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"Verräter
zu sein ist schwierig, es ist ein schöpferischer Akt.
Es verlangt, dass man seine Identität preisgibt, sein
Gesicht verliert. Man muss von der Bildfläche verschwinden,
unbekannt werden."
(Gilles
Deleuze/Claire Parnet)
Walter Benjamins
Aufsatz "Der Autor als Produzent" ist eine
Attacke gegen die "linksbürgerliche Intelligenz"
im Deutschland der 1920er und frühen 1930er Jahre. Ihr
Hauptangriffspunkt ist neben der Neuen Sachlichkeit
eine weithin in Vergessenheit geratene Bewegung der
1910er Jahre im deutschsprachigen Raum, in deren kollektivem
Namen allerdings ein sehr aktueller Anklang mitschwingt:
Als "Aktivismus" bezeichnete sich ein vor
allem literarisch und literaturkritisch geprägter Diskurs
im Schatten des Expressionismus
sowie der darunter firmierende lose Zusammenhang vor
allem von Literaten, dem sich für gewisse Abschnitte
ihrer Arbeit auch so verschiedene Autoren wie Heinrich
Mann, Gustav Landauer, Max Brod, Ernst Bloch zuordneten.
Der Kreis um den Publizisten Kurt Hiller entwickelte
sich seit 1910, ab 1914 auch konkret unter dem Label
"Aktivismus". Während Hiller und sein Kreis
heute kaum bekannt sind, konnte sich Benjamin 1934 noch
darauf verlassen, dass die Figur Hiller und die dazugehörigen
Positionen seinen RezipientInnen noch geläufig waren.
Vor allem die wüsten Beschimpfungen und der Spott der
Berliner Dadaisten gegen die "Aktivisten"
waren um 1920 von einer bemerkenswerten Vehemenz gewesen
und ob ihrer verbalen Brachialität wahrscheinlich auch
noch Mitte der 1930er im Gedächtnis geblieben.
Als "Theoretiker
des Aktivismus" wird Hiller von Benjamin im "Autor
als Produzenten" als exemplarischer Fall einer
vermeintlich linksintellektuellen, jedoch konterrevolutionären
Tendenz vorgeführt, weil diese nur der Gesinnung nach,
aber nicht in ihrer Produktion selbst revolutionär sei.
Diese Differenz zwischen Tendenz und Technik und die
Vernachlässigung der Letzteren ist eine Problematik
des "Aktivismus", die irreführende Selbstbezeichnung
eine andere. Was nämlich während des Ersten Weltkriegs
und in den Jahren danach als "Aktivismus"
verkauft wurde, war in der Selbstdefinition Hillers
"religiöser Sozialismus"
oder - in meiner Auslegung - vitalistischer Geistismus.
Neben wortreichen Appellen und Anrufungen des "jungen
Geschlechts" (Heinrich Mann), der "Neuen Volkstümlichkeit"
(Kurt Hiller) oder des Volks als "heiliger Masse"
(Ludwig Rubiner) verstanden sich die "Aktivisten"
hauptsächlich auf die Hypostasierung des Geistes und
der "Geistigen". Der Begriff der "Geistigen",
anfänglich ein taktisches Substitut für "Intellektuelle",
wurde durch Hiller und andere nach und nach substanzialisiert
und schließlich als "charakterologischer Typus"
verstanden. Die Texte des Aktivismus,
von Heinrich Manns Urtext "Geist und Tat"
über Hillers manifestartige "Philosophie des Ziels"
bis Ludwig Rubiners "Der Dichter greift in die
Politik" arbeiten sich auffällig oft an Themen
der Religion, der Mystik und der Kirche ab; der Geist,
der in den Geistigen spukte, schien eher der heilige
als der Weltgeist Hegels zu sein. Hiller selbst setzt
anstelle der Revolution das Paradies als utopisches
Ziel. "Weiht euch, Geistige, endlich - dem Dienst
des Geistes; des heiligen Geistes, des tätigen Geistes."
Die beiden Hauptaspekte
von Benjamins Frage nach dem "Ort des Intellektuellen"
sind einerseits die Positionierung der Intellektuellen
zum Proletariat und andererseits die Art und Weise ihrer
Organisierung. Benjamins Kritik am "Aktivismus"
besteht daher vor allem in dessen Selbstpositionierung
"zwischen den Klassen". Diese Position neben
dem Proletariat, die Position von Gönnern, ideologischen
Mäzenen, sei eine unmögliche,
das Prinzip einer derartigen Kollektivbildung, die jenseits
von jedem Ansatz der Organisierung Literaten um den
Begriff des "Geistigen" sammelt, sei schlicht
und einfach ein reaktionäres.
