| Wenn heute von "Globalisierungskritik"
die Rede ist, so wird meist ein implizites Einverständnis
vorausgesetzt, und das in mehrfacher Hinsicht: in Bezug
darauf, was unter Globalisierung und deren Kritik zu verstehen
ist; in Bezug darauf, wo diese Kritik genau anzusetzen
hat; und schließlich in Bezug darauf, wie auf dieser Kritik
eine politische Bewegung aufbauen könnte (oder dies bereits
begonnen hat). Vorausgesetzt wird dabei zumeist nicht
nur ein vorschnelles Begriffsverständnis, sondern auch
ein ganz bestimmter visueller Code, über den sich
Globalisierung und deren Kritik, anscheinend "selbstredend",
vermitteln.
Im Folgenden soll es genau um diesen Code und dessen
genauere Beschaffenheit gehen. Zentral ist dabei die
Fragestellung, wie sich auf der Vermittlungs- und Verstehensebene
- und "Globalisierung" ist für die meisten
kritischen Subjekte primär über ganz bestimmte Lektüren,
Medienberichte und -bilder vermittelt, obwohl es selbstverständlich
auch ganz reale Einschreibungen in das Leben jedes/r
Einzelnen gibt - konzeptuelle Verbindlichkeiten herstellen
lassen. Lakonisch ließe sich diesbezüglich sagen: Wenn
schon nicht auf der Ebene der globalisierungskritischen
Anliegen (issues), so sollte doch zumindest
im Hinblick auf die Angriffsziele (targets)
der Kritik und des Protests eine bestimmte Einhelligkeit
bestehen.
"Globalisierung", so sich dieses Schlagwort
überhaupt pauschal verwenden lässt, findet ihren visuellen
Ausdruck in einer Reihe von Bildern, vor allem Medien-Bildern,
die auf den ersten Blick äußerst inkompatibel
erscheinen. In den gut fünf Jahren, seit der Topos auch
in populäreren Medien kursiert, und den gut zehn Jahren,
in denen dies im Theoriebereich der Fall ist, ist es
mitnichten zu einer einhelligen Begriffsklärung gekommen.
Eher im Gegenteil. Wirft man einen Blick auf die Medienlandschaft
der letzten Monate und Jahre, so sieht man auf der einen
Seite die großteils mit Gewalt unterbundenen Proteste
von Seattle, Washington, Prag, Göteborg, Genua- überboten
in ihrer "Infektionskraft" (Klaus Theweleit)
nur von jenen Bildern, welche die Ereignisse des 11.
September 2001 im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit
hinterlassen haben. Dem stehen geradezu diametral Ansichten
des Unterhaltungsindustrie-Komplexes gegenüber, die
ebenfalls einen zeitgemäßen Ausdruck von "Globalisierung"
darstellen: Themenparks, Malls, Fast Food- und Franchise-Ketten,
Megaplexe und so weiter, die allesamt den verführerischen
Anschein eines "post-historischen, ewigen Friedens"
erwecken. [1] Oder,
um ein anderes Beispiel zu wählen: das Bild einer brasilianischen
Favela mit spärlicher infrastruktureller Anbindung gegenüber
dem einer abgeschirmten Gated Community, die mit der
Außenwelt in erster Linie über drahtlose Telekommunikation
verbunden ist.
