| Während einer Phase extremer Politisierung
in den frühen 90er Jahren und einer graduellen Depolitisierung
seit der Wahl Putins im Jahr 2000, hat der Moskauer Kontext
in der Welt der offiziellen Politik zahlreiche künstlerische
und aktivistische Interventionen hervorgebracht. Die zeitgenössische
politische Szene entstand aus den Bemühungen einer künstlerisch
orientierten Öffentlichkeit, JournalistInnen, politischen
BeraterInnen, WerbemacherInnen und Fernsehleuten, einer
Szene, die paradoxerweise zu eben derjenigen Moskauer
Intelligentsia gehörte, die den öffentlichen Raum während
der Perestroika betreten hatte. Haben sie sich einfach
selbst übertroffen in ihren Bestrebungen, der neuen Macht
zu dienen und deren Image zu gestalten? Stimmt es, dass
alles was bleibt, schlicht die Machtkämpfe zwischen den
glücklichen KonformistInnen und einer neuen, alternativen
Underground-Bohème sind?
In den 90ern haben wir die Etablierung zweier oppositioneller
Lager erlebt: die kritisch denkende, ironische, postmoderne
Medienelite und die desillusionierten, anarchistischen
Underground-KünstlerInnen bzw. -AktivistInnen, die erstere
in Frage stellen. Während der gesamten Dekade war die
Stimmung in diesem Gegensatz einigermaßen angespannt.
Insbesondere deshalb, weil die Angehörigen des ersten
Lagers noch immer zu der mächtigen Intelligentsia gehörten,
offen im öffentlichen Raum agieren und politische Entscheidungsprozesse
beeinflussen konnten.
Während dieser Phase waren alle Medien liberal und
offen. Öffentlichkeit und PolitikerInnen waren einander
nicht entfremdet, im Gegenteil: In der Ära Jelzin standen
sie auf recht vertrautem Fuße. Das Fernsehen fungierte
als unparteiische Institution zum Vertrieb von Informationen,
anstatt die Meinung der Leute zu formen. Die Entwicklung
des russischen Internet hatte eben erst begonnen. Beginnen
wir mit einem Vergleich:
- Im März 1991 führte eine Gruppe von 13 aktionsorientierten
KünstlerInnen mit dem Namen "E.T.L." die erste
radikale künstlerische Aktion durch: Mit ihren eigenen
Körpern schrieben sie ein obskures Wort auf den Roten
Platz;
- im August 1991 findet der sogenannte "Kommunistische
Putsch" statt, in dessen Verlauf KünstlerInnen
und die zukünftigen politischen ImageproduzentInnen
auf den Barrikaden "Freiheit und Demokratie"
verteidigen. (Es gibt sogar einen Mythos, dass die dabei
auf dem Moskauer Weißen Haus gehisste Fahne aus dem
Zentrum für zeitgenössische Kunst kam);
- 1993 entstehen viele neue Galerien, ein Kunstmarkt
entwickelt sich, KünstlerInnen schließen sich politischen
PR-Kampagnen an;
- im Oktober 1993 kommt es zum zweiten Staatsstreich,
in dem das Parlament mittels Intervention von Regierungspanzern
"demokratisch geschlossen" wird;
- 1996 gewinnt Boris Jelzin einen extrem propagandistischen
Wahlkampf, in Verbindung mit diesen Wahlen beginnt der
erste Tschetschenienkrieg;
- im gleichen Jahr führt Alexander Brener seine provokativen
Aktionen durch, die er gegen Jelzin, den Tschetschenienkrieg
und die orthodoxe Kirche richtet;
- im Mai 1998 errichten Mitglieder des Kreises um die
Zeitschrift "Radek" (beschäftigt sich mit
Kultur, Politik und Theorie) zusammen mit jungen, linken
PolitaktivistInnen eine aus Kunstwerken bestehende "Kunst"-Barrikade
auf einer zentralen Straße Moskaus. Damit feiern sie
den 30. Jahrestag des Pariser Roten Mai;
- Im Herbst 1999 findet ein parlamentarischer Wahlkampf
statt, in dem extrem brutale Methoden der politischen
Propaganda, Informationskriege und Medienspekulationen
zum Einsatz kommen;
- im Dezember initiiert eine buntgemischte Gruppe von
AnarchistInnen, KünstlerInnen und anderen Protestierenden
eine Gegenkampagne namens "Gegen alle Parteien".