Noch evidenter wird diese zeitlose Kritik, wenn wir
zusätzlich zu Benjamins technisch-formalem Insistieren
auf der Veränderung des Produktionsapparats die keineswegs
so revolutionäre Haltung der "Aktivisten"
mit einbeziehen: Beizeiten sind ihre Texte national
geprägt, oft auch antidemokratisch ‑ und antidemokratische
Tendenzen sind im Umkreis Hillers auch keineswegs als
radikaldemokratisch oder linksradikal interpretierbar.
"Der Aktivismus will keine Kratie des Demos, also
der Massen und Mittelmäßigkeit, sondern eine Kratie
des Geistes, also der Besten."
Hillers Prinzip der Geistesaristokratie propagiert eine
Herrschaft des Geistes, was heißen soll: der Geistigen,
der Besten, schließlich sogar des "neuen deutschen
Herrenhauses".
Bei solch eindeutiger
"Gesinnung" erhebt sich doch die Frage, warum
Benjamin die Autoren des "Aktivismus" überhaupt
als Linksbürgerliche verkaufen wollte und konnte.
Ich vermute, das hängt nicht nur mit der textimmanenten
Intention Benjamins, auf die ich noch zurückkommen möchte,
sondern vor allem mit den breiteren Aktivitäten eines
zweiten Flügels des "Aktivismus" zusammen,
der sich zwar selten so nannte, dessen Organ jedoch,
die Wochenzeitschrift Die Aktion, in den 1910ern
einen nicht unbedeutenden Einfluss auf linksintellektuelle
und linksradikale Bewegungen im deutschsprachigen Raum
hatte.
Die Aktion
und ihre ProtagonistInnen betätigten sich zwar auch
nicht primär aktivistisch im heutigen Sinn, dafür waren
sie aber politisch aktiver und vor allem kantiger als
der Kreis um Kurt Hiller. Die
Aktion war in ihren ersten Jahren bis Kriegsbeginn
neben dem Sturm die führende expressionistische
Zeitschrift mit klar antimilitaristischer Tendenz, während
des Krieges die einzige oppositionelle Literatur- und
Kunstzeitschrift, die mit verdeckendem Schreiben und
anderen Mitteln erstaunlich souverän die Zensur umging,
und mit dem Ende des Krieges wurde sie mehr und mehr
zu einem Organ der linksradikalen Opposition mit einem
Naheverhältnis zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Ihr Herausgeber und Chefredakteur Franz Pfemfert radikalisierte
sich und die Zeitschrift von der Gründung 1911 an über
die revolutionären Kriegs- und Nachkriegsjahre bis zu
Spartakusaufstand und Räterepublik in mehreren Schüben.
Während der literarische
Aktivismus um Hiller von einem eher diffusen Änderungswillen
geprägt ist, verknüpft Pfemfert in der Aktion
von Anfang an expressionistische Literatur und zeitgenössische
Kulturpolitik mit (historischen) sozialrevolutionären
Texten zu einer seltenen Kombination. Im Mittelpunkt
steht die antimilitaristische Kritik der Zeitschrift,
die in den ersten Jahren der Aktion vor allem
die kriegstreiberische Funktion der liberalen Presse
und der Sozialdemokratie und die affirmative Haltung
von Schriftsteller-Kollegen im Rahmen der Vorgeschichte
des Kriegs beleuchtet. Daneben werden frühe sozialrevolutionäre
Texte veröffentlicht, anarchistische Texte aus Russland,
Aufsätze von Lassalle und Reclus. Auch die späteren
Dadaisten Hugo Ball, Hans Richter und Raoul Hausmann
sind mit Beiträgen in der Aktion vertreten.