Auch im Kunstbereich kursieren mittlerweile Gegenüberstellungen
dieser Art: Der Maler Dierk Schmidt etwa geht in einer
seiner jüngsten Arbeiten von einer Passage aus Peter
Weiss' "Ästhetik des Widerstands" aus, um
über die zeitgemäße künstlerische Ausstattung eines
(innen-)ministeriellen Salons zu spekulieren. In einer
Serie von drei Öl-/Acryl-Malereien deutet er Delacroix'
Gemälde "Die Freiheit" wie auch Géricaults
"Das Floß der Medusa" für die global-kapitalistische
Gegenwart um: "Die Freiheit" wird mit dem
bekannten Nike-Spot zur Fußballweltmeisterschaft 1998
überblendet, in dem das brasilianische Team spielerisch
die Sicherheits-Checkpoints eines Flughafens überwindet;
"Das Floß der Medusa" hingegen wird zu einem
havarierten Flüchtlingsschiff vor der australischen
Küste, und die darin zum Tragen kommende aktuelle Subjektivierungsform
ist buchstäblich auf das "nackte Leben" (Giorgio
Agamben) geschrumpft. Immerhin - so ließe sich mit Schmidts
Darstellungsoption gegen Agamben einwenden - ist die
beschädigte Souveränität der gestrandeten Subjekte zumindest
noch als schattenhafter Umriss erkennbar. [2]
Auf ein Minimum reduziert, aber doch noch vorhanden.
Alle bislang erwähnten Bilder scheinen widersprüchlichsten
Tendenzen und vor allem lokalen Effekten von "Globalisierung",
kaum jedoch einer universellen Gesetzmäßigkeit Ausdruck
zu verleihen. Es dominieren Hilfsausdrücke, und nicht
zuletzt behelfsmäßige Bilder, wohin man sieht:
visuelle Krücken wie das Nike-Logo (bzw. die daran anschließende
"No Logo"-Forderung), ausgebeutete ArbeiterInnen
in einer indonesischen Nike-Fabrik (die de facto kaum
je zu sehen, aber jederzeit mental abrufbar sind), vermummte
Freedom Fighter, das universelle Kommunikations-Tool
(der "Hand-held Communicator"), Business Class-
und in immer größerem Ausmaß auch Economy Class-FliegerInnen,
und nicht zu vergessen: der/die reisende Intellektuelle
bzw. "eingeflogene ExpertIn", wie dies kürzlich
einmal treffend auf den Punkt gebracht wurde. [3]
Tatsächlich scheint die immaterielle Arbeit gegenwärtiger
Produktionsverhältnisse sehr viel schwerer in aussagekräftigen
Bildern fassbar zu sein, als dies beim überwiegenden
Teil der Hand-ArbeiterInnen im industriellen Kapitalismus
der Fall war. [4]
Oder wer kann nicht auf Anhieb die zigmal reproduzierten
Fotografien eines Lewis Hine, Walker Evans oder August
Sander mental herbeizitieren, wenn die Stichwörter "kapitalistische
Ausbeutung", "Verelendung" oder "Armut"
fallen?
Obwohl es auch für die "global-kapitalistische
Ausbeutung" nicht an eindrücklichen Einzelemblemen
mangelt, so scheint es doch, als würden mit jedem einzelnen
davon immer nur partielle bzw. symbolische Seiten dessen,
was einen größeren und eben nicht so leicht darstellbaren
Zusammenhang ausmacht, angerissen, Teilaspekte, die
alle für sich eine bestimmte Bedeutsamkeit haben, ohne
dass man durch sie jedoch in die Lage versetzt würde,
die heute wirksamen "realitätsproduzierenden"
Prozesse in einem größeren Kontext, und vor allem in
ihrer Mehrdimensionalität zu erfassen. Transnationale
Kapitalströme oder auch "Ideen-Ströme" (so
genannte "idea-scapes" [5])
bleiben gegenüber all dem in einer eigenartigen Unsichtbarkeit
gefangen. Globale "flows", die entscheidend
zur Ausprägung der erwähnten Widersprüchlichkeiten beitragen,
scheinen sich den gängigen Formen der Sichtbarmachung
- ob in Massenmedien oder Kunst - beharrlich zu entziehen.
Was wir sehen können, sind meist bloß die Effekte von
etwas, wofür selbst keine verbindliche Anschauung existiert.
