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Die Auswirkungen der neuen neoliberalen Weltwirtschaftsordnung
auf die Selbstdarstellung von deren ersten Handelnden,
den monopolkapitalistischen Großkonzernen, hat
Oliver Ressler in "The global 500" kritisch
untersucht. Das Projekt, in das diese Untersuchung geframed
war, ist in diesem Buch dargestellt: diese Handelnden
beim Wort und beim Bild zu nehmen und ihnen das kritische
Wissen um die kulturell sowie insbesondere sozial teils
desaströsen Folgen für von ihnen abhängige
Wirtschaften und Gesellschaften, insbesondere aber für
die Subjekte, mit deren Arbeitskraft sie ihre Finanzimperien
begründen können, in Form von Interviews entgegenzustellen.
Resslers Arbeit braucht meines Erachtens keine kulturtheoretische
Einordnung - ihre Didaktik und ihre Mittel sind selbsterklärend.
Anstelle einer affirmativen Lektüre und der mimetischen
oder ergänzenden Nacherzählung dieser künstlerischen
Arbeit, erscheint es mir sinnvoller, näher auf
einige Transmissionsschwierigkeiten einzugehen, die
im Zug der Globalisierungsprozesse und der damit einher
gehenden Rede von immer globaler (und nivellierter)
werdenden Kulturräumen in Bezug auf die künstlerische
Praxis und den Kulturbetrieb auftreten. Parallelen zwischen
dem von Oliver Ressler analysierten Feld und dem, dem
ich mich widmen will, lassen sich jederzeit lesen, ohne
daß darauf gesondert hinzuweisen ist. Sie sind
evident. Eine Ergänzung aus meiner Position als
Kunstkritiker aber ist vielleicht doch noch wichtig:
Im Gegensatz zu früheren Projekten hat Oliver Ressler
diesmal vermehrt auch auf die Bearbeitung visueller
Texte aus den Machtbetrieben gesetzt und ist damit einen
Schritt weiter in der Dechiffrierung von Symbolkontexten
gegangen.
Es ist mittlerweile zum Gemeinplatz geworden, die ökonomische
Globalisierung als homogenisierendes, universalisierendes
Modell zu sehen, das auch kulturelle Differenzen absorbiert
und damit letztlich ablehnt. Dennoch basiert vieles
von dem, was zum Beispiel lokal - mit Hinweis auf Tradition
oder eine wie immer geartete verortete Kultur - gegen
diese Tendenz als bewahrungswürdig ins Treffen
geführt wird, auf ebensolchen Fundamenten - zum
Beispiel auf den Mythen von unmedialisierten sozialen
Beziehungen und kultureller Eigentlichkeit. Der Begriff
von kultureller Differenz, der etwa in den Kulturparagraphen
der Europäischen Union konstituiv ist, geht irgendwie
davon aus, daß regionale Kulturen in sich für
jeden, der an ihnen Teil hat, transparent sind. Aber
auch der Begriff der Community, der in den Kunstdiskussionen
der letzten Jahre so viel Bedeutung erlangt hat, beruht
auf einem ähnlichen Konzept sozialer und kultureller
Transparenz. Eine Community ist ihm nach ein sozial
und kulturell homogener Raum, in dem jeder gänzlich
über die Intentionen und die "Kultur"
des oder der Anderen Bescheid weiß.
Wenngleich in einer räumlich oder sozial anderen
Dimension kollabiert auch hier der Begriff von Differenz
in einer totalisierenden Sichtweise, die in sich die
Gefahr birgt, all das unbesehen auszuschließen,
was nicht dieser Sichtweise konform ist. Die Normalisierung
der europäischen Städte, um nur ein Beispiel
der kulturräumlichen Konsequenzen neoliberaler
Politiken und Ökonomien zu nennen, das in den Kunstfeldern
in den letzten Jahren sehr stark thematisiert wurde,
ist also keineswegs nur ein ökonomisch aufoktroyiertes
Phänomen, sondern hängt eng mit diesen Transparenzgedanken,
der im Communitygedanken ebenfalls mit begründet
wird, zusammen. Das Prinzip der heterogenen kosmopolitischen
Stadt wird durch das des Dorfes und seiner Überwachungsschemata
ersetzt.