Neben dem schrittweisen
ideologisch begründeten Ausscheiden von Mitarbeitern
aus früheren Zusammenhängen (der Zeitschrift Demokrat
und der Demokratischen Vereinigung) verzeichnet die
Aktion in den ersten Jahren ständig Zuläufe an AutorInnen
und AbonnentInnen. Zumindest bis zur Distanzierung Pfemferts
von Hiller 1913
war die Aktion auch so etwas wie ein Sammelbecken
für die Literaten, die sich später mit Hiller unter
dem Label Aktivismus sammeln sollten. Hillers geististische
Ideen waren Grund genug für Pfemfert, im dritten Jahr
der Zeitschrift einen Schlussstrich unter die Zusammenarbeit
zu ziehen. Gegen die reaktionäre Demokratie-Ablehnung
Hillers verstand sich Pfemferts Antiparlamentarismus
als Propagierung der Rätedemokratie, gegen den absoluten
Pazifismus von Hillers Logokratie (der Revolution der
Worte) wandte Pfemfert einen militanten Antimilitarismus,
der sich im Laufe des Krieges zunehmend revolutionär
und konkret rätekommunistisch entwickelte, gegen Hillers
Deutschnationalismus positionierte sich Pfemfert antinational
und antiantisemitisch.
In den ersten Monaten
ihrer Erscheinung, genauer von Heft 3 bis Heft 16, erschien
die "Aktion" mit dem programmatischen Zusatztitel
"Publikationsorgan der Organisation der Intelligenz
für Deutschland".
Auch wenn dieser Zusatztitel bald wieder verschwand,
die Zeitschrift gewann im Laufe des Jahrzehnts zusehends
organisierende Funktion für einen gemischten Zusammenhang
von KünstlerInnen und Intellektuellen. Während der literarisch-aktivistische
Kreis um Hiller - Benjamin beschreibt das korrekt -
eine "beliebige Anzahl von Privatexistenzen [umfasste],
ohne den mindesten Anhalt für ihre Organisierung zu
bieten",
war Franz Pfemfert Drehscheibe nicht nur der Aktion,
sondern auch einer Reihe anderer Versuche der "Organisation
der Intelligenz": Nach dem Start der Aktion
als Wochenzeitschrift im Februar 1911 folgte 1912 die
Verlagsgründung: Zuerst verlegte Pfemfert expressionistische
Literatur, ab 1916 kamen mit der "Politischen Aktions-Bibliothek"
Revolutionstexte von Lenin, Marx, Liebknecht und anderen
hinzu. Schließlich erkannte Pfemfert auch die Notwendigkeit
für einen realen Ort, eine Öffentlichkeit jenseits des
Gedruckten, und eröffnete 1917 mit seiner Frau Alexandra
Ramm-Pfemfert und deren Schwester die Berliner "Aktionsbuchhandlung",
die für Ausstellungen und Veranstaltungen offen stand.
Aus der antimilitaristischen
Agitation gegen die Wehrmachtsvorlage von 1913
entsteht sogar eine frühe Blüte der Kommunikationsguerilla:
Um die Proteste gegen die Erweiterung der Wehrmachtsbefugnisse
in Berlin auf eine breitere Basis zu stellen, fingiert
Pfemfert die Erklärung einer bürgerlichen Antinationale
"An den deutschen Reichstag" gegen die neuen
Wehrgesetze. Diese Erklärung wird nicht nur über die
Aktion, sondern auch per Flugblatt verbreitet,
was schließlich über den Aspekt der medialen Gegeninformation
hinaus auch zu einer tatsächlichen Kundgebung führt.
Da in Frankreich zur gleichen Zeit eine Wehrmachtsvorlage
debattiert wird, weitet sich die Aktion um eine französische
Parallelerklärung unter der Leitung des späteren Literaturnobelpreisträgers
Anatole France auch dorthin aus.
Hier ereignet sich also der Versuch der Internationalisierung
des antimilitaristischen Widerstands, der auch mit Mitteln
der Medienguerilla für eine Verbreiterung und internationalen
Organisierung antinationaler Gefüge kämpft; allerdings
mit wenig Erfolg, wie die Geschichte zeigt.
Während Hillers "Aktivisten"
immer wieder die Partei des Geistes,
des deutschen Geistes
oder der Geistigen
beschworen, gründete Pfemfert schon 1915 die "Antinationale
Sozialisten Partei, Gruppe Deutschland" (ASP).