Vielleicht tut man also gut daran, die konstitutiven
Leerstellen im Begriff der "Globalisierung"
selbst anzuvisieren - Leerstellen, die in Kunstprojekten
mitunter sehr prägnant auf den Punkt gebracht werden:
In einem Audio-Projekt der Gruppe Global Dustbowl Ballads
(bestehend aus Clemens Krümmel, Rupert Huber; Gesang:
Alice Creischer) wird ein solches "notwendiges
Verfehlen" klanglich umgesetzt. Texte von Woodie
Guthrie wurden zunächst in eine Internet-Übersetzungsmaschine
eingespeist und der Output - deformiertes Maschinen-Deutsch,
das vereinzelt noch Spuren eines utopischen amerikanischen
Arbeiterklassen-Sozialismus erahnen lässt - zu melodiös-minimalistischen
Techno-Loops neu eingesungen. Heraus kommt genau das,
was man angesichts der prinzipiellen Übersetzungsproblematik
in Bezug auf unterschiedlichste globalisierungskritische
Anliegen auch erwarten würde: "Der Mann des workin
des gamblin ›reich Mann ist und‹ ist arm und Ich wird
kein Haus in dieser Welt mehr erhalten." [6]
Kein Haus in dieser Welt mehr? Wie viele MigrantInnen
und dislozierte Arbeitskräfte weltweit könnten nicht
ein Lied davon singen?
Vielleicht sind also gerade solche kulturellen Produktionen
gefragt, wenn schon keine Begriffe, so doch Bilder (visuelle,
akustische, etc.) der realitäts- und widerspruchs-produzierenden
Prozesse, die gemeinhin auf die Formel "Globalisierung"
reduziert werden, herzustellen. Vielleicht liegt heute
sogar eine vorrangige Funktion des künstlerisch-kulturellen
Feldes - und ich spreche hier selbstverständlich nur
von einem winzigen Teil- und Randbereich dieses Feldes
- darin, diesen Prozessen eine nicht bloß oberflächliche
Sichtbarkeit zu verleihen; - nämlich als Voraussetzung
dafür, Formen von "widerständischer Vernetzung"
[7], egal ob man
diese eher kulturell oder politisch gewichtet, überhaupt
erst andenken zu können. So wie die "Globalisierung
von unten" [8]
- im Gegensatz zur scheinbar von oben aufoktroyierten
"Globalisierung der Konzerne" - zu einem immer
brisanteren Forschungsgegenstand wird, so wäre auch
eine globalisierungskritische visuelle Kultur dazu angehalten,
Bilder dieser widersprüchlichen Strömungen und Tendenzen,
vor allem jener "von unten", zu produzieren.
Versuche solcher Sichtbarmachungen gibt es mittlerweile
in verschiedensten künstlerischen Medien, von Film,
Video bzw. Videoinstallation - man denke etwa an Chantal
Akermans multiperspektivische Arbeit über das US-amerikanisch-mexikanische
Grenzgebiet ("From the Other Side", 2002)
- über Fotografie - etwa Allan Sekulas ausführliche
Serien "Fish Story" (1990-95) und "Dead
Letter Office" (1997) - bis hin zu multimedialen
Kartografien transnationaler Wirtschafts- und Politikzusammenhänge.
Letztere fertigt etwa die Strassburger Projektgruppe
Bureau d'études, ausgehend von französischen Unternehmen
und deren internationalen Verzweigungen, an. [9]
Ein weiteres gelungenes Beispiel war auf der Documenta11
in Form der Multimedia-Installation "A Journey
Through a Solid Sea" (2002) der Mailänder Gruppe
Multiplicity zu sehen, welche den Mittelmeerraum als
migratorischen, wirtschaftlichen, aber auch biologischen
und kriminologischen Zusammenhang abzubilden versucht.