In einem Raum, in dem sich unterschiedliche und ungleiche
Machtbeziehungen entfalten, wie dem kulturellen und
ökonomischen der Gegenwart, existiert ein klar
definierter Ort und eine Community in ihm ebenso wie
eine lokale kulturelle Tradition natürlich nicht
mehr in sich und aus sich selbst heraus als festes Bezugsfeld.
Orte sind das Ergebnis kultureller, ökonomischer,
ethnischer, technologischer und medialer Konstruktionen.
Oliver Resslers Verdienst ist es, in seiner Arbeit die
Symbolpolitiken hinter den Selbstrepräsentationen
der Global Players im Wirtschaftsleben analysiert zu
haben. Aus seiner Lektüre lassen sich eine Reihe
von Parallelargumenten zu dem Feld gewinnen, dem sich
diese Betrachtung widmet. Man braucht hier nur das offensichtlichste
Motiv der Firma als Community zu nennen. Gemeinschaften
konstituieren sich innerhalb hierarchisch organisierter
Räume, innerhalb ungleicher Machtfelder. Kulturelle
Konstruktionsprozesse und die dabei entstehenden Beziehungsfelder
und zugrundeliegende Machtverhältnisse, die bei
diesen Transporten weitgehend unberücksichtigt
bleiben, wären daher genau das zentrale Thema,
dem sich postkoloniale ästhetische Repräsentationspraxen
zu widmen hätten.
Das aber vermeiden, anders als Oliver Ressler, die
meisten von ihnen. Der amerikanische Anthropologe und
Kulturwissenschaftler Arjun Appadurai erläutert
in einem Interview mit Ressler sein Konzept der neuen
globalisierten Raumordnungen. Appadurai hat immer wieder,
auch an anderer Stelle, [1]
mit seiner Unterscheidung von "locality" und
"neighbourhood" dafür ein methodologisches
Modell der Analyse dieser Räume bereitgestellt.
Die Welt ist ihm nach überzogen von einem Muster
entterritorialisierter Ethnolandschaften. Orte, die
identitätsmäßig "aufgeladen"
sind, fallen immer weniger mit den aktuellen Lebensräumen
zusammen. Das, was herkömmlich mit dem Begriff
des "Lokalen", älter gesprochen mit dem
Begriff "Heimat" verbunden wird, erhält
zunehmend virtuellen Charakter. Für Appadurai besteht
der relevante Untersuchungsrahmen aus imaginierten Welten,
die in einem kreativen Prozeß erschaffen werden.
Diese Orte sind nicht als Replikat oder Imitat eines
real existierenden, jedoch fernen und vom Migranten
verlassenen Ortes zu verstehen. Die Erfahrung der Entterritorialisierung
selbst ist es, die diese Neuschöpfung wesentlich
mitzugestalten hätte.
Dem widersetzt sich aber bis heute der mächtige,
alte, westzentrierte Kunstbetrieb. Er sieht in Kunst
noch immer ein globales Paradigma, das die Interessen
seiner metropolitanen Zentren befördert. New York
läßt sich nach Soho in den 80ern jetzt durch
den Umzug vieler Galerien nach West Chelsea einen zweiten
Stadtteil über Kunst wohlstandssanieren. Um den
Preis, daß die Fachöffentlichkeit das, was
in diesen Galerien nun zur Umzugsfinanzierung als Ware
angeboten wird, keinesfalls mehr als die Qualitätsprodukte
einer lange stilbildenden Kunstmetropole würdigen
will. Berlin rüstet mit einer ehrgeizigen Biennale,
die den jungen Mainstream der Galerienkunst im schicken
Ambiente präsentiert, auf Jugendlichkeit, mit den
Baustellenkunstaktionen am Potsdamer Platz auf den öffentlichen
Raum und mit der Holocaustgedenkstätte auf kulturelles
Gewissen nach.