Die antikapitalistische, antinationale, sozialistische
Kleinstpartei war bis Kriegsende "verdeckt tätig",
am 16. November 1918 trat sie mittels Manifest in der
Aktion an die Öffentlichkeit. Sie schaffte es wohl nie
über den Status einer Interessengemeinschaft von ein
paar engagierten KünstlerInnen hinaus, und dennoch scheint
die Umkehrung des gängigen Verhältnisses zwischen Partei
und Zeitung eine interessante Konstellation: Statt dass
eine Partei ihr publizistisches Organ schafft, gründet
die Zeitschrift im fortschreitenden Prozess der Organisierung
eine Partei. Über die Kollektivität und über die Quantität
der Verbreitung der Unternehmen um die "Aktion"
lässt sich zwar streiten, Benjamins Frage nach der Organisierung
muss im Fall Pfemferts aber als Organisationsprozess
linker Intellektueller in der zweiten Hälfte der 1910er
Jahre durchaus positiv beantwortet werden, vor allem
wegen der beschriebenen Versuche, im Umkreis der Aktion
und über die Zeitung hinausgehend an organisatorischer
Verkettung und Artikulation zu arbeiten.
Das gesamte Spektrum
des deutschen "Aktivismus" erscheint jedenfalls
als ein recht disparates Gefüge, das - grob skizziert
‑ aus einem rechten Aktivismus des Geistes gespeist
wird, der manchmal bis in Grenzbereiche des Antisemitischen,
Rassistischen
und Protofaschistischen
abgleitet, und aus einem linken Aktivismus der Aktion,
die ausgehend von ihrer Basis als Literaturzeitschrift
sich immer weiter radikalisierte und zu einer Agitationsplattform
für linksradikale Politiken wurde. Die Akteure changierten
vor allem in der ersten Hälfte der 1910er Jahre des
Öfteren zwischen den ausfransenden Lagern, und natürlich
gab es auch rechts von Hiller "Aktivismen"
aller Art. Wenn wir nun auf Benjamins Aufsatz zurückkommen,
der auf einen Pariser Vortragsentwurf
aus dem April 1934 zurückgeht, findet sich die Antwort
auf die Frage, warum gerade Hiller diese späte Aufmerksamkeit
zuteil wird, vielleicht auch im Kontext dieses Vortrags.
Benjamin verwendet
die Folie des "Aktivismus" hauptsächlich,
um in einem kommunistischen Kontext anerkannt linke,
aber rein inhaltistisch-agitatorische Strategien, das
heißt implizit vor allem die Spielarten des sozialistischen
Realismus zu kritisieren. Im kommunistischen "Institut
zum Studium des Faschismus" in Paris, das von der
Komintern kontrolliert wurde, hätte er sich mit
seinem derart ausgerichteten Vortrag auf Glatteis befunden,
das wusste er gut.Denn nicht erst die Kulturpolitik
Stalins, sondern auch die unterschiedlichen Positionen
Lenins, Bogdanovs und Lunatscharskis waren trotz äußerst
unterschiedlicher Vorstellungen von proletarischer Kultur
alle auf die Produktion und Präsentation von proletarischen
Inhalten gerichtet gewesen, und auch in Deutschland
gab es in den 1920er und 1930er Jahren in kommunistischen
Kreisen eine Linie der Forcierung des revolutionären
Inhalts zulasten der Form. Benjamin, der vor allem Technik
und organisierende Funktion der Kunstpraxis im Auge
hatte, vertrat eindeutig eine minoritäre Position.
Die reaktionäre Haltung Hillers hätte sich
gerade vor einem Publikum, das formalen Überlegungen
skeptisch gegenüber stand, als negativer Annäherungspunkt
und Substitut für einen Angriff auf den sozialistischen
Realismus geeignet. Auch wenn er gänzlich anderes
repräsentiert als die inhaltistische Position des
sozialistischen Realismus, Hiller vertritt in Benjamins
Vortrag die Position des Inhaltisten, der Sätze
wie diese geschrieben hat: "Aber in Wahrheit sind
alle wirklich großen Kunstwerke [...] groß
gewesen nicht durch die Vollkommenheit ihres spezifisch
Kunsthaften, sondern [...] durch die Erhabenheit ihres
Was, ihrer Idee, ihres Ziels, ihres Ethos. [...] Zieht
man von einem ihrer den Gehalt, die Idee, das Moralische
ab, so dass ihr ›Gestaltetes‹ bleibt, ‑
dann bleibt ein Schmarren!"