Wie man sich das Leben Einzelner am unteren Ende der
"Globalisierungskette" heute vorzustellen
hat, zeigen unter anderem - ebenfalls auf der Documenta11
vertretene - Reportagen des indischen Fotografen Ravi
Agarwal (ArbeiterInnen im indischen Süd-Gujarat) oder
die Foto-Essays des Nigerianers Olumuyiwa Olamide Osifuye
über das Straßenleben in Lagos, Nigeria. [10]
Der architektonischen und städtebaulichen Dimension
dieser "Kette" widmen sich Sabine Bitter und
Helmut Weber, die in ihrem Foto- und Videoprojekt "Live
like this!" (2000) einen Wohnhauskomplex in Rio
de Janeiro als - langsam verfallendes - Sinnbild einer
globalisierten Moderne porträtieren; eine Thematik,
wie sie auch Florian Pumhösl in mehreren Videoinstallationen
über einzelne "modernistische Ruinen" auf
Madagaskar, in Uganda und Tansania exemplarisch vorführt
und reflexiv auffächert.
Grafisch gestaltete und politisch interpretierte "World
Maps" existierten zum Teil schon in den frühen
siebziger Jahren, etwa bei KünstlerInnen wie Öyvind
Fahlström oder Aligieri e Boetti, der eine Weltkarte
aus Nationalflaggen in Form der von ihnen repräsentierten
Staaten (buchstäblich) zusammennähte. Heute wird dies
ergänzt durch eine künstlerische Mischform, die man
als medial getrimmte Neoliberalismus-Sketches bzw. als
grafisch-skulpturale Umsetzungen dessen bezeichnen könnte,
was Patti Smith einmal als "WTO-Blues" [11]
besungen hat. Treffende Beispiele dafür sind Andreas
Siekmanns Beitrag zur Ausstellung "du bist die
welt" (Künstlerhaus Wien, 2001), in dem eine DIY-Eigenbau-Skulptur
aus kleinen Plastikspielzeugfiguren ein Weltwirtschaftstreffen
irgendwo in den Schweizer Alpen nachstellte, oder Thomas
Hirschhorns Installation "Wirtschaftslandschaft
Davos" (2001), die ein ähnliches Anliegen, nur
in größeren und plastischeren Dimensionen, verfolgte.
Siekmann setzte zuletzt in seiner Ausstellung "Die
Exklusive: Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten"
(Salzburger Kunstverein, 2002) noch eins drauf: Hier
wird die drastische Ausschließungs- und Evakuierungspolitik
inszeniert, mit welcher die Sicherheitsapparate mittlerweile
weltweit gegen Kundgebungen und Versammlungen bei so
genannten "Globalisierungsgipfeln" vorgehen.
Und schließlich widmet sich auch Lisl Pongers Fotoserie
"Sommer in Italien" (2001) - ebenfalls auf
der Documenta11 vertreten - den konkreten sicherheitspolitischen
und polizeilichen Einkerbungen in die Stadtlandschaft
beim G 7-Gipfel in Genua im Juli 2001.
Zu fragen bleibt, wie adäquat diese Visualisierungen
die angesprochenen größeren Zusammenhänge jemals
wiedergeben können, wie umfassend also eine Gesamtkartografie
von "Globalisierung" beschaffen sein müsste,
um nicht bloß partielle Effekte - so drastisch diese
im Einzelfall auch sein können -, sondern das Geflecht
von Ursachen und Wirkungen auf unterschiedlichsten Ebenen
abzubilden. Zurück also zum Überschaubaren und Lokalen?
Oder eher zu der Frage, welche Dimensionen ein exemplarisches
Bild von "Globalisierung" umfassen müsste
oder realistischerweise umfassen kann. Die Bandbreite
reicht bekanntermaßen von ganz konkret und lokal bis
zu sehr weitschweifig und weltumspannend, und der entscheidende
strategische Kunstgriff besteht wohl darin, das eine
Extrem mit dem anderen so zu verknüpfen, dass die zahlreichen
Vermittlungsschritte bzw. unterschiedlichen "Maßstäbe"
("scales") [12]
dazwischen nachvollziehbar bleiben. Alexander Kluge
hat in diesem Zusammenhang einmal bemerkt, dass "Globalisierung"
für ihn dort beginnt, wo etwa ein deutscher Fabrikarbeiter
einem chinesischen Fabrikarbeiter zeigt, wie man eine
Schraube richtig in ein Metallteil dreht. [13]
Man landet also letzten Endes doch wieder bei ganz konkreten
Szenarien bzw. Orten des Austauschs, denen ganz
bestimmte Widersprüchlichkeiten und Gegenläufigkeiten
anhaften, welche wiederum auf Umwegen als Produkte von
"Globalisierung" lesbar sind.
