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Während meiner
Studienzeit an der Universität und an der Kunstakademie
in den 1990ern hatte Institutionskritik gerade die
Ufer des dänischen akademischen und des Kunstdiskurses
erreicht. Manche meinen wahrscheinlich, dass sie dort an
den Rändern auch geblieben ist, nur nicht mehr mit der
selben exotischen "Neuheit" behaftet, und
deshalb auch bereits weniger "fancy" und
"hip" für eine Auseinandersetzung damit.
Vielleicht haben sie Recht, zumindest wenn wir den Maßstab
von in der Alltagssprache so genannter "Street-Credibility"
oder - mit Bourdieu - des "symbolischen
Kapitals" anlegen. Es scheint, als sei das, was so
rasch das Label "Institutionskritik" erhalten
hat, im spezifisch dänischen oder skandinavischen
Kontext niemals wirklich auf fruchtbaren Boden gefallen.
Oder es ging zu schnell, und umgehend entwickelte sich
wiederum ein anderes Label für einen anderen
kulturellen Trend und ein anderes ästhetisches Genre.
Es geht also um eine (institutionelle)
Bezeichnungspraxis, die wirkungsvoll vermittelt, dass
– wie in diesem Fall –
"Institutionskritik" nur eine weitere ästhetische
Strategie ist, die von der Institution und den
Marktgesetzen, denen sie folgt (symbolisch oder nicht),
bestimmt wird.
Ich glaube aber,
dass viele KünstlerInnen, die durch die Analyse institutioneller
Praktiken, die in einer bestimmten Zeit auftauchten,
inspiriert wurden (und noch immer werden), mittlerweile
ihr Wissen und Denken in einer Form einsetzen, die man
heute nicht mehr "Institutionskritik" nennen
kann, aber als zentrales Vehikel für ihre Funktion als
Stimme in lokalen Diskursen interessantere und produktivere
Analysen und Strategien der Auseinandersetzung mit
der Logik der Institutionalisierung benützen.
Der Grund, warum
ich den ganzen Weg zurück zum Label "Institutionskritik"
nehme, liegt an den Lektionen, die wir aus solchem
Labelling lernen mussten. Die erste Lektion war die
Frage lokaler Spezifizität: einfach zu verstehen, dass,
obwohl die meisten kunsttheoretischen und kritischen
Diskurse hauptsächlich aus den USA (und z.T. auch aus
Deutschland) importiert werden und wurden, dies nicht
bedeutet, dass institutionelle Mechanismen – oder besser
ihr Wirken und ihre Effekte in einer bestimmten Kultur
– dieselben sind. Weit davon entfernt. Mit dieser Lektion
kam natürlich eine andere, nämlich die, dass die reine
Macht der "Institution" gerade darin besteht,
die Fähigkeit und das Recht auf Benennung und Normierung
geltend zu machen. Oder in diesem Fall spezifischer,
dass institutionskritische US-Kunstdiskurse in unserem
Kontext ihre Kraft zum Teil genau durch die selbstverständliche
Annahme zogen, sie seien als solche für alle Kunstinstitutionen,
also auch unsere lokalen, relevant.
Natürlich ist das
moderne, westliche Museum genau das – "modern"
(und deshalb "westlich") – weil es sich zunächst
und vor allem durch das grundlegende Format des White
Cube definiert, einer Form, die das Selbstverständnis
– oder das Verständnis des institutionellen "Selbst"
– als universell
formuliert. Zweifellos funktioniert diese Maschine in
den dänischen wie wahrscheinlich den meisten westlichen
"modernen Kunstmuseen". Und ihr Hauptprodukt,
das seine Verwandtschaft mit anderen "universalisierenden"
(westlichen) Diskursmaschinen beweist und sich selbst
dadurch legitimiert, ist natürlich so effektiv wie notwendig,
um die Macht zu erhalten und ständig eine "Norm"
zu repräsentieren und zu reproduzieren.