Der alte unfruchtbare Gegensatz von Inhalt und Form
durchzieht Hillers Schreiben, bei allem Pathos des Eingreifens
bleibt das "Was des Wollens" sein höchstes
Kriterium: "Form nun, als solche, ist leer",
"wesentlich bleibt, was gestaltet wird".
In der Position des deutschen "Aktivisten"
klingt damit zwar eine Debatte an, die auch in der sowjetischen
Kulturpolitik geläufig war, sie bleibt aber zugleich
aufgrund ihrer idealistischen Ausrichtung für materialistische
Haltungen völlig unanknüpfbar. Damit wird
der Diskurs um Hiller auch inhaltlich zu einer geeigneten
Folie für Benjamin, um die Praxen Bert Brechts
und Sergej Tretjakovs vor diesem Hintergrund als positive
Gegenbeispiele der Organisierung und der Veränderung
des Produktionsapparats herauszustellen.
Um noch ein paar
Sätze lang bei der Negativfolie zu verharren und gleichzeitig
auch auf die für Benjamin zentrale Frage zu kommen,
die Stellung des "Autors als Produzenten"
oder, weiter gefasst, die Stellung von Intellektuellen
und KünstlerInnen im Produktionsprozess zu untersuchen:
In der von Foucault entwickelten Unterscheidung von
"universalen" und "spezifischen Intellektuellen"
wäre die Position Hillers die eines Repräsentanten des
Universalen. Das Geistige entspricht damit einer universalen
Wahrheit, deren Träger, die Geistigen, repräsentieren
eine Universalität, die im Gegensatz zur unbewussten
Universalität des Proletariats dessen bewusste und ausgearbeitete
Form zu sein sucht. Die Geistigen als universale Intellektuelle
wären hier die weithin sichtbaren Vorbilder, beispielgebend
und herausleuchtend aus der dunklen Form des Proletariats.
Foucault beschreibt - auch hierin passt das Beispiel
von Hillers literarischem "Aktivismus" - den
universalen Intellektuellen vor allem anhand der Figur
des Schriftstellers und die Schwelle des Schreibens
als sakralisierendes Merkzeichen des Intellektuellen.
Diese Figur, die
SprecherInnen impliziert, die die stumme Wahrheit anderer
aussprechen, muss in emanzipatorisch-egalitären Zusammenhängen
notwendigerweise unter Beschuss geraten. Die Inhalte,
so Benjamin, die politische Tendenz fungieren gegenrevolutionär,
solange Produktionsinstrumente, -formen und -apparate,
das heißt auch das Verhältnis der "Geistigen"
als universale Intellektuelle zum Proletariat unverändert
bleiben. Nicht nur am Beispiel des "Aktivismus"
wird das klar, auch anhand der Neuen Sachlichkeit beschreibt
Benjamin, wie selbst die Fotografien des Elends zum
Gegenstand des Genusses werden, wie die künstlerische
Prozessierung einer politischen Situation "immer
neue Effekte zur Unterhaltung des Publikums abzugewinnen"
vermag, wie also der bürgerliche Produktions- und Publikationsapparat
mithilfe der Figur von KünstlerInnen/Intellektuellen
neben/über dem Proletariat revolutionäre Themen zu assimilieren,
sogar zu propagieren imstande ist.
Die schriftstellerische
Arbeit in der Position der TrägerInnen des Gesetzes
und KämpferInnen für die Gerechtigkeit, für
das Proletariat ist eine Anmaßung, der Ort der universalen
Intellektuellen ein unmöglicher. Wenn die Solidarität
der Intellektuellen mit dem Proletariat immer nur eine
vermittelte sein kann, müssen aufgrund sozialer und
Bildungsprivilegien dazu gewordene bürgerliche
Intellektuelle nach Benjamin "Verräter an ihrer
Ursprungsklasse" werden.
Dieser notwendige Verrat besteht in der Verwandlung
von Intellektuellen, die den Produktionsapparat mit
noch so revolutionären Inhalten lediglich beliefern,
in IngenieurInnen, die den Produktionsapparat verändern,
die in Benjamins Formulierung ihre Aufgabe darin erblicken,
"diesen den Zwecken der proletarischen Revolution
anzupassen".
Für eine Erneuerung
dieser Forderung Benjamins, den Produktionsapparat nicht
zu beliefern, sondern ihn zu verändern, scheinen mir
beide Aspekte gleichermaßen bedeutsam: Der erste Teil
der Forderung, den Produktionsapparat nicht zu beliefern,
wäre mithilfe von Deleuzes Kritik der Repräsentation
zu aktualisieren, vor allem einer Kritik des Rahmens
medialer Repräsentation und der Funktion, die Intellektuelle
und KünstlerInnen innerhalb dieses Rahmens ausfüllen.