Die Kampagne erhebt ihre kollektive Stimme gegen die
neuen, propagandistischen Medien und die politische
Klasse als solche;
- im Frühjahr 2000 wird Putin Präsident und die offene
Ära Jelzin geht zu Ende. Seitdem hat sich der öffentliche
Raum verengt und oppositionelle Standpunkte kommen seltener
zum Ausdruck. Die künstlerische Opposition ist in den
Untergrund gegangen. Alternative Sichtweisen können
nur in milder, indirekter Form öffentlich gemacht werden,
daher ist die Stimme der sozialen Opposition gezähmt;
beruhigt, darf sie sich nur indirekt, "kulturell"
äußern.
***
Wie kann eine kritische Kunst überleben, wenn es keine
Kunstinstitutionen mehr gibt, keine staatlichen Finanzierungsmöglichkeiten
für kritische KünstlerInnen, keine Unterstützung von
westlichen Stiftungen, oder gar mehr oder weniger autonome
Zonen für Jobs im Kunstbereich? Paradoxerweise kann
sie es ausgerechnet in Russland. Während der gesamten
90er Jahre hat die Kunst dank einer sozial offenen Atmosphäre
auf unbezahlter Basis überlebt. Weil die russische Gesellschaft
mobil und beweglich war, konnte ein tatkräftiger Mensch
relativ einfach offene Stellen oder Nischen im Kulturbereich
finden. So kam es auch zum Auftauchen der politischen
PR als Spezialisierungsmöglichkeit: die früheren Informellen
und die einstigen DissidentInnen der alten Sowjetunion
schufen politische Beratungseinrichtungen und überzeugten
die PolitikerInnen, dass ihre Arbeit eine Bezahlung
wert war. Gemäß Ulf Wuggenigs Begriffsvorschlag in dieser
Ausgabe handelte es sich um eine russische Variante
des "Wirtschafts-Künstlers": ein Zeichen für
eine "Entdifferenzierung" von Kultur und Politik.
Politisch engagierte Aktivität braucht nicht explizit
politisch sein, noch muss sie unbedingt als Kunstwerk
präsentiert werden. Solange ein wahrhaft öffentlicher
Raum in Russland existierte, konnte dieser auf viele
verschiedene Weisen beeinflusst werden: von einer skandalösen
Aktion bis zu einer herausfordernden politischen Aussage,
von einem Protest oder einer skandalösen Demonstration
bis zu einem terroristischen Akt. Heute jedoch existiert
dieser Raum nicht einmal in Ansätzen. Im Jahr 2000 gaben
JournalistInnen all ihre "Freiheiten" auf,
dabei waren sie nicht einmal von der Macht bedroht,
eher versuchten sie, von ihr akzeptiert zu werden. Die
Medienintelligenz demonstrierte in aller Offenheit,
dass sie eben die liberalen Werte und die künstlerische
Ethik, für die sie einst gekämpft hatte, aufgegeben
hatte.
***
Im Vergleich zu der etablierten, zynischen und elitären
Medienintelligenz jedoch hat die Underground-Kunst deutlich
an Boden gewonnen. Seit 1996 konnten wir eine deutliche
Entwicklung von Stilen und Methoden beobachten, klare
und zielgerichtete interne Debatten zwischen radikalen
Gruppen; wir haben sogar mehrere Generationen von Andersdenkenden
gesehen, die Schritt für Schritt ihre politische Effizienz
verbessert haben. Lassen Sie uns mit den ersten Pionieren
beginnen.
Alexander Brener lebt heute in Europa und wiederholt
die klischeehaften Wahrheiten linker Ideologie - er
beschuldigt alle anderen der Korruption, Integration
und so weiter. So war er nicht, als er nach seiner Emigration
aus Israel neu nach Moskau kam. Breners Aktionen waren
gleichzeitig bekennend, offensiv und masochistisch.
Indem er einen einsamen Protestakt vollzog, präsentierte
er sich als Held und Märtyrer. Ich kann bezeugen, dass
es in den Moskauer Kunstzirkeln zwischen 1995 und 1998
nicht ein Treffen, nicht eine Diskussion gab, bei der
Breners Name nicht erwähnt worden wäre. Seine Arbeit,
qua Genre situationistisch und aktionistisch, führt
uns zu einer Neuformulierung dieses Genres: Eine Situation
besteht aus zwei Teilen - der erste ist die Aktion des
Künstlers, und die zweite die Reaktion der Gesellschaft
auf diese Aktion.