Das Konsumgut all dieser Anstrengungen, die Kunst,
ist eine stilistisch institutionalisierte laue Mainstream-Postmoderne
aus Malerei, Objekten, Installationen, großformatiger
Fotografie, die sozusagen die Machtstellung des alten
und in den Kunstboomjahren der 80er auch goldenen Dreiecks
von Markt, Medien und Museen gegen die neuen Verhältnisse
aufrecht erhalten soll, das sich in den letzten zwei
drei Jahren rund um ein neues Personal herum wieder
zu stabilisieren beginnt.
Das Globalismusfieber greift auch in diesem Machtkartell
um sich. Selbst die Gralshüter westlicher Avantgarden
wie der Schweizer Großkurator Harald Szeemann
sind mittlerweile vom seinem Virus befallen. Als Leiter
der Biennale von Venedig 1999 kaufte er aus Institutionen
wie dem New Yorker P.S. 1 - neuerdings ja nur mehr die
Dependance des MoMa - ganze Ausstellungen mit volksrepubliks-chinesischer
Gegenwartskunst und verstreute sie in seinem Ausstellungsparcours.
Aber auch viel von all dem anderen, das aus jungen Ateliers
in Südostasien, Afrika und Lateinamerika auf Szeemanns
- unter dem fast als neoliberales Traummotto zu lesenden
Titel "Alles Offen" stehender - Weltkunstsammlung
fand seinen Transportweg nach Venedig nur über
die Vermittlung der großen und kleineren westlichen
Handelshäuser.
Gegen diese neue Weltkunstidee des Hybriden erheben
sich allerdings vermehrt kritische Stimmen. Sie argwöhnen
hinter deren Konjunktur nichts weiter, als eine verfeinerte
Version der alten postmodernen Strategie künstlerischer
Begleitung einer differenzierten Angebotsökonomie
von Lebensstilware in einem weltweit ökonomisierten
kulturellen Umfeld. Sie sehen etwa in der Vielzahl von
Ausstellungen zum Beispiel mit afrikanischer Gegenwartskunst,
die in den letzten Jahren in Europas Kunsthäusern
Besucherzahlen sicherten, einen ganz anderen Mechanismus
am Werk: Als Bazar für nicht westliche Artefakte
- der ganz die Bedürfnisse der mächtigen dieser
globalen Märkte befriedigt - lieferten diese Ausstellungen
sozusagen immer feinere Versionen.
Für die neuerdings hofierten KünstlerInnen
aus Afrika, Lateinamerika oder Asien bedeutet das: Um
sich auch in solchen Zusammenhängen erfolgreich
durchzusetzen und gleichzeitig lokale und spezifischen
ästhetische - und politische - Anliegen verstehbar
zu machen, ist ein Balanceakt notwendig. Bilden doch
gerade die lokalen Bezugspunkte ihrer Kunst oft die
unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg. Dieser
Balanceakt wird in der gegenwärtigen Konjunktursituation
immer schwieriger.
Es sind nämlich vor allem auch die Jugendlichen,
Migrantenkinder der zweiten oder dritten Generation
in London, Paris, Los Angeles, New York oder anderen
"global cities", auf die überbrachte
Identitätsmuster nicht mehr passen, und deren gesellschaftliche
Positionierung eines "Dazwischen" als typisches
Phänomen unserer Zeit gelten muß, die die
Liebkinder des glokalen Kunstveranstaltungswesens geworden
sind. Ihre Identitäten scheinen wie gebaut für
die Notwendigkeiten des europäischen Weltkultur-Ausstellungsbetriebes:
Sie tragen die genetischen Züge des ethnisch anderen,
bringen ganz offenbar das kulturelle Kapital der familiären
oder sozialen Erfahrung von Bruch und Kontinuität,
das Wissen um eine andere soziale oder historische Konstruktion
und ein komplexes Netz an Erfahrungen in ihre Arbeit
ein. Die Frage des Dazu(wozu?)gehörens wird für
sie zur existentiellen Herausforderung.