Doch während dieses
Grundmuster produktiver und repräsentativer Normierung
in unterschiedlichen westlichen Kontexten ziemlich ähnlich
erscheinen mag, variieren die Logiken der Normatisierung,
wie sie konsumiert und verdaut, in weiteren Diskursen
benützt oder missbraucht werden, doch sehr stark. Die
Form, in der ein modernes Standardkunstmuseum in verschiedenen
öffentlichen Diskursen positioniert ist, unterscheidet
sich massiv von Kontext zu Kontext. Und gemäß meiner
These, dass die Kunstinstitution niemals für sich,
sondern immer durch das Verhältnis zu ihrer "Öffentlichkeit"
existiert, wird aus ihr von Kontext zu Kontext eine
andere Art von Maschine, selbst wenn sie als Blue-print
autorisiert wird, gerade weil er so vollkommen allgemein
erscheint. Es sind diese kontextabhängigen Unterschiede
institutioneller Effekte, die meiner Meinung nach im
Zentrum einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen
von Kunstinstitutionen und ihrer Tätigkeit stehen müssen.
Dies bedeutet nicht, dass sich keine allgemeineren Aussagen
machen lassen, und ich bin natürlich davon überzeugt,
dass es eine Menge voneinander zu lernen und weiter
zu entwickeln gibt, wenn wir das Spezifische einer bestimmten
Situation nicht vergessen.
Das moderne Kunstmuseum,
das sich selbst innerhalb eines Diskurses hervorbringt,
in dem es sich als "universell" versteht,
produziert auch ein Publikum (eine Öffentlichkeit),
das (die) sich als universell versteht. Doch dieser
Einschreibung des Publikums in die Universalität, die
an modernen Kunstmuseen erzeugt wird, kann entgegen
gewirkt werden, in künstlerischen Praxen ebenso wie
außerhalb davon, in politischer Organisation.
Beispiele für institutionelle
und organisierte Arbeitsmethoden, die mir in diesem
Zusammenhang interessant scheinen, sind im dänischen
Kontext die Copenhagen Free University (Cph), Appendix
(Cph), Kvinder
på Værtshus (Cph) und schließlich – etwas unterschiedlich
– UKK ('Young Artists and Art workers'). Diese Beispiele
hebe ich deswegen hervor, weil es mich interessiert,
wie sie ihre Produktion von Öffentlichkeit in ihrem
jeweiligen spezifischen Kontext verhandeln. Meines Erachtens
haben sie eine Möglichkeit gefunden bzw. sind sie bemüht,
sich an ein Publikum zu richten und dieses auch hervorzubringen,
aber nicht als universell. Das könnte leicht als Underground-
oder Subkulturromantizismus abgetan werden, ist es
aber nicht. Es mag auch verführerisch erscheinen, es
einfach "subjektiv" oder "individuell"
zu nennen, was aber auch nicht zutrifft. (Es geht gerade
nicht um eine
neo-liberale Institutionalisierung von "Individualität"
oder "Subjektivität", wovon wir schon genug
gesehen haben.) Ich möchte hier eine dritte, vierte
oder fünfte Position sehen, Positionen, die vielleicht
die oben genannten Fallen berühren, aber zumindest ein
Mehr, ein Surplus erzeugen. Sie werden so zu etwas,
das natürlich nicht existiert, aber uns durch seine
Fragestellungen herausfordert.