Tatsächlich wird der Maßstab des Lokalen vielfach
als bestimmender Rahmen von kulturellen, ökonomischen
und sozialen Produktions- und Reproduktionsweisen angenommen.
[14] Gleichzeitig
wird ihm auch eine besondere Aussagekraft im Hinblick
auf überregionale, übernationale, ja überkontinentale
Prozesse zugeschrieben. Und vielleicht ließe sich tatsächlich
über die präzise Erfassung jeder einzelnen dieser
lokalen Konstellationen - was selbstverständlich eine
schier unendliche Aufgabe implizieren würde - allmählich
zu so etwas wie einer "planetarischen Anschauung",
oder einem "planetarischen Bewusstsein", gelangen;
- eine Fantasie, wie sie auch in Konstruktionen des
Internet als entmaterialisiertem "Weltgeist"
anklingt - aber eben nur als Fantasie.
Ganz sicher müsste eine solche Anschauung, die weniger
phantasmatisch denn vielmehr mosaikartig verfasst wäre,
starken Patchwork-Charakter aufweisen. Alle erwähnten
Sichtbarmachungen hätten darin demokratisch Eingang
zu finden, so damit jemals der tatsächliche konzeptuelle
Umfang von "Globalisierung" erschlossen werden
soll: Bilder der brasilianischen Favelas ebenso wie
jene von kalifornischen Suburbias; McDonald's in Teheran
ebenso wie der anonyme persische Lebensmittelladen in
irgendeiner westlichen Stadt. Dies müsste ergänzt werden
durch die oben erwähnten "mappings",
durch die multimediale Erfassung von Geld-, Kapital-,
Arbeitskraft- und Ideen-Flows (so schwierig dies auch
sein mag), sowie durch filmische Dokumente konkreter
Lebensbedingungen unter neoliberalen Wirtschafts- und
Politikverhältnissen. Und all dies müsste nicht nur
auf die "typischen" oder wohl bekannten Orte
der "Globalisierung" bezogen sein, sondern
auch auf die "untypischesten" und "verstecktesten"
- auf all jene Lokalitäten, die von den widerstrebigen
Prozessen der "Globalisierung" ständig neu
produziert bzw. neu "formatiert" werden. [15]
Auf diesem Weg ließe sich vielleicht langsam
zu einem vielteiligen, heterogenen und - im positiven
Sinn - disparaten "Globalisierungs-Bild" gelangen,
das die epistemische Grundlage für darauf aufbauende
politische Mobilisierungen bilden könnte.
Schließlich können einzelne Bilder des Lokalen eine
bestimmte "Gültigkeit" oder "Aussagekraft"
nur insofern beanspruchen, als sie die übergeordneten,
oft temporären Einflusssphären und Kräfte, denen die
repräsentierten Orte ausgesetzt sind, mitreflektieren.
