarchismus nicht
viel mehr als eine existenzielle Rebellion ist? Es gibt
dafür keine einfachen Antworten. Aber es ist klar,
dass jene sozialen Netzwerke, die für EuroMayDay geschaffen
wurden, jetzt von einem Ereignis zu einem Prozess transformiert
werden müssen. Die Zeiten sind reif für die Schaffung
eines wahrhaftigen Biosyndikats aller ZeitarbeiterInnen
und temporär Beschäftigten in Europa: von Helsinki bis
Rom und von Lissabon bis Athen. Mit Biosyndikat meinen
wir eine netzartige und auf direkter Aktion basierende
Gewerkschaft, die rund um die kommunikativen Praxen
und konfliktiven Verhaltensweisen der Multitudes von
Flex Workers aufgebaut ist, welche sie inspiriert und
von denen sie inspiriert ist.
Das italienische
Phänomen des San Precario ist in dieser Hinsicht ein
interessanter Fall. Wir haben am 29. Februar 2004 die
Geburt eines Schutzheiligen aller Flex Workers verkündet,
als wir einen neueröffneten Supermarkt mit Hilfe einer
Pseudo-Prozession und surrealistischen Gläubigen besetzten,
um gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit zu protestieren.
Innerhalb weniger Wochen wurden überall in Italiens
Städten Erscheinungen des Heiligen gemeldet, das Phänomen
begann zu wuchern. Beim letztjährigen MayDay bildete
eine sehr schöne Statute des uniformierten Heiligen
- gebaut und bemalt von mailändischen Flex Workern
aus der Theaterbranche - die Spitze der gigantischen
Parade in Mailand. Die Statue stellte einen auf den
Knien betenden Chainworker vor einem herrlichen Altar
dar, sein Kopf umgeben von einem geschmackvollen Neon-Heiligenschein.
Zwei Tage später begann die größte italienische Tageszeitung
den Namen "San Precario" zu benutzen, wenn
sie über die radikalen Gewerkschaften und aufrührerischen
Flex Workers in Italien schrieb.
Die Botschaft war
klar: San Precario war erfolgreich zum Symbol für einen
landesweiten Konflikt geworden. Seit der Heilige allgemeinen
Kultstatus erreicht hat, ist seine Wundertätigkeit
allerortens festzustellen: in Bologna, Rom, Turin,
Ancona, Genua, Neapel, Bari, Trient und einer ganzen
Reihe kleinerer Städte. Aufbauend auf diesem Erfolg
des San Precario ist der italienische Flügel des MayDay-Netzwerkes
derzeit damit befasst, ein Gegen-Franchise-System aufzubauen
- die San-Precario-Kette. Sie dient dazu, streikende
Flex Workers mit aktiver und temporärer Solidarität
zu unterstützen und Italiens Prekären mit legaler Unterstützung
zur Seite zu stehen, wenn sie diese benötigen. Die Idee
dahinter ist es, eine soziale Selbstrepräsentation
durch urbanen Aktivismus aufzubauen, indem autonomistische
Kollektive und lokale Gewerkschaften zur sozialen Organisation
des Prekariats gebündelt werden. Während Berlusconis
Stern endlich verblasst und sinkt, zwingen wir die
offizielle Linke dadurch zu einem abrupten Wandel ihrer
sozialen Politik dahingehend, Existenzsicherheit
für die sieben Millionen Prekären zu gewährleisten.
Denn es ist weit besser, auf der Seite San Precarios
zu stehen, als seinem Zorn begegnen zu müssen.
Übersetzung: Markus
Griesser und Sylvia Riedmann
Der Text wurde auch
publiziert in: Kulturrisse 02/05.
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