Das letzte Beispiel,
das ich genannt habe, ist die KünstlerInnen- und Kunstorganisation
UKK, deren Mitglied ich bin und die wir in den letzten
zwei Jahren gegründet haben. Die Organisation unterscheidet
sich von den anderen Beispielen insofern, als sie die
Interessen "junger KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen"
im politischen System repräsentiert (was auch größere
Kunstinstitutionen, Förderstellen, Presse, Radio und
Fernsehen, abgesehen natürlich vom Einwirken auf EntscheidungsträgerInnen,
BeamtInnen und Administration auf allen Ebenen, mit
einschließt). Ich würde UKK als eine Art Meta-Organisation,
oder sogar Meta-Institutionalisierung, vorschlagen,
die ständig an einer Untersuchung der Auseinandersetzung
mit der Logik und den Mechanismen arbeitet, durch die
verschiedene Kunstinstitutionen sich selbst und ihre
Öffentlichkeiten schaffen. Dies wäre mein Interpretationsansatz,
während das offizielle Mission Statement eine eher pragmatische
Note hat:
UKK
- Mission Statement
UKK, Young Art Workers,
ist eine Organisation für jüngere KünstlerInnen und
KulturarbeiterInnen in Dänemark. Die Organisation wurde
im Sommer 2002 als Ergebnis der Proteste gegen die Politik
der neu gewählten rechten Regierung im Frühling desselben
Jahres gegründet. Seit diese im November 2001 an die
Macht gekommen war, gehörte zeitgenössische Kunst zu
den Bereichen, die wie Umweltschutz, Bildung, Immigration
und Menschenrechte von finanziellen Kürzungen und politischen
Restriktionen betroffen waren. Die Kürzungen im Kunstfeld
betrafen besonders junge und experimentelle Kunst wie
auch internationalen Austausch und Projektarbeit. Einer
der Gründe, warum dies – sogar relativ einfach – möglich
war, bestand darin, dass keine Organisation im Namen
derer, die in diesem Bereich arbeiten, dagegen auftat.
UKK wurde so auch als Opposition zu den bestehenden
KünstlerInnenorganisationen
und der Königlichen KünstlerInnenvereinigung
und ihren konservativen, elitistischen Politiken und
Programmen gegründet.
UKK ist in zwei Richtungen
tätig: einerseits nach außen, an Politik und Medien
gerichtet, andererseits nach innen in Richtung Organisation
und Struktur des Kunstfelds und seinen Institutionen.
UKK zielt auf ein dynamischeres und offeneres Feld für
zeitgenössische Kunst ab, und ist die einzige Organisation,
die KünstlerInnen ebenso wie KritikerInnen und KuratorInnen
mit der Absicht einschließt, die traditionelle Lücke
zwischen Praxis und Theorie, zwischen Produktion und
Vermittlung zu überbrücken. Die Organisation konzentriert
sich auf die Arbeit und die Arbeitsbedingungen zeitgenössischer,
junger KünstlerInnen, mit einer Grenze von 15 Jahren
Aktivität. Anders als in anderen Organisationen wird
die Mitgliedschaft ausschließlich auf nomineller Basis
statt auf ästhetischer Basis erlangt: Jede/r, der/die
im Bereich zeitgenössischer Kunst tätig ist, wird akzeptiert,
um das Feld in seinem weitesten statt in einem elitären,
engen Sinn zu vertreten. UKK vertritt auch StudentInnen
an Akademien und Universitäten und arbeitet für folgende
Ziele:
Eine offenere und
transparente Struktur im dänischen Kunstsystem.
Die Entwicklung eines
Kunstsystems, das experimentelle Ansätze, seine Erweiterung
und internationalen Austausch privilegiert.
Eine offenere und
intensivere Diskussion über zeitgenössische Kunst und
ihre Platzierung sowohl innerhalb des Kunstfelds als
auch in einer breiteren Öffentlichkeit.
Mehr Ausstellungen
zeitgenössischer und experimenteller Kunst in Museen
und öffentlichen Einrichtungen.
Gleichberechtigung
von Männern und Frauen in Positionen an Institutionen,
ebenso wie in Sammlungen und Ausstellungen innerhalb
der Institutionen.
Repräsentation von
UKK in öffentlichen und ministeriellen Ausschüssen und
Räten, die die zeitgenössische Kunst betreffen.
Die Errichtung eines
dänischen Instituts für zeitgenössische Kunst, mit gleichem
Schwerpunkt auf und Finanzierung von Forschung, Produktion
und Ausstellung.
Die Schaffung fester
Gehälter und Mindesteinkommen für KünstlerInnen und
freiberufliche KuratorInnen, die für Institutionen arbeiten.
Eine breitere und
fairere Behandlung zeitgenössischer Kunst in den Massenmedien.
Die Schaffung einer
Arbeitslosenversicherung für KünstlerInnen.
Übersetzung: Therese
Kaufmann
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