Dazu ein Beispiel aus einem scheinbar entlegenen Bereich:
einer der interessantesten und paradoxesten Aspekte
der jüngeren elektronischen Kultur liegt darin,
dass sie auch neue Formen von Ortsbezug, ja örtlicher
Verankerung, mitzuproduzieren scheint. Paradox ist dies
deshalb, weil diese Kultur - ausgehend etwa von Techno
und seinen weithin wuchernden Subgenres - anfänglich
stark mit einer ganz spezifischen Ortlosigkeit assoziiert
wurde. Angetrieben vom "spirit" der
utopischen Entgrenzung bzw. der zukunftsorientierten
Überwindung materieller (und damit auch lokaler) Einschränkungen
im Hier und Jetzt, speiste diese Musik von Anfang an
ein ominöses, amorphes Globalbewusstsein. Letzteres
konnte esoterisch - in Form eines holistischen Weltgeistes
-, romantisch-einschließend - als Verabschiedung allen
Ausschlussdenkens - oder schlichtweg pragmatisch - als
begleitender Sound der unaufhaltsamen "Globalisierung"
- kodiert sein. Dem gegenüber sind mittlerweile vielerorts
"geografische Rückbindungen" dieser Globalmusik
beobachtbar, und sei es nur in Form von Zuschreibungen
ganz bestimmter Sound-Signaturen. Kurz gefasst, ist
die sich immer weiter ausbreitende Electronica-Kultur
einem in sich gegenläufigen Prozess ausgesetzt:
Zum einen spielen die lokalen Differenzen, aus denen
sich die "Globalkultur" (zumindest auf Konsum-Ebene)
entscheidend speist, eine immer wichtigere Rolle, das
heißt: Eingang von lokalen Differenzen in das so genannte
Globale. Zum anderen werden vom ökonomischen Getriebe
hinter der auf der Oberfläche einheitlich erscheinenden
"Globalkultur" ständig neue Ungleichheiten
produziert, also auch der unhintergehbare Niederschlag
des Globalen im Lokalen. [16]
Eine vom Lokalen ausgehende, umfassendere Sichtweise
(und Sichtbarmachung) von "Globalisierung"
kommt also nicht umhin, die viel bemühte Ortsspezifik
- etwa von kultureller Produktion - auszuweiten
und als komplexeres Wechselspiel übergeordneter Kräfte
zu verstehen oder, um mit dem Geografen David Harvey
zu sprechen, Globalisierung als "Prozess der Produktion
ungleicher zeitlicher und geografischer Entwicklung"
[17] zu betrachten.
Die notorischen Bilder von Käfig, Falle oder Gefängnis
reichen dazu nicht aus. Eine adäquatere Begreiflich-Machung
von "Globalisierung" - welche immer noch weit
von einer verbindlichen Begriffsbildung entfernt wäre
- müsste demnach auch von deren produktivem, prozesshaftem
Charakter ausgehen und diese "Produktivität"
anhand der vielen kleinen Ungleichzeitigkeiten und Ungleichheiten
im gegenwärtigen Sozialgefüge (egal wo) aufzuzeigen
versuchen. Als differenzierende - und eben nicht homogenisierende
- Kraft schreibt "Globalisierung" schließlich
immer krassere Unterschiede in Geografien und Zeitlichkeiten
ein, etwa jenen zwischen "Touristen" und "Vagabunden",
wie Zygmunt Bauman es genannt hat, oder jenen zwischen
Asyl-Suchenden und einer neuen "debattierenden
Klasse", die von so alltäglichen, aber grundlegenden
Problemen wie dem Recht auf Aufenthalt meist nur peripher
tangiert ist, schließlich jenen zwischen (uns) "freien
Menschen" und den "evil-doers"
irgendwo da draußen, wie es neuerdings heißt. "Keep
on rockin' in the free world", sang etwa Neil
Young bereits im Wendejahr 1989, um im selben Atemzug
selbstreflexiv festzustellen: "Don't feel like
Satan, but I am to them". Im Jahr 2002 dreht
Young den (patriotischen) Spieß angesichts der Ereignisse
wieder um, und vielleicht trifft er damit - zumindest
auf längere Sicht gesehen - niemand anderen als sich
selbst: "Let's roll for Freedom / Let's roll
for Love / We're goin' after Satan / On the wings of
a Dove". [18]
In der letztgenannten Opposition ist bereits ein neuer
visueller und konzeptueller Code am Werk - einer, in
dem "Globalisierung" ihren aktuellsten Niederschlag
in der Formel Freiheit versus Terror erfährt. Ein Code,
den man unablässig bekämpfen sollte, um irgendwann einmal,
am Ende eines langen Tages, zu einem adäquateren Bild
und vielleicht auch einem angemessenen Begriff von "Globalisierung"
zu gelangen.