Viele der Ausstellungen und Handelstransporte des unter
seiner neuen Selbstbezeichnung "glokalen"
Kunstbetriebs haben aber auch das Verdienst der Sichtbarmachung
von bislang im Westen unbelichteter metropolischer Kunstszenen.
Aber selbst dann tragen sie oft wesentlich zur Verdunkelung
der noch immer herrschenden Einschluß- und Ausschlußverhältnisse
im translokalen Kunstbetrieb bei.
Die brennende Frage nämlich ist: lassen sich lokale
Potentiale überhaupt nach einem Transport in den
Ausstellungs- und Kunstbetrieb der westlichen Metropolen
noch lesbar halten?
Wie solche Lokalitäten von KünstlerInnen
gebaut werden und wie die Veränderung einer politischen
Situation auf transnationaler Ebene, wie ein Effekt
des Globalisierungsprozesses direkt auf die Repräsentation
solcher Lokalitäten im Kunstbetrieb einwirken kann,
läßt sich an vielen Beispielen beschreiben.
Ich möchte hier ein Beispiel wählen, das signifikant
ist, nicht nur weil es von einer realen kulturellen
politischen, ökonomischen und medialen Grenze handelt,
sondern auch von der späteren Aneignung kritischer
künstlerischer Strategien durch Institutionen und
deren Umdeutung im Sinn eines fröhlichen postkolonialen
Universalismus.
Um 1984 begann sich eine Gruppe aus lokalen KünstlerInnen,
AktivistInnen, JournalistInnen und Leuten aus dem Bildungswesen
in Koalition mit KünstlerInnen aus L.A, San Diego,
New York und Mexico City in Tijuana und San Diego, an
beiden Seiten der amerikanisch-mexikanischen Grenze
in einer Reihe von Projekten, Performances, Ausstellungen,
Infoabenden, Videoarbeiten, etc., in die die lokale
Bevölkerung und die lokalen Medien eingebunden
waren, mit dem Problem dieser Grenze auseinanderzusetzen,
die eine der bestbewachten der Welt ist.
Es ging nicht nur um die Grenze als Ort der Provokation
[3], der Disparität,
des Aufeinandertreffens einer Supermacht mit einem Schwellenland,
um die Ausbeutung der mexikanischen ArbeiterInnen in
den grenznahen amerikanischen Fabriken, um die Menschen,
die beim illegalen Versuch der Emigration ums Leben
kamen, sondern um den leeren Raum der Grenze selbst,
den es umzudeuten galt. Man knüpfte dabei nicht
nur an die sehr lange mexikanische Tradition der Zusammenarbeit
von Intellektuellen, KünstlerInnen und AktivistInnen
an, wie im gleichen Zug an aktivistische Traditionen
etwa der New Yorker Szene, sondern versuchte aus beiden
Erfahrungen eine dritte, lokal umgesetzte zu machen.
Englisch sprechende Chicanos und AmerikanerInnen, aber
auch hispanische MigrantInnen auf der einen Seite und
Leute aus Tijuana, die sich keineswegs als Chicanos
fühlten, auf der anderen waren beteiligt. Eine
paradigmatische Situation. Das Motto war u.a.: We cross,
because we cross in different identities. Die aktivistische
Arbeit dauerte über mehrere Jahre und wurde vor
allem von der amerikanischen Seite heftig und vielfach
behindert. Es war die Zeit der Verhandlungen über
das amerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Als dies
in den 90ern geschlossen wurde, änderte sich die
Repräsentation und das Verhältnis der amerikanischen
Institutionen zu den Aktivitäten des Border Arts
Workshop grundlegend. Obwohl klar war, daß es
bei NAFTA um den freien Verkehr von Gütern und
nicht von Menschen ging - im Gegenteil, die Mitte der
80er noch durchlässige Grenze wurde immer stärker
befestigt. Zwar wurde der Grenzübertritt für
Geschäftsleute wesentlich erleichtert, für
den Rest aber erschwert.