Anatoly Osmolovsky war keine derart heroische Figur,
aber man könnte seine Arbeit als um einiges wirkungsvoller
einschätzen. Während Brener hauptsächlich im Kunstkontext
positioniert war und sich auf Kunst- und Theoriethemen
bezog, inspirierte Osmolovsky eine Bewegung abseits
einer kunstzentrierten Ideologie. Bemerkenswerterweise
wurde seine erfolgreichste Aktion, eine "Barrikade",
zur ersten Begegnung zwischen den kunst- und theorieorientierten
AktivistInnen, den Bewunderern von Foucault und Deleuze,
und Leuten, die noch nie von diesen Namen gehört hatten
- den marginalisierten politischen AktivistInnen.
Die Kampagne "Gegen alle Parteien" war die
erste Gelegenheit, bei der sich protestierende Gruppen
nicht mit ausschließlich künstlerischen Ergebnissen
zufrieden gaben. Sie bestanden darauf, dass Kunst politisch
zu handeln hätte. Die Kampagne zielte auf eine Subversion
offizieller Politik, indem "gegen alle" gewählt
wurde - im russischen Wahlsystem besteht diese Möglichkeit.
Wenn "gegen alle" mehr Stimmen erhält als
jeder andere Kandidat, werden die Wahlen für ungültig
erklärt und keiner der ursprünglichen Kandidaten kann
bei der nächsten Wahl kandidieren. Doch die Zeit des
offenen Dialogs und der freien Medien neigte sich ihrem
Ende zu. Die Wahlen 1999 zur Duma verweisen auf eine
ganze Dekade demokratischer Desillusionierung. Den AktivistInnen
der Kampagne kommt ein heroischerer Ort in der Geschichte
zu als selbst Brener, denn ihr trotziger Kampf hatte
keine Möglichkeit, zu gewinnen. Eine unbezahlt arbeitende
idealistische Gruppe fand sich in einer Situation wieder,
in der sie der staatlichen Maschinerie des Informationskriegs
gegenüberstand, und in der alle Waffen der Medien gegen
sie mobilisiert waren. Es war erregend, spannend, einer
Gruppe war es gar gelungen, auf dem Leninmausoleum Position
zu beziehen und ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen
alle" zu entfalten, und eine andere ging zur Staatsduma
und warf Flaschen mit roter Farbe dagegen - markierte
das Gebäude mit Blut - zum Zeichen des Protests gegen
die Wahlen und den Tschetschenienkrieg.
Seit der Wahl Putins ist alles anders geworden. Linke
Gegenkultur hat ihr wichtigstes Ziel verloren - den
Staat, der früher schwach und prekär gewesen war, und
der nun stabil, sichtbar, allgegenwärtig wurde. Linke
Kultur musste ihre direkte Subversivität aufgeben; die
Ära der einsamen Märtyrer-Helden ist vorüber. Jetzt
ist die Zeit für kollektivere, subkulturellere, vielfältigere,
rhizomatischere Aktivitäten, die realistischer sind,
vergleichbar mit den utopischen, idealistischen Protestierenden
der vorhergehenden Dekade. Im Nachhinein erscheint diese
als wirklich utopisch und höchst unrealistisch. Das
Wichtigste daran ist, dass wir etwas wirklich Utopisches
erlebt haben. Wenn wir nun unter neuen Bedingungen leben,
lasst uns diese Vision nicht vergessen.
Es ist bezeichnend, dass ein neues Widerstandsmuster
direkt nach der Wahl des neuen Präsidenten auftauchte.
Es nennt sich Bewegung "SVOI 2000", das bedeutet
in etwa "UNSER 2000" oder "EIGENES 2000".
Zum ersten Mal manifestierte es sich am 1. Mai 2000,
einem Feiertag, an dem Menschenmengen auf die Straße
gehen, um den Tag des Frühlings und der Arbeit zu feiern.
Der erste Mai war traditionell von den KommunistInnen
vereinnahmt, von einer offiziellen Opposition, die nichts
ändern wollte, sondern nur ein revolutionäres Image
nachbetete. Die AktivistInnen von "SVOI 2000"
wollten eben diese Bedeutung wiederbeleben. Sie bildeten
einen Block am Ende der kommunistischen Demonstration.