Der zweite Teil der Forderung, nämlich den Produktionsapparat
auch zu verändern, findet sich in einer erweiterten
Form bei Foucaults Anspruch an die spezifischen Intellektuellen,
eine neue Politik der Wahrheit zu konstituieren. Sowohl
bei Deleuze als auch bei Foucault klingen Benjamins
Figuren und Begrifflichkeiten nach: Bei Deleuze ist
es der Topos des Verrats, mit dem die Intelligenz ihre
Klasse verlässt,
bei Foucault der "Spezialist", der von Benjamin
wiederum aus den begrifflichen Werkzeugkästen der russischen
Produktivisten übernommen wurde.
Gegen Foucaults Annahme
vom Verschwinden des großen Schriftstellers, des universalen
Intellektuellen sind in den letzten Jahrzehnten immer
neue Metamorphosen dieses Typus aufgetaucht, noch immer
in der Pose der autonomen Künstler und Denker, tatsächlich
jedoch in heteronomer Unterordnung unter Gefüge, in
deren Rahmen ihre Figuren bestimmte Funktionen erfüllen.
Gegen diese Pseudo-Revivals des klassischen bürgerlichen,
des universalen Intellektuellen, der zu allem gefragt
wird und auch zu allem etwas zu sagen hat, vor allem
an der Oberfläche der Medien und der instrumentellen
Think Tanks, geht es darum, diese medialen und politischen
Strukturen als Produktionsapparate nicht mit immer neuen
Inhalten zu beliefern, sondern die Belieferung zu verweigern,
aus der Maschine des Spektakels zu verschwinden, das
Spektakel zu verraten.
Das impliziert bis
zu einem gewissen Grad, insofern Intellektuelle in dieses
Spektakel involviert sind, auch einen Verrat an sich
selbst. Über die klassisch marxistische Formulierung
bei Benjamin hinausgehend könnte die Bewegung des "Verrats
an der bürgerlichen Klasse" also allgemein mit
den Worten von Deleuze/Parnet beschrieben werden als
die Position eines "Verräter[s] an seinem eigenen
Reich, an seinem Geschlecht, an seiner Klasse, seiner
Mehrheit".
Seine/ihre bürgerliche Ursprungsklasse zu verraten und
den Produktionsapparat der proletarischen Revolution
anzupassen hieße heute in erster Linie, vom Rahmen der
Repräsentation abzufallen. Wenn sich in den Raster der
möglichen Bilder und Aussagen von vornherein nur Akzeptables
einpassen lässt, und dieses Akzeptable von vornherein
rekuperiert ist, stellt sich die Frage nach einer zeitgenössischen
Form des Verrats. Gegen den Mechanismus des medialen
Rampenlichts, das die Inhalte heute in noch viel radikalerer
Art assimiliert, als die Reportage der Neuen Sachlichkeit
das vermochte, müsste es darum gehen, von der Bildfläche
zu verschwinden, unbekannt zu werden, die Spuren der
Prominenz zu verwischen. Nicht im Kampf der Intellektuellen
um Hegemonie in den Mainstream-Medien liegt der Schlüssel
zur Veränderung, sondern in einer Verweigerung dieses
Schaukampfes, einer Verweigerung der Rolle von KommentatorInnen
und StichwortgeberInnen im Rahmen von medialen Spektakeln.
Das Verhältnis zu diesem Rahmen zu unterbrechen, bestenfalls
durch solche Unterbrechungen auch eine Form des Störgeräusches
zu entwickeln, damit den Holzklotz der Sabotage in den
Apparat der Kommunikation zu werfen, darin besteht Deleuzes
Adaption der Forderung, den Produktionsapparat nicht
zu beliefern: "Schöpferisch sein ist stets etwas
anderes gewesen als kommunizieren. Das Wichtigste wird
vielleicht sein, leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation
zu schaffen, störende Unterbrechungen, um der Kontrolle
zu entgehen."
Pre-Release aus
Gerald Raunig, Kunst und Revolution. Künstlerischer
Aktivismus im langen 20. Jahrhundert, Wien: Turia +
Kant 2005
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