Auf beiden Seiten änderte sich aber die Repräsentation
der Grenze. In Mexiko brachte man offiziell Chicano-KünstlerInnen
in die Stadt, um die Bevölkerung sozusagen mit
der nördlichen Bevölkerung von Mexikanern
bekannt zu machen und bediente sich der Strukturen des
Border Arts Workshop. In den USA wiederum wurde das
Label Border Arts Workshop zu einem Festivallabel uminstrumentiert,
und zwar nicht von den KünstlerInnen, sondern von
einer Reihe von Kulturinstitutionen. Plötzlich
gab es Geld in Hülle und Fülle, KünstlerInnen
mit großen Namen wurden eingeladen, sich an diesen
Aktivitäten zu beteiligen und die kritische Auseinandersetzung
mit der Grenze mutierte zu einer touristisch umwegrentabeln
und für Werbezwecke und die Promotion gut nachbarschaftlicher
Beziehungen genutzten Veranstaltungsreihe. Zunehmend
wurden die ursprünglich Beteiligten ausgeschlossen
oder verließen die Initiative freiwillig.
Gerade diese Geschichte zeigt, daß viele Projekte
des globalisierten Kunstbetriebes, dann wenn sie in
den Institutionen landen, blind sind, was die Fragen
nach Einschluß und Ausschluß aus der Gesellschaft
betrifft, die Rechte von Gruppen und die Art und Weise,
auf die binäre Modelle wie öffentlich/privat,
aktiv/passiv von ihnen auch entworfen werden, um BürgerInnenschaft
zu differenzieren. Damit entbinden sich diese Arbeiten
auch der Aufgabe, adäquat das Konzept vorzustellen,
das vorzustellen sie vorgeben. Nation und Staat als
die Begriffe, vor denen BürgerInnenschaft symbolisch,
aber auch konkret in Initiativen aus dem Kunstraum dargestellt
wird, müssen eben auch gegenüber den vielen
subnationalen Grenzziehungen aufmerksam sein, die unter
neuen ökonomischen Bedingungen entstanden sind
Appadurai hat neben seinem Begriff der Lokalitäten
auch noch einen anderen, den Begriff "neighbourhood"
- Nachbarschaft -, in die Diskussion eingeführt.
Dabei handelt es sich um die virtuelle oder aktuell
räumliche Realisierung von Lokalität über
soziale Beziehungen. Nachbarschaften entstehen nicht
nur in Auseinandersetzung mit den ökologischen
und ökonomischen Gegebenheiten, sondern vor allem
in Kontrast und in Absetzung gegenüber anderen
Nachbarschaften, anderen "ethnoscapes". Appadurais
Überlegungen über die soziale Konstruktion
von Lokalität sind Folge eines Nachdenkens über
die Konsequenzen eines "global cultural flow".
Das Lokale, der Ort, ist demnach eine an sich fragile
soziale Errungenschaft.
Techniken der Produktion von Lokalität jedoch
wird immer noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Geht
man in den Raum des Kulturbetriebes, ist ein gutes Beispiel
dafür Osteuropa.
"Osteuropa funktioniert wie ein Symptom des hochentwickelten
Westens, speziell was die Medien oder avantgardistischen
Kunststrategien betrifft. Betrachtet man die Parallelen
zwischen Ost und West, so findet man in osteuropäischen
Medien und Kunstproduktionen wichtige Beispiele einer
pervertierten und/oder symptomatischen Logik in bezug
auf westliche Strategien und visuelle Repräsentationen,
die auf verschiedene Weise miteinander verknüpft
werden." schrieb die slowenische Theoretikerin
und Videokünstlerin Marina Grzinic in springerin
[4]. Grzinic hatte
dabei wohl unter anderem einen ganz speziellen Aspekt
dieser Logik im Blickfeld: die Importfunktion der Soros
Centers. Der Finanzspekulant Georges Soros hat bekannterweise
sein popperianisches Gewissen von der Entwicklung einer
offenen Gesellschaft in Osteuropa flächendeckend
mit einer finanziellen Unterstützungsaktion von
Gesellschaftswissenschaften, Bildungsprogrammen, Sozialprogrammen
und eben auch Zentren für Gegenwartskunst beruhigt.