Anders als die ernsthaften roten RentnerInnen hielten
die jungen Leute orangefarbene Fahnen hoch, sie waren
als Clowns gekleidet, mit Trompeten und Trillerpfeifen
bewaffnet und proklamierten absurde Slogans in Slang.
In Brechtschen Begriffen gelang ihnen eine Verfremdung
des kommunistischen Demonstrationszuges. Paradoxerweise
ist der russische Begriff für Verfremdung der gleiche
wie der marxistische Begriff der Entfremdung.
Damit war ihre Verfremdung gleichzeitig eine Ent-Entfremdung
oder Wiederaneignung der Straßen von Moskau, die von
der Invasion des neorussischen, kapitalistischen, entfremdeten
Anzeigenbetriebs, von offizieller Architektur usw. in
Besitz genommen worden waren. Mit ihrer Intervention
in und Besetzung von Raum eroberten sich die TeilnehmerInnen
des Blocks die Straßen zurück, wenn auch nur für eine
Stunde, und sie brachten eine verlorene Vertrautheit
in die Straßen zurück. Von hier ist der Name der Bewegung
abgeleitet. Im Flugblatt der OrganisatorInnen war zu
lesen: "Im Jahr 3000
wird uns die ganze Welt
gehören".
Ich möchte schließen mit einigen Beobachtungen über
russische linke Politik im Vergleich mit ihrer Parallelbewegung,
der linken Bewegung im benachbarten Weißrussland. Unter
dem autoritären Lukashenko-Regime war es ein schwieriges
Feld für derartige Politik, obwohl diese von einer beispiellosen,
gegen Lukashenko gerichteten Finanzquelle unterstützt
und angeregt wurde. So trafen die beide Seiten aufeinander,
und die hohe Spannung zwischen den zwei Gegensätzen
regte eine neue Generation von Radikalen an, einen enorm
vielfältigen, linken Aktivismus zu begründen. Die Minsker
Zeitung "Navinki" ist ein einzigartiges Beispiel
für einen wahrhaft linken, außerparlamentarischen politischen
Faktor auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Mit
einer Auflage von über 10.000 Exemplaren verfremdet
diese absurd-dadaistisch-nihilistisch-künstlerische
Publikation das ganze Universum einer offiziell etablierten
Ordnung der Dinge, sie verkehrt Grunddefinitionen dieses
Feldes, und bringt Leute dazu, über alles zu lachen,
was früher für wichtig und wertvoll gehalten wurde.
"Navinki" schlägt sich auf keine Seite im
offiziellen politischen Kampf, und vermeidet so eine
Kompromittierung. Stattdessen lehnt sie beide Seiten
als verfilzt und korrupt ab. In Weißrussland scheint
die oppositionell orientierte Rhetorik abstoßender als
selbst die offiziellen Lügen der Regierung; zumindest
spielen die Liberalen keine Spielchen. 1998, nach einer
hysterischen proserbischen Kampagne, in der die Existenz
eines unsichtbaren Luftverteidigungssystems behauptet
wurde, publizierte "Navinki" ein exklusives
Foto von eliminierten unsichtbaren NATO "Stells":
ein leeres Rechteck. Und nach der Panik über angebliche
Postsendungen mit dem Sibirischen Pestvirus im Oktober
2001 publizierte "Navinki" Material über einen
Brief, der angeblich an ihr Büro geschickt worden war
und einen "Novosibirsker Durchfallvirus" enthielt.
***
Die Generation, der ich angehöre, ist in einer extrem
politisierten Zeit aufgewachsen: Im Russland von 1991
war ich sechzehn, 1993 achtzehn. Deshalb mussten wir
politisch engagiert sein. Der Punkt ist, dass spätere
Ereignisse unsere politischen Illusionen und unseren
Optimismus ruiniert haben, wir schon 1993 die Anfänge
dieser Ereignisse am Horizont sehen konnten. Mit Bezug
auf ein paar gute alte Freudsche Wahrheiten könnte man
sagen, dass wir in der Adoleszenz ein psychologisches
Trauma erfahren haben. Aber keine Generation ist in
der Lage, sich solchen Traumata zu entziehen, es kommt
darauf an, wie wir damit umgehen. Unser Ziel ist es
nun, dieses Trauma zu überwinden, indem wir unsere Illusionen
und Optimismen in die Tat umsetzen, sie wieder in die
Realität zurückbringen. In gewissem Sinne bedeutet das,
die Geschichte in einer verbesserten Version zu rekonstruieren.
Übersetzung: Marion Hamm
|