[1] Vgl. dazu David
Harvey, Spaces of Hope, Berkeley/Los Angeles 2000, S.
133 ff.
[2] "Illegal
migration is globalisation from below." (McKenzie
Wark, Globalisation from Below: Migration, Sovereignty,
Communication, nettime-Mailinglist, 16. Jänner 2002,
http://www.nettime.org).
[3] Vgl. Sebastian
Lütgert, Die Nomaden des Kapitals, in: Starship, 5 (2002),
S. 56.
[4] So etwa Sergio
Bologna im Gespräch mit Klaus Ronneberger und Georg
Schöllhammer, in: springerin, 4 (2001), bes. S. 22.
[5] Eine/r der maßgeblichen
Kräfte/Ströme von Globalisierung in der Theorie Arjun
Appadurais; vgl. sein Buch Modernity at Large: Cultural
Dimensions of Globalization, Minneapolis/London 1996,
S. 33 ff.; vgl. auch Appadurai, Grassroots Globalization
and the Research Imagination, in: Public Culture, Vol.
12, Nr. 1 (Winter 2000), S. 1-19.
[6] Global Dustbowl
Ballads, in der Ausstellung Die Gewalt ist der Rand
aller Dinge, Generali Foundation, Wien, 16. Jänner bis
21. April 2002; vgl. den gleichnamigen Katalog, Wien/Köln
2002, S. 87.
[7] Gerald Raunig
im Konferenz-Outline zu Transversal, in: Malmoe,
04 (2002), S. 18.
[8] Vgl. exemplarisch
Jeremy Brecher, Tim Costello und Brendan Smith, Globalization
from Below: The Power of Solidarity, Cambridge, MA 2000;
Maria Mies, Globalisierung von unten: Der Kampf gegen
die Herrschaft der Konzerne, Hamburg 2001, sowie Arjun
Appadurai, Deep Democracy: Urban Governmentality and
the Horizon of Politics, in: Public Culture, Vol. 14,
Nr. 1 (Winter 2002), S. 21-47.
[9] Vgl. Brian Holmes,
Kartografie des Exzesses, Suche nach Nutzung, in: springerin,
1 (2002), S. 18 ff.
[10] Alle Documenta11-Infos
siehe auch: http://www.documenta.de.
[11] "Genius
stalking in new shoes / Have you got WTO blues",
aus dem Song "Glitter in Their Eyes", auf
Gung Ho, Arista 2000.
[12] Vgl. Harvey,
Spaces of Hope, S. 233 ff.
[13] Publikumsgespräch
im Österreichischen Filmmuseum, 6. April 2002; vgl.
auch Oskar Negt & Alexander Kluge, Der unterschätzte
Mensch, Bd. I, Frankfurt am Main 2001, S. 28 ff.
[14] Vgl. stellvertretend
die Diskussion bei Appadurai, Modernity at Large, S.
178 ff.
[15] Vgl. ebd.,
S. 188 ff.
[16] Vgl. Christian
Höller, Around the World? Around the World! Global Electronica
zwischen Differenzausbeutung und kultureller Demokratisierung,
in: springerin, 2 (2001), S. 8-11; englische Version
unter: http://www.springerin.at/en,
>backlist, >issue 2/01, >net section; sowie
Christian Höller, Nicht-lokale Orte und lokale Nicht-Orte
/ Local Non-sites, Non-Local Sites, in: Sharawadgi.
Hg. v. Christian Meyer u. Mathias Poledna. Köln 1999,
S. 169-198.
[17] Harvey, Spaces
of Hope, S. 60; vgl. dazu auch: Geografie der Ungleichheit.
Interview mit dem Postmoderne- und Globalisierungstheoretiker
David Harvey, in: springerin, 1 (2001), S. 18-22.
[18] "Let's
Roll", auf: Are You Passionate? Reprise 2002.
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