Über diese Centers werden Importe von Kunstdiskursen
in lokale Szenen geleitet, die im Westen ihre Kritikfähigkeit
schon bewiesen haben. Das, so beklagen zumindest viele
auch der ProfiteurInnen dieser Aktivitäten, habe
zu einer Aufmerksamkeitsverschiebung weg von lokalen
Anknüpfungspunkten geführt, von denen aus
auch auf symbolpolitischer Ebene, also in der Kunst,
der Widerstand gegen den anhaltenden westlichen Imperialismus
eigentlich zu entwickeln gewesen wäre. Der jetzt
neu eingeführte Gebrauch westlicher Diskurswerkzeuge
zwischen Cultural-Studies, Race- and Genderstudies oder
ein universalisierender postkolonialistischer Ansatz
bringe durchaus die Gefahr mit sich, daß die kulturelle
Produktion vor Ort sich nur mehr nach deren Standards
orientiere. Die Kunst, die daraus entstanden sei, sei
eine Art lokal kolorierter Aufguß der medienkritischen
Neokonzeptkunst des New York der späten 80er Jahre.
Da aber nun die Soros Centers von Manifesta über
documenta bis hin zu ganzen Journalschwerpunkten westeuropäischer
Kunstmagazine die Anlaufstelle für kuratorische
und journalistische Information geworden sind, ist vieles,
was aus Osteuropa in den internationalen Ausstellungsbetrieb
der letzen Jahre kam, genau durch diesen Filter gegangen.
Auch weil die Centers die einzigen waren, die Kataloge
finanzierten, Ausstellungsprojekte erarbeiteten und
im Internet mit ihren Infoseiten hochpräsent sind,
ja die Entwicklung von Internetkunst immer gefördert
haben.
"Was wäre", fragt Grzinic weiter, "wenn
man sich im Gegensatz zur Phantasie des Internet und
seiner überwältigenden Globalität, wie
sie sich im utopischen Traum einer (virtuellen?) Community
in harmonischen und universellen Austauschverhältnissen
darstellt, die osteuropäischen "Monster"
nicht nur als "Monster" vorstellt, sondern
als furchteinflößende NachbarInnen - zumindest
einige der osteuropäischen KünstlerInnen,
MedienaktivistInnen und -theoretikerInnen fallen unter
diese Kategorie -, welche die philantropische westliche
Ideologie des Teilens und des reinen Austausches ablehnen?"
Mit einem etwas unterschiedlichen Focus hat auch Martha
Rosler schon Anfang der Neunziger auf die gefährlichen
Repräsentationslasten eines globalisierenden fröhlich
multikulturellen Kulturbetriebes hingewiesen: "Aus
der Perspektive einer Industrie, die vom Diktat der
Mode angetrieben wird, bedeutet die Ankunft der Identitätspolitik,
des Multikulturalismus in der Kunstwelt nichts anderes,
als die Einbindung einer Randgruppe von ProduzentInnen,
die mit ihrem neuen Blick das öffentliche Interesse
neu beleben. Eine Handvoll junger farbiger, schwuler
oder lesbischer KünstlerInnen werden für eine
unbestimmte Zeit in das System geworfen, bekommen Shows
in internationalen Museen und Galerien. Einigen werden
hochdotierte Förderungen und Stipendien angeboten.
Eine kleinere Anzahl schon etwas älterer KünstlerInnen
wird für Lehrstühle rekrutiert - woran natürlich
diese Gründe für eine Berufung prinzipiell
um nichts schlechter sind als andere, beeile ich mich
beizufügen. Was die Mode Multikulturalismus'
von der Kunstwelt-Mode Marxismus und Politkunst'
der siebziger Jahre unterscheidet, ist der Umfang der
Belohnungen. Mächtige Kultur-Institutionen wie
die Rockefeller-Foundation und viele Universitäten,
die sich um die ältere Version von politischer
Kunst nicht gekümmert hatten, stiegen jetzt sehr
schnell in das Sponsoring von Multikulturalismus ein,
der ja doch eher die Forderung nach Integration als
nach ökonomischer Neustrukturierung aufstellt.
Multikulturalismus akzeptiert, daß KünstlerInnen
in Wirklichkeit Communities jenseits der Kunstwelt repräsentieren.
Wen aber repräsentieren dann KünstlerInnen,
die an politischer Kritik arbeiten? Es ist natürlich
gut möglich, daß beide - trotz der Verschiebung
der Rhetorik - nur der gemeinsame Status einer vorübergehenden
Modeerscheinung verbindet. Was aber sicher bleibt ist,
daß diese marginalen Verschiebungen die weiße'
Machtstruktur aus KuratorInnen und höheren Chargen
in den Museen nicht verändert." [5]
Die Statements von Grzinic oder Rosler belegen evident,
wie fiktional diese angebliche Globalisierung des Kunstbetriebes
ist. Eine überzeugende Konzeption von kritischer
und politischer ästhetischer Praxis jenseits der
Fallen des fröhlichen Multikulturalismus geht notwendigerweise
mit einer radikalen Re-Definition des Begriffes politisch-kritische
KünstlerIn einher. Oliver Resslers Arbeit an einer
solchen Begriffsveränderung und sein Beharren auf
der emanzipatorischen Fähigkeit einer solchen Arbeit
auch im Kunstraum hat bei "The global 500"
zu einer Aufmerksamkeitsverschiebung weg von lokalen
Anknüpfungspunkten geführt, von denen aus
auch auf symbolpolitischer Ebene, also in der Kunst,
der Widerstand gegen den anhaltenden westlichen Imperialismus
meist entwickelt wird. Denn, wenn, wie es der Gemeinplatz
will, aufgrund des fortschreitenden Globalisierungsprozesses
davon auszugehen ist, daß Ausstellende und Ausgestellte
nicht mehr zwei verschiedenen sozio-kulturellen "Ganzheiten"
angehören, sondern Teil einer globalen Ökonomie
der gegenseitigen Verbindungen sind, wie läßt
sich dann jene üblich gewordene Unterscheidung
von intern und extern aufrechterhalten und in Modellen
von Ausstellungen wie inklusion/exklusion beschreiben?
[1] vgl. das Interview
von Christian Höller mit Arjun Appadurai in springerin
- Hefte für Gegenwartskunst Heft 3/98.
Meine Argumentation folgt im weiteren auch: Peter J.
Bräunlein & Andrea Lauser, Grenzüberschreitungen,
Identitäten. Zu einer Ethnologie der Migration
in der Spätmoderne. In: kea 10, 1997.
[2] Christian Kravagna
hat in mehreren Publikationen (u.a. in springer Heft
3/97 und springerin Heft 3/98) und Vorträgen immer
wieder auf diesen Sachverhalt hingewiesen.
[3] vgl. dazu auch
Ursula Biemanns Videoarbeit "Performing the Border",
1999, und die Dokumentation des Projektes Money@Nations.access
der shedhalle Zürich vom November 1998 und die
Projektdarstellungen dazu in springerin Heft 2/99.
[4] Das am von Christian
Höller konzipierten Symposion "translocation
(new) media/ art" im Jänner 1999 in der Wiener
Generali Foundation vorgestellte Manuskript ist zu lesen
in: springerin, Heft 1/99.
[5] Martha Roslers
"PlacePositionPowerPolitics", In: "The
Subversive Imagination", Hg. Carol Becker, London
1994. Deutsch in: springer Heft 2/97
[aus: Oliver Ressler (Hg.), "The global 500", Edition
Selene, 1999]
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